2. Januar 2013, 22:15 Uhr

Miese Arbeitsbedingungen bei Paketzustellern

Günter Wallraff ist Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist. Immer wieder sorgten seine Recherchen für Skandale. Nun war er wieder undercover unterwegs - als Paketzusteller.

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Berichtet bei stern TV von seinen neuesten Recherchen: Günter Wallraff©

Er schleuste sich bei der "Bild"-Zeitung ein, um die Machenschaften des Boulevard-Journalismus' zu dokumentieren, er deckte einen Datenskandal bei der Deutschen Bahn auf und lernte als türkischer Gastarbeiter die Arbeitswelt von "ganz unten" kennen: Es waren viele Rollen, in die Günter Wallraff als Undercover-Spezialist geschlüpft ist. In der Verkleidung eines Paketfahrers hat Wallraff nun monatelang beim Zusteller GLS recherchiert - und dokumentiert seine Erfahrungen in einem Film für RTL.

14-Stunden-Schichten sind üblich

Die Arbeitsbedingungen der Fahrer seien miserabel, so Wallraffs Erkenntnis: Morgens ab fünf müssten sie die Pakete vom Förderband holen, dann beginne ihre Tour: Bis zu 200 Pakete müssten ausgeliefert werden, das seien am Ende Arbeitstage von oft mehr als zwölf Stunden, berichtet Wallraff. "Zwölf, vierzehn Stunden am Stück, ohne Pause. Das geht dermaßen an die Substanz, das ist kein Leben, das ist letztlich eine Tortour", sagt er.

Das bestätigt auch der 25-jährige Florian Alteneder im Gespräch mit stern TV. Ein Jahr hat Alteneder für die Firma Hermes Pakete ausgefahren, sechs Tage pro Woche. "Diese Stunden, die man über sechs Tage reißen muss, die gehen an die Substanz", sagt er. Denn: "Der Tagesablauf besteht in dem Gewerbe nur noch aus Arbeit." Nach einem normalen Arbeitstag sei er abends um neun oder zehn Uhr zu Hause gewesen. "Dann ist man um elf ins Bett gegangen und morgens um sechs wieder aufgestanden."

Und die Arbeit hat ihn nicht nur körperlich gefordert. "Ich habe zwischen zehn und zwölf Stunden pro Tag gearbeitet. Am Ende des Monats sind aber nur etwa 1000 Euro übrig gewesen", so Alteneder. Und: "Es haben Freunde und Beziehungen darunter gelitten. Im Prinzip ist alles kaputt gegangen, was hätte kaputt gehen können."

Hermes verspricht Verbesserungen

Als Alteneder im Herbst 2010 nach einem neuen Job suchte, stieß der Arbeitslose im Internet auf eine Anzeige von Hermes. Dann ging alles ganz schnell: Nach nur einem Tag Einweisung wurde Fahrer bei einem Subunternehmer von Hermes. Die Arbeitsbedingungen: Er sollte mit dem eigenem Wagen fahren, bekam einen Euro und fünf Cent pro Paket - ein schlechter Deal.

"Dadurch, dass die laufenden Kosten immer höher geworden sind - speziell Benzin - und das nicht weiter vergütet wurde, mussten wir zwar immer mehr an Abgaben bezahlen, aber haben nie mehr von unseren Auftraggebern bekommen", sagt Florian Alteneder. "Für die gleiche Leistung gab es weniger Geld und wir hatten weniger übrig."

Thomas Voigt, Sprecher der Otto-Group, zu der auch der Paketversand Hermes gehört, reagierte auf die Vorwürfe. Er sagte bei stern TV: "Es braucht dringend eine Veränderung. In diesem System ist etwas nicht in Ordnung." Gleichzeitig kündigte er Verbesserungen für die Paketfahrer an: "Wir sind bei Hermes grundlegend dabei, das ganze System umzubauen. Wir werden die Bezahlung pro Paket abschaffen und einen Stundenlohn einführen."

Im Visier der Gewerkschaften

Ein Knochenjob mit miserable Arbeitszeiten und das bei Löhnen, die so niedrig sind, wie in kaum einer anderen Branche: Die Gewerkschaften haben die Paketbranche schon länger im Visier: "Wir haben Fälle, wo wir vor Gericht für Beschäftigte gehen, die 3,14 Euro pro Stunde bekommen", sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Sigurd Holler. "Das ist sittenwidrig. Da klagen wir für die Kollegen, die uns beauftragen, den Lohn ein."

Doch das ist gar nicht so einfach. Denn: Die Gewerkschaften haben es allein bei GLS mit hunderten Arbeitgebern zu tun. Die Fahrer sind zwar für GLS unterwegs, jedoch nicht bei GLS angestellt. Der Konzern beauftragt Subunternehmer, die sich Fahrer suchen, um die Pakete auszuliefern. Kommt es zum Rechtsstreit mit dem Fahrer, hat der Konzern GLS damit juristisch nichts zu tun.

"Das ist Geschäftspolitik", sagt Holler. "Nicht nur bei GLS, sondern auch bei anderen Paketdiensten, die sich zu 100 Prozent bei Subunternehmern bedienen, um ihre Pakete auszuliefern." Die Verantwortung werde delegiert. "Das erleichtert auch die Kalkulation des Paketpreises, weil sie sagen: Alles was da drin ist, muss der Subunternehmer bewältigen. Wir geben einen bestimmten Preis, damit muss er klarkommen."

Keine Pausen möglich

In der Praxis geht diese Kalkulation aber auf Kosten der Fahrer: An die 45-minütige Pause etwa, zu der sie alle viereinhalb Stunden gesetzlich verpflichtet seien, ist im Kurieralltag nicht zu denken, erzählt Andreas Fischer - einer der Fahrer, mit denen Enthüllungsjournalist Günter Wallraff während seiner Recherchen unterwegs war. Natürlich müsse man die Pausen eintragen, sagt Fischer, der seit über vier Jahren für die Firma GLS fährt. "Aber die Pause macht eh keiner."

Über Monate war Günter Wallraff mit Unterbrechungen immer wieder mit GLS-Kurierfahrern unterwegs. Der Arbeitsalltag, den Wallraff dabei erlebte, brachte ihn an körperliche Grenzen. "Ich hätte das nicht über Monate ausgehalten. Ich wäre krepiert - obwohl ich sportlich einiges drauf habe", sagt er - und fügt hinzu: "Wer das einige Zeit aushält, der ist ein Hochleistungssportler."

Auch Florian Alteneder ist froh, dass er nicht mehr als Paketfahrer arbeiten muss. Denn für ihn war es der schlimmste Job seines Lebens. Noch warte er zwar auf Geld, dass ihm sein Subunternehmer bisher nicht ausgezahlt habe. Aber dann "bin ich einfach nur froh, wenn die finanzielle Geschichte geklärt ist und ich mit dem Kapitel endgültig abschließen kann."

 
 
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