Rund 500.000 Menschen in Deutschland sind suchtgefährdete Glücksspieler. Auch Markus S. Spielautomaten zerstörten seine Existenz - beinahe. stern TV zeigt, wie er und andere der Sucht entkommen können
Es ist das Glücksspiel mit dem höchsten Suchtpotenzial, wissen Experten: Spielautomaten. Auch der 23-jährige Markus S. ist ein Automatenspieler. Alle fünf Sekunden beginnt ein neues Spiel, alle fünf Sekunden bekommt er die Chance auf den großen Gewinn. Doch wann wird der kommen? Und kann Markus dann aufhören?
Vor fünf jahren ging Markus S. das erste Mal mit Kumpels in die Spielhalle und will sein Glück versuchen. Er gewinnt und ist berauscht. Die Jungs suchen wieder und wieder die Spielothek auf. Markus spielt mit mehr Risiko. Insgesamt gewinnt er, doch nach einer Weile verliert er das Verhältnis zum Geld. "Es fing mit 50 Euro an, und nachher wurde es immer extremer", berichtet der 22-jährige. "Man hat 100 Euro reingesteckt, dann 150 Euro, und irgendwann hat der Spaß aufgehört und man wollte nur den Verlust wieder ausgleichen."
Die Verluste kommen immer häufiger. Markus ist inzwischen Zeitsoldat, verspielt nicht nur sein Einkommen, sondern überzieht sein Konto und leiht sich Geld von Freunden – bis auch diese Quellen erschöpft sind: "Du musstest halt gucken, dass du irgendwo Geld kriegst, entweder zum Spielen oder für den Lebensunterhalt. Ich bin leider kriminell geworden, was nicht toll ist und worauf ich nicht stolz bin," kann Markus rückblickend berichten.
Der junge Mann kann an nichts anderes mehr denken, als ans Spielen. Drei Jahre lang verbringt er jede freie Minute in der Spielhalle, wo er seine Probleme vergessen kann. Er weiß genau, dass er jedes Mal so lange spielen wird, bis er kein Geld mehr hat. Insgesamt verzockt er 20.000 Euro. "Es gibt ein Spiel – Jokers Cap – da klingelt die Mütze. Wenn ich das höre, ist bei mir alles vorbei", sagt Markus. "Dann kommt der Geruch noch dazu und dann bist du in deiner eigenen kleinen Welt. Du hast keine Probleme, du hast keine Sorgen, du hast keine Schulden, du hast keinen Streit mit deiner Freundin – du hast wirklich nur dich, dein Geld und den Automaten."
Wie Markus geht es etwa 200.000 Menschen in Deutschland: Sie spielen nicht mehr aus Spaß, sondern weil sie die Kontrolle über ihr Verhalten verloren haben. 70 bis 80 Prozent der so genannten pathologischen Spieler kommen aus dem Automatenspiel. "Wir wissen, dass im Gehirn durch exzessives Spielen, aber auch durch Substanzen, etwas verändert wird, wogegen sich der Betroffene sehr schwer und eigentlich nur mit professioneller Hilfe wehren kann", sagt Dr. Wölfling, Leiter der Suchttherapie an der Universitätsklinik in Mainz. Seit 2001 ist die Glücksspielsucht eine offizielle Diagnose, die von den Krankenkassen und Rentenversicherungen als Behandlungsgrundlage anerkannt wird.
Den Einstieg lieferten vielfach die Automaten in Gaststätten, weiß Ilona Füchtenschnieder von der Landesfachstelle Glücksspielsucht Nordrhein-Westfalen. Hier müssten die Spielautomaten als erstes untersagt werden. Natürlich sei nicht jeder, der hin und wieder an einem Automaten spiele suchtgefährdet. "Es kommt sehr darauf an, wie viel man spielt, wo man spielt und wie viel man dafür einsetzt", so die Expertin. "Problematisch wird es, wenn Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz dazukommen oder man sich verschuldet und Geld verspielt, das einem gar nicht gehört. Spieler, die keine Verluste akzeptieren können, sind hochgradig gefährdet. Denn ein Automat hat kein Gewissen, der das Geld freiwillig rausrückt, wenn man seine Miete nicht mehr zahlen kann. Glücksspielsucht ist die teuerste Sucht, die wir haben."
Füchtenschnieder weiß, wie schwer der Weg aus der Sucht ist. Viele Betroffene spielen fünf bis 10 Jahre exzessiv, zocken bis zum bitteren Ende, bevor sie Hilfe suchen. Doch: "Inzwischen ist die Suchtkarriere sehr viel kürzer und die Klienten werden immer jünger. Sie sind nicht mehr Anfang dreißig, sondern Anfang zwanzig." Die Beratungsstellen haben dreifach so viele Anfragen, wie noch vor sieben Jahren. "Wenn man jünger ist entwickelt sich eine Sucht sehr viel schneller, daher ist der Jugendschutz sehr wichtig. Den gibt es aber im Bereich des Automatenspiels leider nicht." Dies gilt vor allem für Spielautomaten in Gaststätten.
Vielfach trifft es junge Männer, wie Markus S. Doch auch die 31-jährige Madona ist seit einem halben Jahr der Automatenspielsucht verfallen, hat bereits 26.000 Euro verspielt. Die Mutter lebt mit ihrem vierjährigen Sohn vom Nötigsten, immer wieder zieht es sie in die Spielhalle. In ihrer Verzweiflung denkt sie auch daran, sich das Leben zu nehmen: "Irgendeine Kraft hat mich gestoppt – und hat gesagt lass es, dein Sohn braucht dich." Als Madona im September merkt, dass sie süchtig ist, lässt sie sich in 28 Spielhallen sperren. Doch die Kontrollen sind gering, niemand würde sie daran hindern, sich doch wieder an einen Automaten zu setzen, wie ein stern TV-Test mit versteckter Kamera bewies.
Über vier Milliarden Euro wird in Deutschland jährlich in Automaten gesteckt. Die Betreiber profitieren von der Sucht. In den vergangenen Jahren sei der Markt laut Ilona Füchtenschnieder sogar noch gewachsen. Rund 245.000 Automaten sind nach Schätzungen der Fachstelle in Deutschland aufgestellt. "Ich bin seit 25 Jahren im Geschäft und die Regelungen wurden mehrfach – aber immer zu Gunsten der Branche – novelliert: Sie durften mehr Geräte aufstellen, sie durften schnellere Geräte aufstellen. Das hat dazu geführt, dass auch die Umsätze und Gewinne explodiert sind." Eine gesetzliche Neuerung sei etwa, dass ein Spieler maximal 20 Cent in fünf Sekunden verspielen könne. Die Automatenbranche habe daraufhin einen Mechanismus entwickelt, der das eingeworfene Geld in Punkte umwandelt. Somit würde das Gesetz umgangen und die Spieler können dennoch täglich hunderte Euro verlieren. "Der Gesetzgeber hätte hier reagieren müssen und die Geräte vom Markt nehmen. Das können wir – und auch jeder Suchtexperte – nicht verstehen", so Füchtenschnieder. Immerhin: Durch die Spielbankabgaben oder die Vergnügungssteuer kassiert der Staat mit.
Der Anfang vom Ausstieg ist, die Sucht zu erkennen und sie offen zu legen. Wenn nicht vor den Angehörigen, so helfen anfangs Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Ärzte, um eine offizielle Diagnose und eine Therapie zu erhalten. Markus S. hat, wie andere Glücksspielsüchtige auch, viele vergebliche Versuche hinter sich, sein Spiel einzugrenzen. Doch ohne Unterstützung hätte auch er es vermutlich nicht geschafft. „Wenn es meine Freundin nicht gegeben hätte, wo wäre ich dann, mit Sicherheit tot oder im Gefängnis", sagt Markus S. heute.
Bin ich glücksspielsüchtig? Für eine erste Selbsteinschätzung schlägt die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW einen kurzen Selbsttest vor, indem Sie folgende Aussagen für sich prüfen.
- Ich kann mit dem Glücksspielen erst aufhören, wenn ich kein Geld mehr habe.
- Ich denke oft an das Glücksspielen und verspüre einen inneren Drang dazu.
- Ich versuche immer durch erneutes Glücksspielen meine Verluste auszugleichen.
- Zur Geldbeschaffung habe ich schon einmal gelogen oder Tricks angewandt.
Können Sie zwei oder mehr Fragen mit "Ja" bestätigen, sollten sie eine Beratungsstelle kontaktieren!
Darüber hinaus bieten die "Anonymen Spieler" hier auf ihrer Internetseite 20 Fragen zur weiteren Selbsteinschätzung.
Informationen und Hilfe Weitere Informationen und Hilfe finden Sie unter anderem auf der Internetseite der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW
Anlaufstellen und Hilfsangebote haben wir in dieser Übersicht für Sie zusammengestellt.