Seit über vier Jahren leidet die 20-jährige Hanna an Magersucht, wog zwischenzeitlich nur lebensbedrohliche 29 Kilo. stern TV hat das Mädchen durch Höhen und Tiefen der Krankheit begleitet.
Mit 15 Jahren ist Hanna noch ein gesunder Teenager. Eines Tages findet sie ihren Bauch zu dick. Sie beginnt exzessiv Sport zu treiben, verbietet sich bestimmte Lebensmittel, dann Kohlenhydrate. Schließlich isst sie nur noch Obst und Gemüse - oder eben gar nichts. Die anfangs harmlose Diät wird bald zum Zwang: Den ganzen Tag, 24 Stunden lang, drehen sich Hannas Gedanken ums Essen und Nichtessen. "Ich würde sagen, dass ich wie eine Drogensüchtige bin", sagt die 19-Jährige 2011. "Ich bin richtig süchtig nach diesem Hungergefühl. Und ich halte einfach daran fest." Um ihre Geschichte mit anderen zu teilen, um von ihren Gefühlen zu erzählen, meldet sich Hanna selbst bei stern TV. Damals wiegt das 1,62 Meter große Mädchen nur knapp 35 Kilo, bezeichnet sich selbst aber nur als "sehr schlank".
Als sie in der Sendung über ihre Krankheit spricht, machen ihr Hunderte Briefe und E-Mails von Zuschauern Mut zu kämpfen. Und Hanna erkennt: Sie braucht Hilfe. Im Studio hat sie Dr. Carl Leibl kennengelernt, von der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee. Dort werden Magersüchtige wie Hanna behandelt. Sie entscheidet sich, bei ihm eine Therapie zu versuchen - mit gemischten Gefühlen. Sie hat Angst zuzunehmen, Angst sich fett und unförmig zu fühlen, Angst vor der Klinik. Bei Magersüchtigen geht es vor allem um die Furcht vor dem Kontrollverlust: "Diese Patienten haben Angst, dass, wenn sie einmal normal essen, das der Einstieg in unkontrolliertes Essen ist", erklärt Carl Leibl damals. "Und sie haben die Vorstellung, dass ihr Körper dann sofort aus den Fugen gerät."
So war es auch bei Hanna. In der Klinik nimmt sie zehn Kilogramm zu - ein gesundheitlicher Erfolg. Nur Hanna fühlt sich damit unglücklich. Wenige Monate nach der Therapie geht es ihr erneut schlechter. Ihr Gewicht verrät sie nicht. "Andere denken an Partys und an Jungs und ich wache morgens auf und denke nur an diese Zahl, die auf der Waage steht", erklärt sie. "Es ist nie so, dass ich mal eine Zeit lang an etwas anderes denke. Ich denke immer nur an mein Gewicht oder an Essen." Entscheidend an einer Therapie ist, nicht nur kurzfristig das Untergewicht auszugleichen, sondern auch das Denken der Patienten zu verändern.
Natürlich muss auch Hanna im Laufe der Jahre immer wieder erkennen, dass sie sich in lebensbedrohliche Zustände hungert. Mehrmals muss ihre Mutter sie die Klinik einweisen lassen, wo sie zwangsernährt wird, damit sie nicht stirbt. "Ich hasse diese Krankheit, wie die Pest und ich liebe sie. Es gibt halt einfach immer diese zwei Seiten", erklärt Hanna ihre Gefühle. Das ständige Auf und Ab ihrer Gedanken und ihre innere Zerrissenheit schreibt sie in ihrem Tagebuch auf. Ihre Aufzeichnungen über drei Jahre hat sie nun in einem Buch veröffentlicht.
Ein Jahr, nachdem Hanna die Klinik am Chiemsee verlassen hat, scheint sie nun auf einem guten Weg zu sein. Sie wohnt wieder zuhause bei ihrer Familie in Hamm, studiert Erziehungswissenschaften in Bielefeld. Äußerlich ist sie eine gesunde junge Frau mit Normalgewicht. Doch Essstörungen, besonders Magersucht, sind heimtückisch. Die einmal verinnerlichten Gedanken und das Verhalten lassen sich nicht so schnell ändern. Auch Hanna ist das anzumerken. Richtig essen kann sie noch immer nicht, selbst wenn sie sich wünscht, Pizza und Pasta zu essen, wie alle anderen. Ihre Gedanken kreisen stets um die Kalorien. Dass sie zugenommen hat, kann sie nur schwer akzeptieren. Komplimenten für ihre "neue" Figur misstraut sie. Immerhin war es für Hanna bisher das größte Kompliment, wenn jemand bemerkt hat, wie extrem dünn sie war: "Wenn die mir jetzt sagen, dass ich gut aussehe, können die mir gleich sagen, dass ich fett geworden bin."
Buchtipp Kontrolliert außer Kontrolle: Das Tagebuch einer Magersüchtigen. Von: Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn. Erschienen im Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag 2012. ISBN: 978-3862651993. Preis: 9,95 Euro.