26. März 2013, 18:59 Uhr

Was Sie über Glücksspielsucht wissen sollten

Bin ich bereits süchtig? Was können Angehörige tun? Welche Maßnahmen kann man selbst ergreifen? stern TV beantwortet die wichtigsten Fragen über den Weg in die Abhängigkeit - und wieder hinaus.

Wie und warum wird man süchtig nach dem Glücks- oder Automatenspiel?

Der Weg in die Abhängigkeit ist meist ein schleichender Prozess. War es anfangs eher ein unregelmäßiges Spielen aus Spaß, so wird es im Laufe der Zeit immer häufiger bei steigenden Geldeinsätzen, schreibt die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht auf ihrer Internetseite. Erfahrungsgemäß verfallen mehr Menschen der Automatenspielsucht, als anderen Glücksspielen. Sie haben in Beratungsstellen und Therapien einen Anteil von 75 bis 80 Prozent, gefolgt von Casino-Spielern.

Grundsätzlich gilt: Je schneller oder häufiger man ein neues Spiel beginnen kann, desto größer ist das Suchtpotenzial. Ein Spiel an einem Automaten beginnt alle 5 Sekunden, ein Ausstieg zwischendurch ist kaum möglich. Eine neue Ziehung beim Lotto erfolgt nur alle 3 bis 4 Tage.

"Viele Automatenspieler beschreiben, dass sie beim Zocken ein Rauscherleben verspüren: 'Ich setze mich dem Zufall aus und versuche ihn gleichzeitig zu überlisten'. Diese Spannung kann sich steigern", weiß Psychologe und Suchttherapeut Dr. Volker Premper. Hinzu käme beim Automatenglücksspiel das Ambiente mit Sound- und Lichteffekten. Es sei so gestaltet, dass es den Spieler in eine Wolke hülle, die ihn von allen Alltagsproblemen abschirme und ihn so zusätzlich dazu verführe, immer wieder zu spielen.

Ein weiterer Faktor ist oftmals nach einiger Zeit, der Drang oder die verspürte Notwendigkeit, Verluste wieder wettmachen zu wollen: "Spieler, die keine Verluste akzeptieren können, sind hochgradig gefährdet", sagt Ilona Füchtenschnieder. Denn dann müssen sie immer weiter spielen, besonders wenn sie bereits Schulden gemacht haben. "Glücksspielsucht ist die teuerste Sucht, die wir haben", so die Expertin.

Seit 2001 ist Glücksspielsucht laut Volker Premper eine offizielle Diagnose, die von den Krankenkassen und Rentenversicherungen als Behandlungsgrundlage anerkannt wird.

Ab wann gilt man als glücksspielabhängig?

Nicht jeder, der Glücks- oder Automatenspiele spielt, ist süchtig. Wie bei allen Süchten sind die Dosis und die Kontrolle entscheidend. Also: wie viel man spielt, wo man spielt und wie viel man dafür einsetzt.

Problematisch wird es, wenn – ebenfalls anderen Abhängigkeiten ähnlich – wegen des Spielens Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz entstehen. Bei dieser Sucht kommt außerdem bald eine finanzielle Not hinzu, weil die meisten Spieler Geld verspielen, das ihnen nicht gehört. Denn dann müssen sie immer weiter spielen, wollen den Verlust ausgleichen. "Spieler, die keine Verluste akzeptieren können, sind hochgradig gefährdet", sagt Ilona Füchtenschnieder von der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW. "Glücksspielsucht ist die teuerste Sucht, die wir haben."

Bin ich süchtig?

Für eine erste Selbsteinschätzung schlägt die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW einen kurzen Selbsttest vor, indem Sie folgende Aussagen für sich prüfen.

- Ich kann mit dem Glücksspielen erst aufhören, wenn ich kein Geld mehr habe. - Ich denke oft an das Glücksspielen und verspüre einen inneren Drang dazu. - Ich versuche immer durch erneutes Glücksspielen meine Verluste auszugleichen. - Zur Geldbeschaffung habe ich schon einmal gelogen oder Tricks angewandt.

Können Sie zwei oder mehr Fragen mit "Ja" bestätigen, sollten sie eine Beratungsstelle kontaktieren!

Darüber hinaus bieten die "Anonymen Spieler" hier auf ihrer Internetseite 20 Fragen zur weiteren Selbsteinschätzung.

In einer Beratungsstelle können Sie eine genauere Diagnostik erhalten, die feststellt, ob es sich bei Ihnen um eine behandlungsbedürftige Glücksspielsucht handelt. Dabei gibt es Unterschiede zwischen einer beginnenden, einer mittelgradigen oder einer hochgradigen Glücksspielsucht.

"Man könnte über den Daumen gepeilt sagen: Wenn jemand mehr als 20 Prozent seines verfügbaren Nettoeinkommens verspielt, wäre das ein eindeutiges Alarmsignal,“ benennt Psychologe und Suchtexperte Volker Premper ein weiteres Indiz.

Wie viele Betroffene gibt es?

Genaue Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland unter der Glücksspielsucht leiden, existieren nicht. Zumal von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Die meisten Spieler verbergen ihre Sucht lange Zeit. Experten gehen davon aus, dass es zwischen 100.000 und 200.000 so genannte pathologische Spieler gibt: Menschen, die nicht mehr aus Spaß spielen, sondern weil sie nicht anders können. Tendenz steigend: Allein zwischen 2005 und 2011 haben sich die Anfragen in den Therapiestellen verdreifacht. 80 Prozent der Spielsüchtigen kommen aus der Automatenspielsucht und zocken in Spielhallen.

Welche Konsequenzen kann die Spielsucht haben?

Viele Betroffene wissen bereits lange, dass sie ein Problem haben, bevor Sie Hilfe suchen. "Viele haben vergebliche Versuche hinter sich, ihr Spiel einzugrenzen", sagt Therapeut Premper von der Klinik Schweriner See. "Hinzu kommt häufig eine desaströse finanzielle Situation, viele zerstörte soziale Beziehungen und die Erkenntnis, Freunde und Bekannte, die einem helfen wollten, betrogen und belogen zu haben." Daher gäbe es nicht selten Suizidversuche in der Vorgeschichte von Patienten, die in die Therapie kommen. Die psychologischen Folgen sind schwerwiegend: "Es gibt ein großes Defizit im Umgang mit negativen Gefühlen. Probleme, Konfliktsituationen können nicht konstruktiv angegangen und geregelt werden", so Premper. Etwas, das die Sucht noch verstärkt. Hinzu komme, dass das Belohnungssystem im Gehirn weniger sensibel sei und weniger schnell reagiere. Deshalb brauchten pathologische Glücksspieler stärkere Reize, um angenehme Gefühle zu haben.

Was kann ich tun, wenn ich glaube, glücksspielsüchtig zu sein?

Der erste Schritt ist das Eingeständnis, dass Sie bereits auf dem Weg in die Sucht oder süchtig sind. Suchen Sie den Weg in eine Beratungsstelle, dort kann man Sie mit Hilfsangeboten unterstützen. Oder rufen Sie kostenfrei die Infoline Glücksspielsucht 0800-0776611 an. Dort können Sie sich – auch anonym – beraten lassen.

Des Weiteren gibt es einige Dinge, die Glücksspielsüchtige beachten und bedenken können, wenn sie mit dem Spielen aufhören wollen. Die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW empfiehlt:

- Stellen Sie sich der Situation und erkennen Sie an, dass Sie ein Problem mit dem Glücksspielen haben, für das es auch eine Lösung gibt. - Beginnen Sie offen und ehrlich zu sein und vermeiden Sie Lügen und Heimlichtuereien, vor allem gegenüber Angehörigen. - Sprechen Sie über ihre Situation und Schwierigkeiten mit dem Glücksspiel - auch mit ihren Angehörigen. - Meiden Sie die Orte, an denen Sie gespielt haben und Personen, mit denen Sie gespielt haben. Notfalls machen Sie einen Umweg. - Hilfreich kann auch eine zeitlich begrenzte Geldverwaltung durch eine externe Person sein. - Falls Sie Casinospieler sind, veranlassen sie eine Spielersperre für sich. - Denken Sie über ein suchtfreies Leben nach und entwickeln Sie neue Ziele. - Gestalten Sie ihre Freizeit aktiv und treiben Sie Sport. - Beobachten Sie sich selbst. Nehmen Sie bewusst ihre Gefühle, ihr Denken und Handeln wahr.

Quelle: Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW

Eine Übersicht mit weiteren Anlaufstellen und Beratungsangeboten finden Sie hier.

Was können Freunde und Angehörige tun?

Ist jemand, der mir nahe steht, glücksspielsüchtig? Hinweise können unter anderem folgende Punkte sein:

Chronische Geldknappheit, obwohl man eigentlich finanziell gut dasteht Ständige Ausreden, wie: ich muss länger auf der Arbeit bleiben Geringe Reizschwelle Hobbies werden vernachlässigt Soziale Kontakte gehen verloren

Die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW rät Angehörigen, sich zunächst mit der Glücksspielsucht auseinanderzusetzen. Für viele Menschen ist es unverständlich, von Geldspielautomaten abhängig zu werden. Eine erste Neuorientierung können folgende Überlegungen geben: - Akzeptieren Sie, dass pathologisches Spielen eine Krankheit ist. - Versuchen Sie nicht, ihren spielenden Angehörigen zu kontrollieren, das funktioniert nicht. - Übernehmen Sie nicht die Schuld oder die Verantwortung für das Glücksspielen ihres Angehörigen. - Leihen Sie ihm kein Geld und übernehmen Sie keine Schulden. - Schlucken Sie nicht alles herunter und sprechen Sie über ihre Probleme mit dieser Situation. - Holen Sie sich Hilfe in einer Selbsthilfegruppe oder Beratungsstelle. - Teilen Sie anderen Angehörigen oder Freunden die Situation mit, damit sie kein Geld leihen. - Machen Sie keine Vorhaltungen und diskutieren Sie nicht über das verlorene Geld und was man damit alles hätte machen können. Das ändert nichts an der Situation. Schauen Sie nach vorn.

Wie kann Betroffenen geholfen werden? Welche Wege gibt es aus der Sucht?

Beratungsangebote, Selbsthilfegruppen, Infotelefone und Internetforen bieten erste Anlaufstellen, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen und Menschen zu finden, denen es ähnlich geht. Auch der Hausarzt kann in dieser Angelegenheit Ansprechpartner sein. Spielsucht ist eine anerkannte Krankheit, die behandelt werden kann. Die Stellen können auch dabei behilflich sein, eine solche "Diagnose" zu erhalten.

Für therapiebedürftige, pathologische Glücksspieler gibt eine begrenzte Anzahl von Kliniken / Rehakliniken, die entsprechende Behandlungen anbieten. Dorthin führt der Weg über Suchtberatungsstellen oder über akut-psychiatrische Häuser.

Eine Therapie dauert zwischen acht und sechzehn Wochen je nachdem welche begleitenden Störungen noch vorliegen. Die Heilungschancen sind unterschiedlich, wie bei anderen Süchten – etwa der Alkoholabhängigkeit – auch: "Wer einmal in einer pathologischen oder abhängigen Weise Glücksspiele betrieben hat, der muss ein Leben lang aufpassen", sagt Volker Premper. Betroffene müssen eine Abstinenz von Glücksspielen einhalten. "Eine Heilung in dem Sinne, dass man danach wieder ganz naiv mit Glücksspielen umgehen kann, die wird es nicht geben", sagt der Experte.

Weitere Informationen und Hilfe

Weitere Informationen und Hilfe finden Sie unter anderem auf der Internetseite der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW

Anlaufstellen und Hilfsangebote haben wir in dieser Übersicht für Sie zusammengestellt.

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