Wenn der Ehepartner ein Doppelleben führt

17. Juli 2013, 22:15 Uhr

Christian Carstensen mimt jahrelang den perfekten Familienvater. Doch er weiß längst, dass er eigentlich schwul ist. Dann gesteht er es seiner ahnungslosen Frau. Für die Familie folgen schwere Zeiten.

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Christian (links) hat sich zu seiner Sexualität bekannt - und führt nun ein Familienleben mit Sohn Kevin und Freund Klaus.©

Ein vierzehnjähriger Junge, der mit zwei Männern zusammenlebt. Kevin ist der Sohn von Christian Carstensen – einem schwulen Vater. Er und sein Lebensgefährte Klaus Nissen haben Kevin vor zwei Jahren bei sich aufgenommen. In Deutschland ist diese Art Patchworkfamilie keine Ausnahme. Denn wie Christian Carstensen gestehen sich viele erst nach Jahren ihre Homosexualität ein.

Auch Christian Carstensen bemerkt schon zu Schulzeiten, dass er anders ist als seine Freunde. Mit 13 Jahren verliebt er sich zum ersten Mal in einen Klassenkameraden. Obwohl ihm seine Homosexualität langsam bewusst wird, schlägt er den bürgerlichen Weg ein. Mit 20 Jahren lernt er Nicole kennen, die nur zwei Türen weiter wohnt. Die beiden heiraten nach nur zwei Monaten. Von Christians heimlicher Vorliebe für Männer ahnt die junge Frau nichts. Für sie ist er der Traummann. Wenn sie miteinander schlafen, folgt Christian seiner heimlichen Phantasie: „Ich habe an Männer gedacht, wie es eben ist, wenn man mit ihnen Sex hat“, erklärt Christian Carstensen rückblickend. Seine Frau wird schwanger.

Frau und Kinder verlassen – für einen Mann

Als sein Sohn Kevin sechs ist und sich weiterer Nachwuchs ankündigt, hält Christian es nicht mehr aus. Das ständige Versteckspiel ist für ihn unerträglich geworden. Er verlässt seine Familie. Kurz nach der Entbindung des zweiten Kindes, einer Tochter, schreibt er seiner Frau einen Brief, in dem er sich outet. Das Geständnis reißt der bislang ahnungslosen Nicole den Boden unter den Füßen weg: Ihr geliebter Christian hatte sie für einen Mann verlassen. Viele Jahre hatte er ein Doppelleben geführt. "Es war sehr schockierend", sagt sie. "Ich habe gedacht, da ist ein großer Abgrund, der sich aufmacht, und ich falle da hinein. Ich hatte keinen Halt mehr.“ Nach einer schwierigen Zeit lernt Nicole jedoch einen neuen Mann kennen und heiratet wieder. Die Familienbeziehungen zu klären – zudem mit weiteren Kinder n – ist für alle nicht leicht. Vor allem Kevin bekommt große Schwierigkeiten, in der Schule klappt nichts mehr.

Christian Carstensen lebt inzwischen mit einem Partner zusammen. Mit dem 37-jährigen Klaus Nissen kann er seine Homosexualität endlich offen ausleben. Doch Kevin wünscht sich ein Leben mit seinem Vater. Als Kevin zu dem homosexuellen Paar kommt, steht die Männerbeziehung vor einer Herausforderung: "Der ganze Tagesablauf hat sich jetzt natürlich verändert. Das leben hat einen anderen Rhythmus bekommen. Man muss auf jemanden Rücksicht nehmen, der vorher nicht da war. Das ist natürlich auch neu, aber das ist halt so", sagt Klaus Nissen.

Nur langsam stellt sich für alle Beteiligten so etwas wie Normalität ein. Für Nicole hat sich nach Kevins Umzug die neue familiäre Situation mehr entspannt. Auch das Verhältnis zu Christian und Klaus hat sich verbessert. Dass ihr Sohn bei den homosexuellen Männern lebt, akzeptiert die 36-Jährige. Mittlerweile können alle freundschaftlich miteinander umgehen. Doch das ist nicht immer selbstverständlich und kostet viele Mühen, wie Christian und Nicole im stern TV-Studiogespräch berichteten.

Informationen und Anlaufstellen Auf der Internetseite von Schwule Väter Deutschland haben sich bundesweit lokale Gruppen, Selbsthilfegruppen und Vereinigungen homosexueller Väter – von Hamburg bis München - zusammengefunden: www.schwule-vaeter.org

Hilfe und Beratung finden schwule und lesbische Eltern auch beim Lesben- und Schwulenverband Deutschlands:
Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)
Pipinstraße 7
50667 Köln
Telefon: 0221 / 925961-0
E-Mail: lsvd@lsvd.de
Internet: www.lsvd.de

Für Kinder aus Regenbogenfamilien gibt es eine extra Internetseite, auf der sie sich austauschen und chatten können: kids.lsvd.de

Beim Verein Tangiert finden Partnerinnen und Ex-Partnerinnen bi- oder homosexueller Männer Unterstützung:
Soforthilfe und allgemeine Info: info@tangiert.de
Internet: www.tangiert.de
Dort gibt es auch eine Liste mit zahlreichen Regionalgruppen.

Kinder und Jugendliche können sich an das kostenlose Infotelefon mit der Nummer 0800 111 0 333 wenden.