13. Oktober 2012, 20:01 Uhr

Besser gesetzlich oder privat versichert?

Eine private Krankenversicherung bietet nur Vorteile, so die verbreitete Meinung. Doch viele Tarife weisen Lücken auf - mit gravierenden Folgen. Worauf Versicherte bei der Kassenwahl achten sollten.

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Im Gegensatz zu den gesetzlichen Krankenkassen enthalten viele Privatkassentarife gefährliche Leistungsausschlüsse.©

Privat Versicherte sind im Krankheitsfall meist besser dran, als gesetzlich Versicherte, so die populäre Meinung. Doch eine aktuelle Studie, die 208 Tarife privater Krankenversicherungen untersucht hat, kommt zu einem anderen Ergebnis: Die Tarife weisen vielfach gefährliche Lücken auf. Im Krankheitsfall sind die rund zehn Millionen Privatversicherten in Deutschland teils mit gravierenden Leistungsausschlüssen konfrontiert. Die meisten Tarife bieten sogar schlechtere Leistungen als die gesetzliche Krankenversicherung, besonders auffällig im Bereich der Heil- und Hilfsmittel.

Ein Beispiel sind die günstigen "Einsteigertarife" der privaten Kassen, wie Wolfgang Austmeier einen gewählt hatte. Als der Mann nach einem Hundebiss eine Blutvergiftung erlitt, mussten ihm beide Beine amputiert werden. "Der Vertrag, den mir die Versicherung angeboten hat, hat mich fast Kopf und Kragen gekostet", so Austmeier. Vor zehn Jahren hatte er bei der Allianz einen Vertrag mit einer fatalen Regelung geschlossen: Kosten für Hilfsmittel wie Rollstühle und Prothesen werden nur bis 2500 Euro pro Jahr übernommen. Dadurch sind ihm rund 10.000 Euro eigene Kosten entstanden. Zwar hatte die Allianz ihm mehrfach ein Hochstufung seine Tarifs angeboten. Welche existenziellen Leistungseinschränkungen ihm im Fall der Fälle möglicherweise drohen, das war Austmeier aber nicht klar. Das bemängeln auch Experten: Die Köder-Tarife würden nicht bedarfsgerecht für Kunden entwickelt, sondern mit Blick auf den Preis, um beim Versicherungsvergleich zunächst gut abzuschneiden und den Kunden für sich zu gewinnen. Das hat dazu geführt, dass viele Billigtarife mit drastischen Leistungsausschüssen auf dem Markt sind.

Undurchschaubarer Tarifdschungel bei den Privatkassen

Oftmals geht es den Versicherungen zunächst um einen erfolgreichen Abschluss, nicht zuletzt, da bei den Privaten hohe Prämien von bis zu neun Monatsbeiträgen an die Vermittler gezahlt werden. Die Kunden dagegen haben das Nachsehen. Das Tarifsystem der privaten Krankenkassen ist für Laien undurchschaubar. Die Kombinationsmöglichkeiten aus Alter, Geschlecht, Berufsstand und Leistungskatalog der 32 relevanten Privatkassen ergeben ein Angebot von mehreren Tausend Tarifen und Preisen. In vielen Fällen gibt der Preisvergleich dann den Ausschlag, für welches Unternehmen und für welchen Tarif sich ein Kunde entscheidet. Dadurch können im Krankheitsfall - je nachdem woran jemand unerwartet erkrankt - jedoch existenzielle Leistungsausschlüsse drohen.

Das bekam auch Beate Hammersen zu spüren. Auch sie hatte ihren Vertrag bei Abschluss nicht gut genug durchgelesen und blieb auf hohen Selbstbeteiligungskosten sitzen. "Ich war noch sehr jung, gesund, wenn man da ein paar Euro zahlen soll. Dass da größere Summen auf einen zu kommen können, daran denkt man nicht", sagt die 47-jährige Mutter von drei Kindern heute. Eines Tages entzündete sich nach einer Operation ihr Knie. Es war nicht mehr zu retten, sie brauchte ein künstliches Kniegelenk. Die Knie-Prothese kostet rund 25.000 Euro, ihr Eigenanteil sollte 5000 Euro betragen. Für die inzwischen auf Hartz IV angewiesene Frau kaum zu leisten. Und dann weigerte sich ihre Versicherung, die Signal-Iduna, auch noch, die 20.000 Euro Versicherungsanteil komplett zu übernehmen. Beate Hammersen sollte stattdessen ein günstigeres Kniegelenk wählen, mit dem sie wesentlich schlechter gehen kann. "Grauenvoll, man kämpft mit diesem Zustand und denkt, das schaffst Du mit so einer guten Prothese, damit kannst Du wieder ein Leben führen. Und dann kommt die Versicherung und nimmt einem das Bein wieder weg", beklagt sich Hammersen.

Vielfach schlechtere Leistungen als gesetzliche Kassen

Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten weiß, welche fatalen Folgen eine lückenhafte Privatversicherung haben kann: "Viele Verbraucher wissen gar nicht, welche Summen bei Hilfsmitteln auf sie zukommen können. Man denkt dann in jungen Jahren, das wird schon reichen, aber macht sich gar keine Gedanken, was passieren kann. Das wissen die Versicherer natürlich, aber sie bieten trotzdem solche Tarife an." Diese enthalten für die Versicherungen viele Schlupflöcher.

Zahlreiche Tarife privater Krankenversicherungen bieten sogar schlechtere Leistungen als die der gesetzlichen Kassen. Das Ergebnis eines aktuellen Vergleichs: Mehr als 80 Prozent der Tarifsysteme der Privaten Kassen leisten weniger, als die gesetzliche Krankenversicherung. Die häusliche Krankenpflege, psychotherapeutische Maßnahmen, der Mutterschutz oder sogenannte Hilfsmitteldeklarationen ohne Einschränkungen sind Leistungen, die in der gesetzlichen Versicherung fest verankert sind. Viele private Versicherungen jedoch übernehmen nur eingeschränkt die Kosten für Anschlussheilbehandlungen, Psychotherapien oder wichtige medizinische Hilfsmittel. Der Bund der Versicherten rät deshalb grundsätzlich: Große Risiken mit möglicherweise herben Folgen sollte man versichern und deshalb genau auf die Leistungen im Bedarfsfall achten, für kleinere wie Zahnersatz oder Brillen lassen sich auch privat Rücklagen bilden.

Welche Versicherung für wen?

Privat versichert zu sein ist besser? Das trifft nur auf wenige Menschen zu. In den meisten Lebenslagen ist die gesetzliche Krankenversicherung die richtige Wahl.

Auf den folgenden Seiten lesen Sie, welche Versicherung der Bund der Versicherten Ihnen empfiehlt als Angestellter, als Student, als Single, als Familie, als Arbeitsloser, als Rentner, als Selbständiger.

Infobroschüre zum Download Die Broschüre "Gut versichert in der privaten Krankenversicherung oder der gesetzlichen Krankenkasse" vom Bund der Versicherten inklusive der entsprechenden Leistungsbeschreibungen von PKV und GKV können Sie hier als PDF herunterladen

Weitere Informationen erhalten Sie bei der Verbraucherschutzorganisation Bund der Versicherten: www.bundderversicherten.de

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