20. März 2013, 22:15 Uhr

Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank gibt Antworten

Wie reagiere ich, wenn Eltern ihre Kinder schlagen? Wie erkenne ich Notsituation? Was mache ich, wenn ich selbst mal überfordert bin? Diese und weitere Fragen hat Katia Saalfrank im Chat beantwortet.

Der Chat ist nun beendet.

Die Zuschauerfragen

Maren: Hallo, seit ich 13 bin lebe ich bei meinem Vater, jetzt bin ich 19. Meine Eltern sind schon lange geschieden und als noch bei meiner Mutter lebte gab es öfters Gewaltsituationen. Sie hat zum Beispiel Tassen nach mir geworfen und mich auch öfter mal verprügelt. Mein Vater ist depressiv und adipös. seit ich bei ihm lebe muss ich neben dem Abitur auch noch alles für ihn machen. Den Haushalt, Geld verdienen, Schulden abzahlen. Wenn ich mal was dazu sage, wird er böse und streitet alles ab, oder er redet Tage lang nicht mit mir. Oft traue ich mich dann auch nicht zu sagen, dass mich das ärgert und nervlich zu Grunde richtet. Ist das dann auch Gewalt? Lieber Gruß

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Hallo! Das ist jedenfalls machtvoll und es scheint nicht immer eine vertrauensvolle, liebevolle Beziehung zwischen Euch zu sein. Wichtig ist, dass Du Deine Grenze spürst und dann auch überlegst, wie Du diese wahren kannst. Gibt es Erwachsene mit denen Du sprechen kannst? Auch hier kannst Du Hilfe finden: https://www.nummergegenkummer.de/cms/website.php Jedenfalls musst Du etwas tun. Wenn Du es nicht tust, dann macht es keiner für Dich!

Chrissi K.: Ich bin eigentlich ein Vertreter davon, dass ein leichter Klaps oder Ohrfeige in Ausnahmesituation, also wenn das Kind etwas wirklich Schlimmes getan hat berechtigt und auch dem Kind manchmal nicht anders zu verdeutlichen ist. Auch grade, wenn das Kind sehr trotzig ist und auch seine Grenzen austestet. Ich habe selber einen 5 Monate alten Sohn, den ich in dem Alter nur mit aller Liebe behandele. Ich frage mich auf welche Art und Weise man mit dem Kind umgehen soll, wenn es etwas sehr Schlimmes angestellt hat oder trotz aller Worte einfach nicht hören will und auch eine typische Trotzphase hat?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Der Klaps und auch die Ohrfeige sind nicht nur gesetzlich verboten, es ist auch absolut destruktiv. Wie soll das Kind Ihre Grenze einhalten, wenn Sie ihm mit den Schlägen zeigen, dass Sie die Grenze des Kindes nicht wahren. Kinder sind Teamworker und wollen mit uns Erwachsenen zusammenarbeiten und ihre Eltern glücklich machen. Das heißt, sie machen das nicht mit Absicht auch, wenn wir das so wahrnehmen. Gerade in der Trotzphase brauchen Kinder auch gute Begleitung und jemanden, der auch versteht, dass sie selbst entscheiden wollen. Das ist für Eltern nicht ganz einfach. Vielleicht schauen Sie mal in das Buch: Du bist ok, so wie Du bist. Da sind genau solche Situationen beschrieben und das Wesen der Trotzphase wird erklärt.

annette pötzsch: Hallo Frau Salfrank, Ich bin Lehrerin am Gymnasium. Immer wenn ich eine Arbeit zurück gebe sagt eine Schülerin öfters das sie bei schlechten Noten geschlagen wird. Was soll ich tun???

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Hallo! Jedenfalls mit der Schülerin noch mal sprechen und dann auch mit den Eltern und versuchen ein wenig Druck aus dem Ganzen zu nehmen. Unter Druck lässt es sich nicht gut lernen und vielleicht können Sie, Ihre Schülerin und die Eltern gemeinsam überlegen, wie man das Kind zusammen unterstützen kann.

Natalie: Hallo Ich bin mit meinem 3 Jährigen Sohn zwischendurch schon sehr überfordert und habe ihn auch schon geschlagen, was mich selbst sehr erschreckt. Mein großer Sohn kennt das von mir gar nicht, den habe ich nie geschlagen und ich habe da auch ein wenig Angst, dass es schlimmer wird. Das möchte ich natürlich nicht, ich bin eigentlich auch völlig gegen Gewalt und das macht mich zusätlich auch total fertig. Früher habe ich immer Ihre Sendung gesehen und musste danach meinen damals einzigen Sohn immer ganz dolle in den Arm nehmen, weil ich das so schlimm fand, wie manche Eltern reagiert haben und nun reagiere ich fast auch schon so. Das macht mir große Angst. Wie kann ich das in den Griff bekommen bzw. an wen kann ich mich da wenden um Hilfe zu bekommen, meine innere Ruhe wieder zu finden?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Hallo! Es passiert oft, dass wir eigenen erfahrenen Beziehungsmuster oft unbewusst weitergeben. Das kann nur unterbrochen werden, wenn wir anfangen das zu verstehen und neue Handlungsalternativen finden. Das ist in einer individuellen Beratung, in Gesprächen durchaus möglich. Hier sind Adressen, die eventuell helfen können: http://www.buendnis-fuer-kinder.de/ http://www.elterntelefon.de/ Alles Gute!

Annika: Guten Abend Frau Saalfrank, ich bin Mutter einer 11 Monate jungen Tochter. Ich liebe sie über alles und ich zeige ihr das, wo und wie es nur geht. Aber manchmal habe ich das Gefühl, zu hart zu sein. Ich werde zu schnell ungeduldig und laut, wenn sie beispielsweise nicht von den (geschützten) Steckdosen weggeht, mir beim stillen in die Brust beißt, etc. Ich würde nie handgreiflich werden, aber selbst, daß ich sie anschnauze, sie böse anschaue und sie dann weint, bereitet mir unmittelbar danach ein schlechtes Gewissen. Ich entschuldige mich, aber ich kann oft nicht an mich halten. Haben Sie einen Tip, wie ich ihr und mir gegenüber ruhiger werde?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Wichtig ist: Die Umgebung kindersicher zu machen. Steckdosen kann man sichern. Musikanlagen nach oben stellen, Kabel wegräumen und Pflanzen vom Boden hochstellen. Das Kind muss sich möglichst frei bewegen können, dann der Stresspegel der Eltern schon mal geringer. Dann ist wesentlich zu verstehen und sich bewusst zu machen, dass das neugierige erkunden der Wohnung nicht gegen uns Eltern gerichtet ist. Kinder brauchen das, es ist normal und wäre schlimm, wenn sie das nicht machen würden. Versuchen Sie zu ergründen, was Sie in den Momenten so sehr ärgert, denn Ihr Kind braucht diese Form der Entwicklung. Es wäre gut, wenn Sie ihr diese Umgebung stressfrei zur Verfügung stellen könnten. Wenn Sie zu ärgerlich sind, verlassen Sie lieber den Raum für einige Minuten und kommen Sie wieder, wenn Sie sich beruhigt haben.

Christin: Hallo! Ich bin jetzt in der Ausbildung zur Ärztin. Welche Möglichkeiten habe ich, wenn ich den Verdacht habe, dass ein kleiner Patient misshandelt wurde, wen kann ich informieren ohne meine Schweigepflicht zu verletzen?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Die Rechtslage ist unklar. Die Bundesärztekammer hat hier unter: http://www.bundesaerztekammer.de/page.asp?his=1.117.6920 Informationen zusammengestellt.

.twCeline: Hallo, Ich kann leider nicht verstehen, wie Leute Tatenlos dabei zusehen, wie Kindern oder Babys so etwas angetan werden kann. Ich werde in 2 Tagen, auch erst 15 Jahre alt und habe in Meiner Kindheit sehr viel Gewalt erfahren, daher kann ich nicht verstehen, wie man dort weggucken kann. Zu meiner Frage: Was ist der Grund, warum Menschen einfach weitergehen ohne zu handeln? Ist es die Angst, selbst angeschrien oder geschlagen zu werden oder wie. ist es?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Hallo! Ich glaube, dass wir alle noch nicht wirklich in unserem Bewusstsein haben, dass es Unrecht ist, wenn wir Kinder schlagen. Die Ohrfeige, der "Klaps", das wird oft verharmlost. Ich denke, dass hier noch eine Menge zu tun ist und dass das Wegschauen nicht nur mit der Angst selbst angeschrien zu werden erklärt werden kann.

aucheinemama: Hallo wir bekommen immer wieder mal mit dass unsere Nachbarin ihre Kinder schubbst und die Tochter von ihr erzählt in der Schule dass sie Schläge bekommt wenn sie eine schlechte Note schreibt, leider sind diese Leute sehr komisch so dass man auch nicht mit ihnen reden kann. Eine andere Nachbarin hat das mal versucht und seitdem reden diese Leute nur schlecht und nur Lügen...was können wir machen oder sollen wir weiter abwarten?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Hallo! Es bleibt hier nur die Kontaktaufnahme zu den Eltern, immer wieder versuchen Bewusstsein zu schaffen oder, wenn man es mitbekommt dann auch direkt zu handeln. Abwarten ist keine Lösung, zumal Sie ja klare Indizien haben. Wenn sich der Verdacht erhärtet, dann muss die Polizei oder auch das Jugendamt eingeschaltet werden.

Diana aus Neumünster: Gutes Beispiel war die Ohrfeige im Supermarkt. Wie reagiere ich bei Beobachtung von Gewalt an Kindern, wenn die Eltern "beratungsresistent" sind und mir entgegensetzen, ich solle mich da heraushalten. Dies habe ich schon erfahren müssen. Rufe ich in so einem Fall in Zukunft dann gleich die Polizei?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Ja, das ist schwierig und auch immer die Gefahr. Dennoch ist es wichtig, dass wir handeln. Zur Not dann eben auch die Polizei holen. Fingerspitzengefühl ist aber jedenfalls notwendig. Wenn wir deeskalieren wollen, dann dürfen wir nicht mit unserer eigenen Wut die Eltern ansprechen. Meistens ist es gut, wenn man fragt, ob man irgendwie helfen kann und versucht ins Gespräch zu kommen.

Melanie: Wie kann man sich als kind oder Jugendliche dagegen schützen ?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Hallo! Wenn Du betroffen bist, hast Du nur eine Chance: Du musst Dich bemerkbar machen. Sprich mit Vertrauenspersonen darüber, z.B. einem Lehrer oder auch Freunden, bzw. anderen Erwachsenen. Hier kannst Du auch Hilfe finden: www.junoma.de Hier arbeiten rund um die Uhr Pädagogen und Psychologen, die Dir helfen können. Gut ist, dass Du hier erstmal anonym bleiben kannst. Alles Gute!

Fifikuss: Guten Abend Frau Saalfrank, Über meine Mutter habe ich neulich erfahren, dass unsere Nachbarin bemerkt hat, dass ein 10-Jähriger Junge aus ihrem Bogenschießverein blaue Flecken an den Armen und im Bauchbereich hat und diese auch zu verstecken versucht. Diese Feststellung hat unsere Nachbarin vor 5 Monaten gemacht. Aber sie hat sich nicht eingemischt oder das Jugendamt verständigt. Was kann ich tun? Wäre es zu viel, wenn ich mich als "vollkommen unbeteiligte Person " sozusagen einmische? viele Grüße

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Hallo, ich würde zunächst die Nachbarin ansprechen und mich persönlich informieren und dann ggf. auch handeln.

StephanieNiemann: hallo, habe da mal eine frage. ich bin vor 5 Wochen mutter eines jungen geworden. manchmal fühle ich mich überfordert und denke ich mache alles falsch und versuche dann natürlich erstrecht keinen fehler zu machen. was kann ich tun, um ruhiger zu werden? was eben in der Sendung gezeigt wurde, habe ich am eigenen leib über viele jahre spühren müssen. mein stiefvater hat mich ständig nur verprügelt. ich will dieses gefühl nicht weiter geben. haben sie da vielleicht einen tipp für mich?

Katia Saalfrank

Katia Saalfrank: Hallo, wenn wir Kinder bekommen, dann ist es immer eine neue Situation. Lass Dich nicht unter Druck setzen und setz Dich selbst nicht unter Druck. Lern Dein Kind kennen, was es mag, was es nicht mag, wer es ist und was es braucht, eben die Eigenheiten... so, wie wir Erwachsene diese haben, so haben Kinder diese auch schon von Geburt an. Deshalb kannst Du im Prinzip auch nichts "richtig" oder "falsch" machen. Du machst Erfahrungen mit dem Kind und Deinem Elternsein und mal läuft es gut und mal ist es nicht das, was Du möchtest, dann machst Du es das nächste Mal wieder anders. Wir wachsen mit jedem Kind mit und müssen keine perfekten Eltern sein. Wichtig ist, dass Du in der Überforderung nicht selbst schlägst auch, wenn Du es erfahren hast. Also, dann lieber aus dem Zimmer gehen und nach ein paar Minuten wiederkommen. Alles Gute!

 
 
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