26. März 2013, 12:15 Uhr

Ohrfeigen, Prügel und das Leben danach

Ein Klaps, eine Ohrfeige oder gar Prügelstrafen - solche Erfahrungen mussten offenbar Hunderte stern TV-Zuschauer in ihrer Kindheit machen. Welche traumatischen Folgen die Gewalt hat, zeigt sich jetzt

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Erschütternd: Bei stern TV meldeten sich zahlreiche Menschen, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben.©

Wer greift ein, wenn Eltern ihr Kind schlagen?", wollte stern TV mit dem Zivilcourage-Test vergangene Woche hinterfragen. Situationen – mit Schauspielern nachgestellt – die offenbar viele Menschen schon erlebt haben: Eine Mutter zerrt ihre Tochter in einen Wohnwagen, brüllt sie an und schlägt sie. Ein Vater ohrfeigt sein Kind in einem Supermarkt. Ein Mann drischt mit einer Zeitung auf sein schreiendes Baby im Kinderwagen ein. Das erschreckende Ergebnis: Kaum jemand kam den Kindern zu Hilfe. Im Gegenteil: Vielen Menschen erschien ein gewisses Maß an Gewalt in der Erziehung normal und akzeptabel. Laut einer Forsa-Umfrage bestrafen noch immer 40 Prozent der Eltern ihre Kinder mit einem "Klaps" auf den Po, zehn Prozent verteilen Ohrfeigen und vier Prozent verprügeln ihre Kinder sogar. Und das, obwohl Gewalt in der Erziehung in Deutschland gesetzlich verboten ist.

Nach der Sendung haben sich fast 400 Menschen an stern TV gewandt und von ihren Kindheitserfahrungen berichtet. Davon, welche Gewalt sie durch ihre Eltern erfahren haben. Auch dem 20-jährigen Adriano Kring hatte damals niemand geholfen: "Ich bin quasi mit Gewalt aufgewachsen. Das war bei uns normal bei uns in der Familie, dass man für Dinge, die man schlecht gemacht hat, eine Bestrafung bekommen hat. Häufig verbal, aber sehr häufig auch verbunden mit Schlägen.."

Adriano ist mit zwei älteren Schwestern in einem kleinen Dorf in de Nähe von Erfurt aufgewachsen. Sein Vater war häufig auf Montage – die Erziehung der Kinder übernahm die Mutter. Adriano sagt, er habe fast täglich diese Erfahrungen gemacht, bis er 15 Jahre alt war. Dann kam der Tag, an dem seine Mutter ihn mit einem Messer bedrohte – und Adriano flüchtete. Er zog zu Freunden, wohnt heute in einer Wohngemeinschaft in Berlin. Die Vergangenheit lässt ihn aber nicht los: "Abschließen kann man mit dem Thema nie, das werde ich wohl nie können. Ich sage immer einen ganz wichtigen Satz, man kann vieles verzeihen, aber man kann nichts vergessen und das wird bei mir immer im Kopf bleiben."

Ines Blume aus Augsburg schreibt in ihrer E-Mail an die Redaktion: „Ich bin geschlagen worden und habe seelische Grausamkeiten ertragen müssen (…) Als ich meine Tochter bekam, wollte ich es anders machen (…).“Die Kindheit von Ines Blume war geprägt durch permanente Verbote, Maßregelungen und Schläge. Kam sie nur zwei Minuten zu spät nach Hause, rutschte ihrer Mutter schon die Hand aus, erzählt die heute 48-Jährige. Als sie Mutter wird, schwört sie sich, niemals die Hand gegen ihre Kinder zu erheben. Nicht einfach für eine Frau, deren Erziehung aus Prügel und Demütigungen bestand. Als es ihr doch passiert, ist sie verzweifelt: „Da war ich so schockiert. Ich war hilflos. Ich hab geweint. Aber ich wusste ja auch nicht wie es anders geht“, sagt Ines Blume. Sie wendet sich ans Jugendamt und lässt sich fortan bei der Kindererziehung helfen. Dabei lernt sie zum ersten Mal in ihrem Leben, dass Konflikte in der Familie nicht durch Gewalt gelöst werden dürfen.

Informationen für Helfer, Betroffene und Opfer Die anonyme TelefonSeelsorge ist ebenfalls eine gute Anlaufstelle für Betroffene wie auch für überforderte Eltern, die Sorgen mit ihren Kindern haben und sich Unterstützung wünschen:
Telefon (kostenlos):
0800/111 0 111
0800/111 0 222


Kinder und Jugendliche finden bei der Nummer gegen Kummer konkrete Hilfe von Experten und anderen Jugendliche.
Kinder- und Jugendtelefon (kostenlos):
0800/1110 333
Elterntelefon (kostenlos):
0800/1110 550


In konkreten Situationen – ob sie Gewalt an Kindern beobachten oder auch selbst die Kontrolle verlieren – wählen Sie die 110. Bei der Polizei werden Strafanzeige erstattet und Ermittlungen aufgenommen.

Kidsinfo häusliche Gewalt wendet sich an Kinder. Auf der Internetseite finden Kinder und Jugendliche Informationen und Ansprechpartner auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch und Türkisch.

 
 
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