"Je mehr Sex, desto besser"

17. September 2008, 22:15 Uhr

Das erste Mal mit 11, Gruppensex mit 14, selbstgedrehte Pornos mit 16 Jahren: Immer mehr Jugendliche betreiben Sex als Leistungsschau. "Aber wozu Küssen gut sein soll, wissen sie nicht", sagt Bernd Siggelkow im Interview mit stern TV. "Denn Küssen kommt im Porno nicht vor."

Bernd Siggelkow: "Kinder setzen Welt der Pornos mit der realen Welt gleich"©

"Deutschlands sexuelle Tragödie - Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist" ist der Titel eines schockierenden Buches. Die Autoren Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher berichten von emotional verwahrlosten Jugendlichen, die sich in die Welt der Sexualität flüchten. Immer jünger, immer häufiger und heftiger gehe es zur Sache: Im Kindergarten spielt man Gruppensex, 15-jährige verkaufen selbst gedrehte Privatpornos auf dem Schulhof, und 17-jährige Mädchen sind stolz auf ihre 50 Liebhaber.

"Das sind nicht nur ein paar Durchgeknallte", sagt Siggelkow, der das Kinder- und Jugendwerk "Arche" in Berlin gegründet hat. Er schätzt, bereits fünf bis zehn Prozent der Jugendlichen sind sexuell völlig desorientiert.

Herr Siggelkow, was meinen Sie mit sexueller Verwahrlosung?

Früher wurden Mädchen als "Schlampen" oder "Huren" beschimpft, wenn sie in jungen Jahren mit drei, vier Jungen geschlafen hatten. Heute ist es genau umgekehrt: Je mehr Sexualpartner, desto cooler ist man. Da herrscht regelrecht Leistungsdruck. Immer mehr Jugendliche definieren sich über Sex, weil sie sonst nichts anderes haben, mit dem sie sich identifizieren können.

In Ihrem Buch beschreiben Sie unter anderem, dass manche Eltern schon mit fünfjährigen Kindern Pornofilme anschauen.

Viele sind zu jung, wenn sie Eltern werden. Die machen sich wenig Gedanken darüber, was ihren Kindern nützt oder schadet. Wir haben einmal eine Mutter darauf angesprochen, die mit ihren fünf- und siebenjährigen Kindern Pornofilme angesehen hat. Sie hat nicht verstanden, dass die Bilder eine Wirkung haben könnten, und meinte: "Was ist denn dabei, es ist doch nur Sex."

Hat sich das Problem in den vergangenen Jahren verschärft?

Das Grundproblem ist: Wir gehen immer lockerer mit Sexualität und Pornographie um, aber wir klären unsere Kinder immer weniger auf. Besonders dramatisch ist die Entwicklung seit vier, fünf Jahren - seitdem der Internetkonsum über Flatrates erschwinglich und das Internet 24 Stunden am Tag für jeden verfügbar geworden ist.

Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Wir wollen die Gesellschaft für das Problem sensibilisieren. Es geht hier nicht um ein paar durchgeknallte Jugendliche, sondern um eine Welle, die auf uns zurollt. Bei meiner Arbeit ist mir aufgefallen, wie viele Kinder sich über Sexualität definieren. Ich habe z.B. oft erlebt, dass Vier- oder Fünfjährige im Kindergarten Stellungen nachspielen. Wenn ich sie fragte: "Sagt mal, was macht ihr denn da?", bekam ich zu hören: "So machen unsere Eltern Sex." Das bringt einen ins Grübeln. Ich glaube, wir müssen mit den Kindern darüber sprechen - und wir müssen auch die Eltern aufklären.

Wofür steht Sex bei den Jugendlichen?

Einmal hat mich eine Elfjährige gefragt: "Bernd, bin ich hässlich? Mit mir war nämlich noch nie ein Mann im Bett." Ich glaube, viele dieser sexuell desorientierten Jugendlichen suchen die Liebe und Anerkennung, die sie nie bekommen haben. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, wollen einen festen Freund und später Kinder haben. Aber je mehr Partner und je häufiger sie unüberlegt Sex in jungen Jahren haben, desto beziehungsunfähiger werden sie.

Verwechseln sie Sex mit Liebe?

Viele Jugendliche unterscheiden nicht zwischen der Welt der Pornos und der normalen Welt. Sie beziehen einen wesentlichen Teil ihrer Bildung aus der Bildzeitung, von Porno-Rappern und aus Sexfilmen. Dass sie Pornos interessant finden, ist normal, das war schon immer so. Aber heutzutage wird das nicht mehr gefiltert, sie leben in Familien, in denen nicht darüber gesprochen wird und die Bilder als etwas Irreales eingeordnet werden. Viele Jugendliche küssen sich nicht mehr - weil im Porno nicht geküsst wird. Sie verhüten nicht - weil im Porno nicht verhütet wird.

Ist die sexuelle Verwahrlosung ein Unterschichten-Problem?

Nicht nur, aber vor allem tritt es in sozial schwachen Familien auf.

Warum?

Das Problem dieser Familien ist die Perspektivlosigkeit. Sie leben oft nur für den Tag, denken nicht an die Zukunft, und ihnen ist relativ egal, was um sie herum passiert. So bleibt auch die Schlafzimmertür beim Sex auf. Dass die Kinder das alles mitbekommen, geschieht meistens aus Nachlässigkeit, nicht absichtlich. Bei all ihren Problemen übersehen die Erwachsenen die Bedürfnisse der Kinder und behandeln sie wie andere Erwachsene.

Wie viele Kinder sind von sexueller Verwahrlosung bedroht?

Das ist natürlich schwer zu schätzen. Ich glaube, mindestens fünf bis zehn Prozent unserer Kinder sind davon betroffen. Am stärksten wächst das Problem in Ballungszentren.

Was kann man tun, um der sexuellen Verwahrlosung entgegen zu treten?

Erstens: Man muss die Kinder besser vor Pornos aus dem Internet schützen. Auch auf Handys sollte man Sperren einbauen, damit auf dem Schulhof nicht mehr so leicht Pornos getauscht werden können. Zweitens: Der biologische Ansatz des Aufklärungsunterrichts in der Schule ist falsch, er geht an den Jugendlichen vorbei. Drittens: Es sollte feste Ansprechpartner geben, die mit den Kindern unbefangen über Sexualität reden. Leider ist das z.B. auch in der Kirche häufig verpönt und Sex ein Tabu. Viertens: Wir brauchen ganz dringend eine umfassende wissenschaftliche Studie, die das veränderte Sexualverhalten der Jugendlichen in Deutschland und Europa untersucht.

stern TV-Forum Sind Jugendliche heutzutage enthemmter als früher? Haben Sie ähnliche Beobachtungen gemacht? Diskussion zum Thema im stern TV-Forum "Generation Porno"

Weitere Informationen Buchtipp: "Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist" von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher. Gerth Medien, ISBN 978-3865913463.

Bernd Siggelkow gründete in Belin-Hellersdorf das christliche Kinder- und Jugendwerk "Arche".
www.kinderprojekt-arche.de

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KOMMENTARE (10 von 10)
 
Caroline-NL (21.09.2008, 13:45 Uhr)
@Regierungsbeamter
"Mütter die Ihren 15 Jahre alten Töchtern Pornos zu schauen geben ?"
In DK sind Pornos bis heute bereits ab 15 freigegeben. Eine solche sexuelle Verrohung wie in D gibt es dort aber nicht, seltsam oder ?
Die Mutter meiner holländischen Austauschschülerin hat mir auch mit 14 Pornos gezeigt, war damals in den 90ern auch in den NL legal, außerdem hat sie mich auch vorher gefragt, nur ist Porno ja nicht gleich Porno.
Genausowenig wie z.B. jemand Hitchcock und "Zombie Massaker" gleichsetzen würde. Nur bei Pornographie wird in den Publikumszeitschriften nie differenziert.
Caroline-NL (21.09.2008, 13:39 Uhr)
Unterschichtenproblem - wie oft will der "STERN" dieses Thema noch aufwärmen ?!
Dies ist ganz klar ein Unterschichtenproblem. Eine emotionale, kulturelle, gesundheitliche und soziale Verwahrlosung bedingt natürlich auch eine sexuelle Verwahrlosung.
Ich schaue auch seit meinem 14.Lebensjahr Pornos, bin jetzt 29 und weder sexuell verwahrlost, noch "durchgeknallt", noch "ohne Perspektive". Ich schaue mir aber natürlich als Frau keine frauenverachtenden Pornos an, in den skand. und niederländischen Filmen, die ich mir ansehe, wird in fast jedem Film geküsst. In deutschen Pornos sicherlich nicht, die sind aber ohnehin fast alle auf einem so erbärmlichen Niveau, daß sie nur die prekäre Zielgruppe im STERN Artikel ansprechen.
Leseratte79 (18.09.2008, 23:31 Uhr)
@VincentVega
Auch ich kann Ihnen nur beipflichten. Ich bin noch keine 30 und habe auf der Arbeit mit "sozialschwachen" Familien bzw. den Kindern zu tun. Es ist eine Katastrophe wie die Jungendlichen oder "Jungerwachsenen" erzogen wurden und was für ein Weltbild in Ihnen schlummert. Die Einschätzung um die 10% der stark "gestörten" Kinder stimmt...danach folgen aber nocheinmal 20% welche keinerlei Werte vermittelt bekommen haben.
Fesche_Lola (18.09.2008, 19:26 Uhr)
@Vincent_Vega
100%ige Zustimmung! Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer, dass menschen-, werte, und frauenverachtende Songs, Klingeltöne, Videos usw. frei zugänglich sind. Und keiner fühlt sich zuständig... Gute Nacht, Deutschland!
Regierungsbeamter (18.09.2008, 13:04 Uhr)
Kinder Pornos Sex
Die in der gestrigen Sendung SternTV aufgezeigten Kinderbeispiele sind aber absolute Horrorgeschichten von gestörten Verhältnissen zu Hause.
Mütter die Ihren 15 Jahre alten Töchtern Pornos zu schauen geben ?
Wie asozial und ohne Wert muss man da sein ????
Der Junge ein ewiger Hartz V Kandidat !
Peinlichsten Berlintrompeter schlechthin - keine Erziehung - keine Werte - keine Bildung !
- tolle Beispiele unserer Gesellschaft -
dextronrg (18.09.2008, 12:53 Uhr)
Wie dumm muss man sein
ich glaube das ganze nimmt mittlerweile schon sehr hysterische Züge an wie heutzutage über sex diskutiert wird. fakt ist das jugendliche heutzutage schneller und vor allem einfacher zugang zu bedenklichen inhalten bekommen. hinzukommt eine in der sog. »unterschicht« immer mehr überforderte elternschaft, die leider gottes, auch nicht immer die intelligenteste zu sein scheint. perspektivlosigkeit hat i deutschland und im rest der welt sehr viel mit bildung zu tun.ist dieser nicht vorhanden fällt es auch sehr schwer seinen kindern werte, aufklärung in irgeneiner art zu vermitteln. wenn 4-5 jährige kinder sexstellungen nachspielen dann haben in diesem fall die eltern auf ganzer linie als erziehungsberechtigte versagt. da muss man nicht lange diskutieren. da kann später auch die schule nicht mehr viel auffangen. auch stellt sich mir die frage, welcher vernünftige mensche lässt seine kinder pornos schauen?
eigentlich niemand. was auch immer auffälliger wird das sog. jugendsender wie mtv oder viva werbung senden dbzw. produkte bewirbt die nicht gerade förderlich sind für kinder. lade dein persönliches handyluder runter und besorge es diesem richtig… sehr schön, in der bildzeitung geht es mittlerweile zu wie auf einer pornoseite. sternchen die bei jeder gelegenheit die hüllen fallen lassen werden zu stilikonen erkoren und in den üblichen verdummungsmedien hofiert. Es findet faktisch keine selbstkontrolle mehr statt. der verblödung wird stattgegeben… da muss man sich leider nicht wunder wenn manche gesellschaftliche schicht sein heil in der sexuellen befriedigung sucht… getreu dem alten schulhof motte »dumm fickt gut«
Vincent_Vega (18.09.2008, 10:02 Uhr)
@active285
"Ich finde Ihre Berichterstattung sehr einseitig. Sex impliziert nicht immer Liebe, nur weil es die christliche Tradition das so predigt."
Das ist schon richtig, dass man auch ohne Beziehung Sex haben kann und sollte, solange beide es so wollen.
Aber ich finde es schon besorgniserregend, wenn die Jugendlichen - und wenn Sie studieren, dürften Sie schon etwas länger kein Jugendlicher mehr sein- sich nur über gefühlslosen SEX definieren. Und wenn Kinder schon so anfangen (bis einschließlich 13 Jahre), und meinen, sie müssten mit 11 schon Sex haben um "Normal" zu sein, dann stimmt bei diesen Kindern etwas nicht ihrem Umfeld.
Und der Mutter der Babsy, die ihrer damals 15jährigen Tochter Pornos zum Schauen gab, sollte man den Rat geben, mal etwas an ihrem Kopf machen zu lassen; man gibt seinen nichterwachsenen Kindern keine Pornos und singt ihnen auch keine Pornolieder vor. Welche Werte werden denn da vermittelt?
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Ich bin nicht nur der Ansicht, dass Hardcore-Pornos vielfach frauenfeindlich sind, sondern auch menschenfeindlich, denn dabei werden häufg Mann und Frau zu Kopulationsmaschinen degradiert. Der Mann zählt nur was als riesiger steifer Schwanz, der am Ende auch zu kommen hat, während die Frau stolz in die Kamera glotzt.
Selbst Softpornos -als da wo kein setifes Glied und keine Scheide gezeigt werden- und Erotkikfilme sind größtenteils dümmlich gemacht.
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Habe mir gestern aus Anlaß und aus Neugier zu dieser Sendung den "Arschficksong" von Sido EINmal im Internet angeschaut. Wie krank muss man eigentlich sein, um sowas gut zu finden? Und sowas gibt es als Klingelton auf Handys? Da kann man sehen, wie der Gesetzgeber der Technik hinterher schlafwandelt. In den 1980ern wäre an meiner Schule beinahe ein Lehrer gefeuert worden, weil er in der Oberstufe das BUCH "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" besprechen wollte; und heute laufen anscheinend Hardcore-Pornos auf den Handys unserer Schüler und niemand kann anscheinend was dagegen machen. Oder fehlt der politische Wille?
active285 (18.09.2008, 00:01 Uhr)
Pauschalisierung
Liebes sternTv Team,
Ich finde Ihre Berichterstattung sehr einseitig.
Sex impliziert nicht immer Liebe, nur weil es die christliche Tradition das so predigt. Ich bin nicht geistig gestört und kann sehr wohl eine Beziehung eingehen, da ich Sex außerhalb einer Partnerschaft und Sex in einer Partnerschaft unterscheiden kann.
Man sollte nicht pauschalisieren. Sie beleuchteten das Thema sehr einseitig aus Sicht einiger weniger Kinder, die aus sozialen Brennpunkten Berlins stammen. Es ist nicht die Norm. Das sollte ganz klar betont werden: Es ist NICHT die Norm.
Um es überspitzt auszudrücken: Ein Kind ist ein Produkt aus Erziehung und Umfeld.
Es drängt sich außerdem meiner Meinung nach viel mehr die Frage auf:
Wie kommen bitte 13-Jährige in einem Kinderheim an Drogen??! Wie Sie zeigten sind DAS lange keine Einzelfälle. Der frühe Geschlechtsverkehr ist für mich ein Resultat aus dem Konsum der Drogen. Da sehen wir wieder, wo unser Staat endlich etwas tun muss: Frühkindliche Bildung, Vorschulen, Chancengleichheit und Integration in Schule und Gesellschaft für alle Menschen!
So kann man einem Kind nicht die Schuld aufbürden. Das Beispiel "Babsy" zeigt, welchen evidenten Einfluss die sehr "gewöhnliche" Mutter auf die Entwicklung ihres Kindes hatte. Wir müssen vor allem solche Eltern erziehen.
Mfg,
ein Student.
nit0815 (17.09.2008, 23:17 Uhr)
Ganz schlimm
Hallo Günther und Team
Ich bin alleinerziehend mit zwei Mädchen und es gibt mir enorm zu denken,dass 11 Jährige (meine Älteste ist 11)schon, dass Gefühl haben,dass sie out sind, wenn sie mit 11 noch keinen sex hatten! Da kommt bei mir das Gefühl hoch, dass unsere Gesellschaft einfach degeneriert ist und den Kids keine Werte mehr vermittelt werden, es ist unglaublich!!! Ich bin Ex- Drogensüchtig! Habe kein Geld und bin eigentlich ein armer Mensch von der Gesellschaft verachtet!!! Aber nichts desto Trotz setze ich alles dran um meine Kinder zu anständigen Mensche zu erziehen! Und in der Aufklärung versuche ich mein bestes zu vermitteln, dass Liebe und Sex unbedingt zusammengehört ansonsten ist das psychische Chaos komplett!
Liebe Eltern lebt euren Kindern Liebe vor,Ihr seid die Vorbilder, durch wenn sollen Sie es lernen, wenn nicht durch uns!
Ich lebe Liebe Allem und Jedem gegenüber und fahre damit eine glückliche Schiene (empfehlenswert!).Liebe Grüsse Concetta
noporn (17.09.2008, 22:58 Uhr)
Pornos sind frauenfeindlich
Ich bin der meinung; dass pornos frauenfeindlich sind; da in den pornos die frau erniedrigt wird! Das hat nichts mehr mit normalem sex zu tun!! Sobald der mann befriedigt ist endet der porno!! Die gefühle der frau sind in dem fall egal!!
Zum beispiel auf der seite youporn werden viele pornos reingestellt die von jedem angeschaut werden können! Also auch kinder die dadurch ein völlig falsches bild vom sexualleben bekommen haben zugriff darauf!!
Außerdem finde ich es schlimm das man in den pornos echt alles sehen kann!! Echt alles!!
Die texte von bushido; frauenarzt etc zeigen nur wie ungebildet manche männer sind!! Unser land ist ein sexstaat!! Es hat nichts mehr mit dichtern und denkern zu tun; so wie es einmal war!!
Beschämend!! Sex gehört ins bett und nicht in den film!
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