5. September 2012, 22:15 Uhr

Arbeiten zum Dumpinglohn

Überstunden und Dumpinglöhne - dazu meldeten sich bei uns auch viele Angestellte der Kette Klier. stern TV hat die Lohnphilosophie des Unternehmens durchleuchtet und Arbeitgeber Klier Fragen gestellt.

Moderne Sklaverei." - "Du funktionierst nur noch" - "Massenabfertigung" - stand in vielen E-Mails von Zuschauern, die nach der Sendung vom 4. Juli 2012 an stern TV schrieben. Das Thema: Billigfriseure und die niedrigen Löhne der Mitarbeiter.

Allein in Deutschland arbeiten über eine viertel Million Arbeitnehmer in der Friseurbranche, viele von Ihnen bei Discountern. Unbezahlte Überstunden und untertarifliche Dumpinglöhne sind hier die Regel. Das kann auch Detlef Gehlhaar bestätigen. Er erfand das Discountkonzept für Friseure, eröffnete vor 16 Jahren die ersten Billigsalons. Zuerst in Bremen, dann in Hannover und in Berlin. Zwanzig D-Mark für einen Haarschnitt - in den Medien wurde Gehlhaar bejubelt. "Das war diese Mentalität 'Geiz ist geil'", so Gehlhaar.

Doch als immer mehr Salons sein Billigkonzept kopieren, gerät der Friseur finanziell unter Druck. "Da wurde bei den Produkten gespart, da wurde bei den Arbeitskräften gespart und da wurde bei der Weiterbildung gespart. Wir sahen da nicht mehr die Möglichkeit, Mitarbeiter langfristig für das Unternehmen zu begeistern", sagt Detlef Gehlhaar. Heute kostet ein Haarschnitt in seinem Salon wieder 25 bis 33 Euro. Einen Discountsalon würde er nie wieder eröffnen.

Nettolöhne unter 700 Euro

Zwischen 20 und 40 Euro kostet auch ein Haarschnitt bei Klier. Das sind keine Discountpreise. Insgesamt arbeiten in den über 1000 Friseurläden der Kette, zu der unter anderem auch "Cut &Color", "Der Frisör der kleinen Preise" und der Frisörgroßhandel "Cosmo" gehören, etwa 8000 Mitarbeiter. Die meisten Angestellten bei Klier können von ihrem Gehalt ebenfalls kaum leben.

Auch stern TV-Zuschauer Matthias Pieters war bei Klier angestellt. Anfang des Jahres fasste der Friseur-Geselle den Entschluss, innerhalb des Unternehmens in Braunschweig in eine Filiale nach Berlin zu wechseln. In Niedersachsen betrug sein Bruttogehalt 1239 Euro. In Berlin sollte er "etwas weniger" verdienen. Laut Arbeitsvertrag waren das schließlich nur noch 805 Euro - 692 Euro netto. Für mehr als 40 Stunden Arbeit pro Woche ein Lohn, der zum Leben kaum reicht. "Die erste Abrechnung in Berlin war ein Schock", sagt Matthias Pieters. "Ich hatte Existenzängste. Miete geht ab, Handy geht ab, man muss die Monatskarte bezahlen und du musst von was leben können!"

Nachdem er inzwischen als stellvertretende Salonleitung eingesetzt wurde, bekam der Friseur auf seine Bitte um eine Gehaltserhöhung von der Bereichsleitung gesagt, er solle sich das Geld doch vom Amt wiederholen, erinnert sich Matthias Pieters. 'Wenn er es nicht mache, sei er selber schuld und dumm, weil das jeder machen würde, der als Friseur arbeitet.'

Staatliche Zuschüsse trotz Vollzeitstelle

Ähnlich ging es Jennifer K. Die Friseurgesellin arbeitete bei Klier in Sachsen-Anhalt und wurde dort mit 613 Euro entlohnt. Ihr Nettolohn betrug 516 Euro. Auch sie wurde ohne jeglichen Mehrlohn lange Zeit als stellvertretende Salonleitung eingesetzt. Darüber hinaus galt in ihrem Vertrag das verpflichtende Flexiprogramm: Das bedeutet, dass die Mitarbeiter in den umsatzschwachen Monaten Januar und Februar zwei Tage Gehalt abgezogen und dafür vier Tage Urlaub bekommen - ob sie wollen, oder nicht. In diesen Monaten bekam Jennifer K. nur noch 477 Euro überwiesen. Wie viele andere voll arbeitende Friseure war auch sie auf staatliche Zuschüsse angewiesen, in ihrem Fall Wohngeld.

Dennoch wirbt Klier mit attraktiven Prämienmodellen und "übertariflichen Leistungen". Matthias Pieters und Jennifer K. haben davon nichts bemerkt. Ihnen blieb nur die Kündigung ihres Jobs. Um über die Runden zu kommen, arbeiten sie inzwischen nicht mehr als Friseur. "Es müssen attraktive Arbeitsbedingungen und Gehälter geschaffen werden, sonst stirbt der Beruf 'Friseur' aus", mahnt Frank Schischefsky von der Gewerkschaft Verdi. "Eine Grundbedingung hierfür ist ein Tarifvertrag und die Allgemeinverbindlichkeit dessen." Doch von verbindlichen Tarifverträgen können viele Friseurangestellte in Deutschland nur träumen. Denn ein tariflich geregeltes, realistisches Gehalt gibt es für Friseure nur in wenigen Bundesländern. Frank Schischefsky empfiehlt: "Der Druck hierfür muss von den Beschäftigten ausgehen. Sie sollten sich in einer Gewerkschaft organisieren und mit Gewerkschaftshilfe Tarifverträge abschließen."

In vielen anderen Branchen sieht die Lohnrealität nicht anders aus: Stundenlöhne unter 7,50 Euro, vielfach sogar unter 5 Euro sind für Millionen Arbeitnehmer in Deutschland Realität.

Unterstützung und Beratung für Niedriglohnberufler Untertarifliche Bezahlung, undurchsichtige Verträge und schlechte Arbeitsbedingungen sind in vielen Branchen verbreitet. Unterstützung und Beratung bieten unter anderem die Gewerkschaften. Sie vertreten die Rechte ihrer Mitglieder und helfen bei arbeitsrechtlichen Streitigkeiten: Verdi ist eine der größten Dienstleistungsgewerkschaften Deutschlands und vertritt Branchenangehörige aus Ver- und Entsorgung, Gesundheit, Telekommunikation, Handel und anderen. Informationen, welcher Fachbereich und Landesbezirk für Sie und Ihren Berufszweig zuständig ist, finden Sie auf www.verdi.de.


Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten NGG vertritt schwerpunktmäßig die Interessen der Beschäftigten aus dem Gast- und Backgewerbe sowie der Fleischwarenindustrie. Auf der Internetseite der NGG finden Sie einen Überblick über sämtliche, vertretene Branchen, Leistungen und Bezirksbüros der NGG.


Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt IG BAU ist vor allem für das Baugewerbe, die Agrar- und Forstwirtschaft und das Gebäudemanagement zuständig. Weitere Informationen rund um die IG Bau und ihre Landesbezirke finden Sie unter www.igbau.de.

 
 
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