Gefährliche Hüftgelenkprothesen:
Informationen für Betroffene
Hüftprothesen mit Metalllegierungen können schwere gesundheitliche Schäden hervorrufen. Doch welche sind betroffen? Und was bedeutet das für Patienten, die eine solche Prothese in sich tragen?
Als möglicherweise problematisch haben sich Hüftgelenkprothesen gezeigt, die eine Kobalt-Chrom-Legierung enthalten. Auffällig wurden vor allem die Metall-auf-Metall-Prothesen, die 2003 von der Firma DePuy unter dem Namen "ASR XL-Hüftkopfsystem mit extragroßen Metallköpfen" und von der Firma Zimmer unter dem Namen "Durom Metasul LDH" auf den Markt gebracht wurden. Hier bestehen sowohl Pfanne als auch Kopf des Gelenks aus Metall. Bei beiden Gelenken kam es zu Problemen durch Metallabrieb.
DePuy startete im August 2010 einen freiwilligen Rückruf. Im Rahmen der Rückrufaktion wurden die Patienten, die das Hüftkopfsystem trugen, informiert und zu zusätzlichen Untersuchungen gebeten.
Beim "Durom Metasul LDH" von Zimmer kam es in mehreren Fällen zu Verschleiß und Metallabrieb. Die Abkürzung LDH steht für "Large Diameter Head" und bezeichnet die Größe des Hüftkopfes. Die Probleme mit diesem Hüftgelenk sind nur bei der LDH-Variante, also der Großkopfvariante des Systems, aufgetreten.
Die medizinische Fachzeitschrift "The Lancet" (2012) beschreibt eine Studie, nach der besonders die großen (52mm/Männer und 46mm/Frauen) Metall-auf-Metall-Prothesen auffallend häufig nach wenigen Jahren erneut operiert und ausgetauscht werden müssen.
Die Implantation von Hüftprothesen zählt zu den häufigsten orthopädischen Operationen: Allein in Deutschland werden jährlich ungefähr 200.000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt.
Das ASR-Modell von DePuy wurde in Deutschland etwa 5500 Patienten implantiert, bis es vom Markt genommen wurde. Das Durom Metasul LDH-Modell von Zimmer rund 1500 Mal.
In der Loretto-Klinik in Freiburg wurde von 2003 bis 2008 etwa 770 Patienten das LDH-System von Zimmer implantiert – insgesamt 805 Hüftgelenkprothesen, da manche Patienten gleich zwei neue Gelenke bekamen. Im August 2009 wurden die Patienten in einem Schreiben von der Klinik über den möglichen Metallabrieb informiert und zu regelmäßigen Untersuchungen gebeten. Ende August 2012 hatte man bereits 186 Revisionsoperationen durchgeführt, in denen schadhafte Gelenkprothesen ausgetauscht worden waren.
Ein Metallabrieb tritt nicht zwingend in allen Hüftgelenken mit Metalllegierungen auf. Kommt es zu einem Abrieb, können kleinste Teilchen von Kobalt und Chrom ins Gewebe und in die Blutbahn gelangen und sich dadurch im Körper anreichern. Die Folge ist eine erhöhte Konzentration dieser Schwermetalle, die in einem Bluttest nachgewiesen werden kann. Eine derartige Vergiftung kann Herzmuskelentzündungen auslösen und andere Organe wie Leber, Milz, Nieren und sogar das Gehirn schwer belasten.
Durch den Abrieb können auch die Gelenkprothesen selbst schadhaft werden, Löcher bekommen und sich Splitter lösen, die umliegendes Weichteil- und Knochengewebe schädigen („Knochenfraß“). Die Folge sind Schmerzen, Probleme beim Gehen und Prothesenlockerungen, sodass eine Austauschoperation (sog. Revisionsoperation) notwendig wird.
Patienten, die das zurückgerufene Modell der Firma DePuy erhalten haben, sollten im Jahr 2010 durch ein Schreiben von ihrer Klinik oder Krankenkasse informiert worden sein, in dem sie zu regelmäßigen Kontrollen gebeten wurden.
Ebenso Patienten, die die Durom Metasul LDH-Prothese der Firma Zimmer an der Loretto-Klinik implantiert bekamen. Von der Klinik wurde im August 2009 ein entsprechendes Schreiben verschickt.
Generell empfehlen Orthopäden allen Patienten, die eine Prothese mit einer Metalllegierung haben, jährliche Bluttests, in denen die Kobalt- und Chromkonzentration im Blut festgestellt wird. Mittels Röntgenaufnahmen können außerdem krankhafte Veränderungen an den Prothesen festgestellt werden.
Aufgrund der hohen Zahl an Betroffenen hat sich in Freiburg die "Selbsthilfegruppe Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen e.V." gegründet, die auf ihrer Internetseite informiert und ein Formblatt bereitstellt, in das Sie die Daten aus Ihrem Prothesenpass eintragen können. Das hilft Ihnen herauszufinden, ob auch Sie von der fehlerhaften Durom Metasul LDH-Großkopfhüftprothese betroffen sind.
Im Zweifel können Sie bei Ihrer Klinik oder Ihrer Krankenkasse nachfragen, ob Sie betroffen sind und wer die Kosten für Kontrolluntersuchungen übernimmt.
Revisionsoperationen sind Wechseloperationen, bei denen die Gelenkprothesen ausgetauscht werden. Meist werden dabei Pfanne und Kopf des Gelenks ausgetauscht, während der Schaft im Knochen verbleibt.
Der häufigste Grund für eine Revisionsoperation ist eine Prothesenlockerung, etwa durch eine akute oder chronische Entzündung. Auslöser kann eine Gewebereaktion auf kleinste Abriebpartikel des Prothesenmaterials sein. Die Folge: Das Gelenk verliert seinen Halt. Sobald sich derartige Veränderungen feststellen lassen, sollte eine Revisionsoperation erfolgen. Ebenso bei einer Erhöhung der Blutwerte von Chrom und Kobalt.
Die Ausgangslage für eine erfolgreiche Schadenersatz- und/oder Schmerzensgeldklage ist schwierig, da Patienten bei einer Klage in der Regel in Vorleistung gehen müssen. Wenn ein Produktfehler vorliegt, haftet laut geltendem Recht in der Regel der Hersteller. Der Patient muss aber - etwa mittels Gutachten – nachweisen können, dass das Produkt tatsächlich Mängel hatte und diese für den erlittenen Schaden verantwortlich sind. Im Falle des "Durom Metasul LDH Hüftgelenks" ist die Schuldfrage nicht geklärt: Die Firma Zimmer führt den Metallabrieb auf einen Operationsfehler der Ärzte zurück, da diese Fälle laut Zimmer ausschließlich am Freiburger Loretto-Klinikum aufgetreten seien. Die Loretto-Klinik dagegen sagt, dass die Prothesen schadhaft seien. Dennoch gibt es bereits eine Reihe von Patientenklagen gegen Klinik oder Hersteller. In zwei Fällen klagt die Krankenkasse. In allen Rechtsstreitigkeiten geht es um Schadensersatz und Schmerzensgeld.
Laut der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschlands“ ist es ratsam, sich mit Forderungen immer zunächst an die Klinik als den Vertragspartner zu halten. Ganz am Anfang sollte aber eine Beratung durch eine unabhängige Stelle stehen, die Hilfestellung geben oder ein Musterschreiben zur Verfügung stellen kann. Ratsam ist es auch, den Kontakt zu anderen Geschädigten zu suchen, das Vorgehen abzusprechen und Erfahrungen auszutauschen.
Hinweise zu Vorgehensweise und zur Übernahme von Kosten für juristischen Beistand finden Sie auf der Internetseite der "Selbsthilfegruppe Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen e.V." unter www.durom-hueftprobleme.de
Die Firma DePuy hat sich in Verbindung mit dem ASR-Rückruf bereit erklärt, Patienten alle mit einer notwendigen Revisionsoperation verbundenen Kosten zu erstatten.
Patienten bleibt lediglich die Möglichkeit, sich bei ihrem Arzt über Erfahrungen mit den jeweiligen Produkten zu informieren - etwa wie oft ein Gelenk schon eingesetzt wurde, wie es um die Zahl der Revisionsoperationen und die Haltbarkeit steht und welche möglicherweise alternativen Gelenke oder Therapien es gibt.
Ein Register über Prothesen, in die der normale Verbraucher Einblick hätte, gibt es leider noch nicht.
Aufgrund der hohen Zahl von Betroffenen wurde in Freiburg die "Selbsthilfegruppe Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen e.V." gegründet, die umfassend zum Thema informiert unter:
www.durom-hueftprobleme.de
Dort finden auch Patienten mit dem DePuy-Hüftgelenksystem Informationen.
ASR-Patienten aus Deutschland stellt DePuy ausführliche Informationen auf ihrer Website zur Verfügung. Betroffene können sich zudem für weitere Fragen an die extra eingerichtete, kostenlose Hotline wenden:
Telefon: 0800 589 26 12
Die "Unabhängige Patientenberatung Deutschland" hilft in Beratungsstellen, telefonisch oder per Online-Anfrage kostenfrei bei der Klärung wesentlicher Fragen zum Beispiel zu Behandlungsmethoden, spezifischen Hilfsangeboten oder Kostenübernahme:
Eine weitere Anlaufstelle für medizinrechtliche Fragen oder Probleme mit Krankenversicherern ist das Medizinrechts-Beratungsnetz. Dort können Sie einen Beratungsschein erhalten für ein kostenloses Orientierungsgespräch mit einem Anwalt in Ihrer Nähe unter:
Bei vielen Betroffenen wird die Gefahr erst spät erkannt: eine Vergiftung des Körpers durch Metallabrieb im künstlichen Hüftgelenk. Mindestens einen Patienten hat das beinahe das Leben gekostet.
Forscher warnen, dass Metall-auf-Metall-Gelenke schädlich sein können. Erst kürzlich musste ein Hersteller sein Modell vom Markt nehmen. Nun wird geprüft, ob die Hüftprothesen verboten werden sollen.