Sind die Leistungskürzungen für Arbeitslose gerecht? Viele Zuschauer des Beitrags sprachen sich dafür aus, darunter auch Hartz IV-Empfänger. stern TV hat bei ihnen und in einem Jobcenter nachgeforscht

Wie ist die Lage in den Jobcentern tatsächlich? Sind die Leistungskürzungen gerechtfertigt, oder verhalten sich die meisten Langzeitarbeitslosen doch korrekt?© Paul Zinken / DPA
Nach dem letzten stern TV-Beitrag über Sanktionen gegen Hartz IV-Empfänger erreichten die Redaktion über 1.000 Zuschauer-E-Mails. 621 von ihnen haben kein Verständnis und sprechen sich für Leistungskürzungen aus, darunter viele Hartz IV-Empfänger. Auch Adrian Bohlmann hat uns geschrieben. Er lebt mit seiner Frau Melanie und den beiden Kindern Florian und Cassandra in Berlin-Spandau. Adrian Bohlmann fährt Kopiergeräte aus, für nur 7 Euro in der Stunde. "Ich will halt was tun, auch wenn es nicht viel ist, was ich verdiene", so Bohlmann. Mit dieser Arbeit verdient er etwa 800 Euro im Monat. Dazu bekommt die Familie 312 Euro Hartz IV und 587 Euro für Unterkunft und Heizung. Mit knapp 1700 Euro im Monat muss die vierköpfige Familie auskommen. Auch Melanie Bohlmann ist schon länger arbeitslos gemeldet. Doch Sanktionen hat sie noch nie bekommen. Auch wenn es frustrierend ist, Bewerbungen zu schreiben und immer wieder Absagen zu erhalten. Melanie Bohlmann tut das jedoch nicht nur für sich oder das Jobcenter, sie will auch ihren Kindern ein Vorbild sein.
Jacqueline Weishaupt aus Dachau kann sich über faule Ausreden mancher Hartz IV-Empfänger nur wundern. Die 22-Jährige ist zwar erst seit wenigen Monaten arbeitslos. Sie will aber erst gar nicht in den Arbeitslosen-Alltagstrott hinein geraten: Nach dem Frühsport sucht sie sofort nach neuen Stellen im Internet, schreibt Bewerbungen – allein 150 in den vergangenen 6 Wochen. Obwohl sie bisher nur wenige positive Antworten bekommen hat, verliert sie ihre Ziele nicht aus den Augen: "Ich bin 22, ich kann noch so viel machen. Ich möchte auch mal in Ruhe mein Alter genießen. Und das geht nicht, wenn ich sage: Der Staat finanziert mich ja." Deshalb ist Jacqueline Weishaupt regelmäßig bei der Arbeitsagentur. Sie kennt ihre Pflichten genau, arbeitet mit ihrer Sachbearbeiterin eng zusammen. Arbeitslosigkeit sei eben kein Urlaub findet sie: "Für mich ist die Arbeitsagentur, in der Zeit, in der ich arbeitslos bin mein Geldgeber und somit irgendwie mein Arbeitgeber, der mir Vorschriften macht, der mir Regeln gibt und so weiter."
Sind die Sanktionen gerecht, oder nicht? Mit dieser Frage befassen sich auch viele Mitarbeiter der Jobcenter. Ihnen fällt es nicht immer leicht, Leistungskürzungen auszusprechen. Fallmanagerin Christiane Diederichs betreut im Jobcenter Gelsenkirchen die richtig schweren Fälle: Kunden, die schon ewig arbeitslos sind, Alkohol- oder Drogenprobleme haben und an Depressionen leiden. Immer wieder tauchen diese Kunden nicht zu Terminen auf oder schreiben keine Bewerbungen.
Andere Fälle, aber ein ähnliches Bild: Im Jobcenter Sankt Augustin bei Bonn betreut Arbeitsvermittler Hartmut Schmidt Selbständige, die nicht genug verdienen und zusätzlich Hartz IV bekommen. stern TV hat ihn einen Tag lang bei seiner Kundenbetreuung begleitet: Vier von sieben Terminen fallen aus, weil die Kunden nicht erscheinen. Wer sich nicht abmeldet, bekommt über ein standardisiertes Verfahren eine schriftliche Anhörung zugeschickt – und damit noch nachträglich die Chance, sein Fernbleiben zu erklären. "Wenn ich jetzt keine Gründe habe, muss ich ihn sanktionieren, da habe ich auch keinen Ermessensspielraum, das ist auch gerechtfertigt, schließlich halten wir Arbeitszeit vor", erklärt Hartmut Schmidt.
Doch es gibt auch positive Beispiele: Eine Kundin des Arbeitsvermittlers erscheint zuverlässig zum Termin. Die gelernte Diplomübersetzerin für Englisch hat vor zwei Jahren ihre Stelle verloren. Seit letzten Juni verwirklicht Antje Malsch einen Traum: Sie hat eine Katzenpension eröffnet. Derzeit wirft das Katzenhotel noch nicht genug ab, so dass die 53-Jährige einen Mietzuschuss für ihre Privatwohnung und aufstockendes Hartz IV erhält. Trotzdem ist Hartmut Schmidt zuversichtlich, dass sich das Geschäftsmodell langfristig rechnet. Denn Eigeninitiative, gute Ideen und Engagement, wie bei Antje Malsch, sind gute Voraussetzungen für den Weg aus der Arbeitslosigkeit.