18. Juli 2012, 22:15 Uhr

Wenn Shopping zur Sucht wird

Julia S. ist nur eine von 800.000 Deutschen, die diese Sucht kennen: Der Reiz, immer wieder etwas kaufen zu müssen, das man gar nicht braucht. Welche Therapien können ihr und anderen helfen?

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Die Sucht, immer wieder etwas zu kaufen, betrifft vor allem Frauen.©

Julia S. kämpft mit sich. Soll sie die Bluse kaufen oder wieder weghängen? Fragend blickt sie zu ihrer Begleiterin hinüber. Doch die schaut weg. Julia soll sich ganz allein entscheiden - und zwar bewusst gegen das neue Kleidungsstück. Sie soll dem Reiz widerstehen. Das ist Teil ihrer Therapie, durch die sie ihre Kaufsucht inzwischen kontrollieren kann. Doch das war nicht immer so.

Der Wunsch nach Anerkennung

Noch lange wird Julia ihre Schulden abstottern. Ducht ihre jahrelangen, unkontrollierten Käufe hat sie viele tausend Euro ausgegeben. Geld, das sie gar nicht hatte. Für Dinge, die sie eigentlich gar nicht brauchte. Ihre Sucht begann, als ihre Mitbewohnerin aus der gemeinsamen Wohnung auszog. Die 24-Jährige wohnt plötzlich allein, fühlt sich einsam. "Dann habe ich einen Kredit aufgenommen, um die Wohnung zu verschönern", erinnert sie sich. Doch auch als die Wohnung schön war, kaufte sie weiter. Häufig waren es Geschenke für Freunde. "Ich wollte Anerkennung, wollte geliebt werden", erkennt die junge Frau heute.

Bei ihr zuhause stapeln sich sinnlose Einkäufe zu Bergen. Weil sie sich für ihr exzessives Einkaufen schämt, verheimlicht Julia ihre Sucht vier Jahre lang. Gleichzeitig wehen immer mehr Mahnbescheide ins Haus. Ihre Angst vor dem Gerichtsvollzieher und dem Ruin ertränkt sie in Alkohol und trinkt auf einmal bis zu drei Flaschen Wein täglich. "Ich wollte meine Probleme mit dem Alkohol hinunterspülen, alles wegschieben", sagt Julia heute.

Sie kann die Kaufsucht nicht alleine besiegen

Als auch ihr Freund sich wegen der Lügen und Süchte von ihr trennt, bricht für Julia alles zusammen. Sie macht eine Alkoholentgiftungskur. In der Klinik erfährt sie: Auch ihr Kaufverhalten ist krankhaft - eine Sucht. Und der Alkohol war eine Suchtverlagerung: Immer wenn sie nicht kaufen konnte, trank sie. Da die Kaufsucht nicht offiziell als Suchterkrankung anerkannt ist, kann Julia nur solange in der Klinik bleiben, bis sie ihre Alkoholabhängigkeit bewältigt hat. In den 14 Wochen lernt sie aber auch, ihr Kaufverhalten bewusster wahrzunehmen. Trotzdem: Noch immer springen ihr zwar all die schönen Dinge ins Auge, wenn sie in die Stadt geht. "Gerade Schmuck reizt mich immer", gesteht die junge Frau. Therapeutin Nadja Tahmassebi weiß: "Wenn man einmal süchtig ist, bleibt die Sucht immer da. Aber man kann lernen mit den auslösenden Faktoren umzugehen."

Und genau das versucht Julia S.: Sie geht nur noch mit Bargeld einkaufen, besitzt keine Kreditkarten mehr und schreibt Einkaufslisten, an die sie sich hält. "Ich gucke immer, wie viel Geld ich habe. Ich schreibe mir auf, was ich wirklich brauche: Lebensmittel, Hygieneartikel, Miete … Dann schreibe ich auf, was ich haben möchte, und streiche wieder durch, was ich nicht brauche", sagt Julia S. Therapeutin Tahmassebi rät: "Sinnvoll wäre es, sie würde einer regelmäßigen Selbsthilfegruppe beitreten."

Mit 25 Jahren 60.000 Euro Schulden

Eine Selbsthilfegruppe, die sie selbst ins Leben gerufen hat, half auch Britta Stengele. Wie bei Julia S. war auch für sie der Wunsch nach Anerkennung der Grund für ihre Kaufsucht - ein häufiger Auslöser. Schon als Teenager fing sie an, sinnlos einzukaufen, weil sie sich minderwertig fühlte. "Ich habe mich nie so richtig gefühlt, als würde ich dazu gehören", erinnert sich Britta Stengele. Mit gerade einmal 25 Jahren hatte sie 60.000 Euro Schulden. "Wenn ich nicht kaufen konnte, war ich geradezu depressiv, weinerlich, aggressiv – bis der nächste Kick des Kaufens kam. Da machten auch unbezahlte Rechnungen, Mahnbescheide und Gerichtsvollzieher nichts aus", beschreibt Britta Stengele ihre damalige Sucht.

Als ihr Ehemann sie vor die Wahl stellte - Hilfe annehmen, oder er ist weg - erkennt die Frau die Konsequenzen ihrer Sucht. Therapien, Selbsthilfegruppen und ihre Familie helfen der Mutter von drei Kindern bis heute, ihr krankhaftes Kaufverhalten zu kontrollieren. Wie Julia S. kämpft sie jeden Tag gegen die Reize, denn Einkaufen - so das Problem vieler Kaufsüchtiger - muss man ja schließlich immer.

Kaufsucht - eine Krankheit? Kaufsucht ist in Deutschland keine anerkannte Krankheit, sondern zählt zu den psychischen Zwangserkrankungen. Sie kann von Psychologen nur als "abweichendes Verhalten" diagnostiziert werden und gilt nicht offiziell als Sucht. Ein Klinikaufenthalt wird aus diesem Grund von den Krankenkassen nicht übernommen, nur bei sehr hohem Schweregrad kann eine Aufnahme in eine psychosomatische Klinik ermöglicht werden. Alternative Behandlungswege sind eine Psychotherapie, die in der Regel von den Kassen bezahlt wird, sowie Selbsthilfegruppen und in Einzelfällen die Gabe von Antidepressiva.

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