Eine Frau kämpft für das Ende von Hartz IV

11. Juni 2013, 12:15 Uhr

Eine Jobcenter-Mitarbeiterin prangert offen die Missstände im Umgang mit Hartz IV-Empfängern an. Damit macht sich Inge Hannemann nicht überall beliebt. Bei stern TV sprach sie über ihre Beweggründe.

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Missstände in Jobcentern? Arbeitsvermittlerin Inge Hannemann prangert den Umgang mit Hartz I-Empfängern öffentlich an.©

So etwas gab es noch nie: Eine angestellte Jobcenter-Mitarbeiterin prangert öffentlich die Missstände im Umgang mit Hartz IV-Empfängern an. Seit 2005 hat Inge Hannemann in Jobcentern gearbeitet. Die letzten Jahre in Hamburg-Altona. Dort weigerte sie sich schließlich, den Arbeitslosen das Geld zu kürzen, wenn sie nicht erscheinen. Sanktionen verhängte sie kaum noch. Seit April ist Inge Hannemann aufgrund ihrer kritischen Äußerungen vom Dienst freigestellt. In ihrem Online-Blog schrieb die 45-Jährige regelmäßig von ihren Erlebnissen als Jobcenter-Mitarbeiterin. "Über die Jahre habe ich gemerkt, dass immer mehr die Zahlen galten und nicht der Mensch. Die Sanktionsquoten wurden höher, das Zwängen in die Maßnahmen wurde höher, der Ausbau der Sinnlos-Maßnahmen immer größer", schreibt sie dort. Und: "Ich weiß um die vielen Suizide durch Hartz IV. Es kann nicht sein, dass das Sozialgesetzbuch mehr Gewicht hat als unsere Verfassung."

Inge Hannemann fordert unter anderem die Abschaffung von Hartz IV und stattdessen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Auch Sanktionen, Leiharbeit und unsinnige Maßnahmen soll es nicht mehr geben. Ein Schulabschluss oder eine Ausbildung solle zum Grundrecht eines jeden deutschen Bürgers gehören, findet die Hamburgerin. Ihrer Meinung nach drängt Hartz IV vor allem junge Menschen in die soziale Isolation und dadurch weit weg von jeder Möglichkeit, in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. "Hartz IV macht krank. Man gilt als faul und als Sozialschmarotzer. Und die Gesellschaft gibt einem das Gefühl des Versagens", so Inge Hannemann. "Man wird nicht gebraucht, man kann am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen. Einen Hartz IV Empfänger erkennt man schon am ziellosen Gang und an der gebückten Haltung. Dazu kommt eine menschenunwürdige Behandlung in den Jobcentern. Bedrohungen, Angst vor Sanktionen, die Behandlung als Mensch unterster Klasse." Auch wenn ihre Forderungen für Deutschland nicht finanzierbar sind – um Hartz IV abzuschaffen will Inge Hannemann bis zum Europäischen Gerichtshof. Denn es gehe schlicht um Menschenrechtsverletzungen.

Zielvorgaben erschweren konkrete Hilfe

Inge Hannemann hat im Jobcenter Hamburg Altona die unter 25-Jährigen betreut. Auch Filiz war eine ihrer Kundinnen. Filiz schwänzte Termine, blockierte alle Angebote. Das Jobcenter bedeutete für sie Leiharbeit, Druck und Sanktionen. Erst bei Inge Hannemann fühlte sie sich unterstützt. Mittlerweile arbeitet sie – und will ihr Abitur nachholen. Doch nicht nur den Arbeitslosen, die zu ihr kommen, schenkt Hannemann ein offenes Ohr. Auch viele Jobcenter-Mitarbeiter suchen Kontakt zu der Rebellin. Sie sind erleichtert, dass diese Frau den Mut hat, offen über Interna des Jobcenters zu sprechen. Die meisten fürchten Konsequenzen, da sie eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben mussten. So auch eine junge Sozialpsychologin, die drei Jahre lang in einem Jobcenter im Ruhrgebiet arbeitete: "Ich hab selber auch schon während meiner Arbeit beim Jobcenter gedacht: 'Das muss doch mal nach außen dringen, dass weiß ja niemand, was hier abläuft'", so die ehemalige Arbeitsvermittlerin. "Gerade in punkto Zielzahlen, die konkreten Vorgaben, die passiven Leistungen zu senken durch Sanktionen, wo es ja wirklich Zielvorgaben gibt, die erreicht werden müssen pro Team."

Im Gespräch mit stern TV bestätigt sie die unmenschlichen Zustände in den Jobcentern. "Als ich die Arbeit aufgenommen habe, dachte ich 'Super, ich sitze an der Quelle und kann Einfluss nehmen, kann helfen und unterstützen'. Aber das kann man nicht! Man hat Zielzahlen, die man erreichen muss, und die sind mit Sicherheit nicht auf Unterstützung ausgerichtet, sondern auf Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit - man muss immer wirtschaftlich und sparsam agieren, sowohl bei den Kosten, die erstattet werden, als auch bei Sanktionen, die vorgegeben sind."

Inge Hannemann hat den Mut, all diese Dinge an die Öffentlichkeit zu tragen. "Ich hab viele Jahre versucht, das intern zu regeln, aufmerksam zu machen, aber ich hab dann auch festgestellt, dass die Öffentlichkeit nichts weiß. Die denken alle, es ist sehr schön in Jobcentern, aber so ist es leider nicht", sagt sie. Das Hamburger Arbeitsgericht entscheidet nun, ob der Frau deswegen gekündigt werden darf. Dass sie nicht nur dem Jobcenter in Hamburg Altona unbequem ist, dürfte jedoch klar sein.

 
 
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