Gehört der Inzest-Vater von Amstetten nicht ins Gefängnis, sondern in psychiatrische Behandlung? Mit seiner Ankündigung, auf Unzurechnungsfähigkeit seines Mandanten zu plädieren, hat Josef Fritzls Anwalt Rudolf Mayer für Empörung gesorgt. Bei stern TV berichtete Mayer, warum sich Fritzl auf die Gerichtspsychiaterin freut.

Amstetten: Überall herrscht Fassungslosigkeit über Fritzls Taten© APA
Morddrohungen hat er bekommen, aus aller Welt, per Brief und am Telefon, selbst Kollegen schütteln den Kopf über ihn: Rudolf Mayer, Anwalt von Josef Fritzl. Beim kommenden Prozess wird die Weltöffentlichkeit auf ihn schauen und wissen wollen, was er zur Verteidigung des Inzest-Vaters vorbringen will. Wie kann man sich für jemanden einsetzen, der so perfide Taten begangen hat wie Josef Fritzl? Der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in einem Verlies einsperrte, sie immer wieder vergewaltigte und drei der im Inzest gezeugten Kinder ebenfalls in dem Keller hielt.
"Natürlich sehe ich die Ungeheuerlichkeit und Abscheulichkeit dieses Falles", sagte Mayer zu stern TV, aber als Anwalt müsse man die Emotionen von der Aufgabe trennen. "Sonst verbrennt man innerlich." Um das Mandat für Fritzl habe er sich nicht bemüht, stellt er klar. Er sei von dem Zivilrechtsanwalt Fritzls darum gebeten worden und wollte die Hilfe nicht versagen. Das gehöre zum Berufsethos der Verteidiger. "Ein Chirurg muss auch einen Diktator operieren und darf ihn nicht verbluten lassen."
Bislang viermal hat Mayer mit seinem prominenten Mandanten gesprochen. Fritzl wirke stark gealtert, viel älter als auf den bekannten Fotos. "Er wirkt emotional zerbrochen und sitzt gottergeben vor mir." Vielleicht werde ihm jetzt erst bewusst, was er getan habe und leide mit seinen Opfern, mutmaßt Mayer. Oder Fritzl merke, dass er krank sei.
Dass er auf Unzurechnungsfähigkeit seines Mandanten plädieren wolle, sei kein Winkelzug von ihm, sagte Mayer bei stern TV. "Das war die Idee der Staatsanwaltschaft, ihn psychiatrisch begutachten zu lassen. Meine Verteidigungsstrategie ist nun zu klären, ob er schuldfähig ist oder nicht."
Ein Monster jedenfalls, wie Fritzl viele bezeichnen, sei der 73-Jährige nicht. "Er hätte alle töten und verbrennen können, keiner wäre ihm auf die Schliche gekommen, und er wäre in Frieden gestorben", sagte Mayer im Studiogespräch mit Günther Jauch. "Stattdessen hat er seine Tochter aus dem Keller gelassen, obwohl er wusste, was passiert, wenn sie spricht. Als Monster hätte er ganz anders handeln können." Hätte er nur eine "Sexsklavin" haben wollen, hätte er auch die Geburt der Kinder nicht zugelassen. "Kinder bedeuten Entdeckungsgefahr und unglaublich viel Arbeit."
Den Zorn der Menschen auf Fritzl könne er gut verstehen, sagte Mayer, auch für ihn sei es eines der abscheulichsten Verbrechen, mit dem er bislang zu tun hatte. "Aber jeder kultivierte Mensch muss die Emotionen unterdrücken, um dem Fall gerecht zu werden. In einer Lynchkultur kann immer der Falsche getroffen werden." An den heftigen Reaktionen erschüttert Mayer vor allem, dass die Rechtsstaatlichkeit vielen Bürgern plötzlich nichts mehr bedeute und auch er als Anwalt zur Zielscheibe der Empörung werde. "Wenn für den Prozess unvoreingenommene Geschworene gefunden werden, dann danke ich Gott", sagte Mayer.
Für Reinhard Haller, ein Gerichtspsychiater, der schon über 300 Mörder untersucht hat, ist klar, dass jemand wie Fritzl nicht geistig schwachsinnig sein könne. "Dagegen spricht die hohe Logistik, die Planungsfähigkeit und der Verstand, mit dem das Verbrechen durchgeführt worden ist", sagte Haller zu Günther Jauch. Für den Psychiater gibt es neben "normal" und "nicht normal" noch eine dritte Kategorie: "Das Böse."
Er habe Fritzl nicht geraten, vor der Staatsanwaltschaft zu schweigen, sagte Anwalt Rudolf Mayer, die Entscheidung habe er ganz seinem Mandanten überlassen. Doch eines wisse er: "Das ist nicht zynisch gemeint, aber Fritzl freut sich auf die vom Gericht bestellte Psychiaterin, bei der er sich nun erst einmal alles von der Seele reden kann."
söw