Das ist doch nicht mehr gut, oder? Zu oft wandern noch haltbare Lebensmittel in den Abfall. Bei uns daheim oder bei Supermärkten. Raphael Fellmer lebt sogar davon - und hat daraus ein Projekt gemacht.

Raphael Fellmer ist die Entsorgung von noch haltbaren Lebensmitteln zuwider. Seit Jahren lebt er davon - und teilt sie nun auch noch mit anderen.© stern TV
Seit drei Jahren lebt Raphael Fellmer ohne Geld, er kauft nichts und bezahlt nichts. Kleider und Möbel bekommen er und seine Familie von Freunden und Bekannten. Auch Essen und Trinken muss er nicht kaufen. Denn: Vieles landet einfach im Abfallcontainer und wird von Lebensmittelmärkten entsorgt, obwohl es noch haltbar und genießbar ist. Raphael Fellmer lebt davon – und inzwischen teilt er auch. Wie das? Rückblick: Vor drei Jahren setzt Raphael Fellmer als Student eine fixe Idee in die Tat um. Er ist zu einem Freund nach Mexiko gereist. Und zwar ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Er wird von zwei Italienern auf deren Segelyacht über den Atlantik mitgenommen. Dafür hilft er an Bord. Angekommen in Lateinamerika schläft er in leeren Lastwagen oder auf der Straße. Er trampt und schlägt sich wacker durch, bis er nach elf Monaten Mexiko erreichte. Mutig beschließt er: So möchte er weiterleben!
Als stern TV Raphael Fellmer vor einem Jahr zum ersten Mal trifft, sind seine Schränke zum Bersten voll mit Öko-Produkten. Anstatt für seine Familie einzukaufen, ging Raphael Fellmer damals dreimal pro Woche nachts "Containern" - Lebensmittel aus Abfalltonnen von Supermärkten sammeln. Rund 20 Kilogramm Lebensmittel konnte er bei so einer nächtlichen Tour wegschleppen. Doch: Den Rest zurückzulassen ließ ihm keine Ruhe. Seine Idee: "Lebensmittel retten" in größerem Stil.
Bei einer großen Bio-Supermarkt-Kette in Berlin trifft Raphael Fellmer mit seinem Anliegen auf offene Ohren. Für jede Filiale werden drei bis vier Helfer organisiert, die einen "Lebensmittel-Retter"-Ausweis bekommen und dort regelmäßig aussortierte, unverkäufliche Waren abholen. "Das ist die zentrale Idee: Nicht in den Container!", sagt der Inhaber der Bio-Supermarkt-Kette. "Dass die Menschen, die Lebensmittel retten wollen, da nicht reinkriechen müssen und letztendlich Illegales tun. Wir legalisieren das ganze System und lassen den Ekelfaktor weg." Mit rund 80 Helfern holt Raphael Fellmer inzwischen aussortierte Lebensmittel ab. Als Gegenleistung reduzieren sich Müllberge des Biomarktes. Innerhalb weniger Wochen fällt um die Hälfte weniger Restmüll an.
Weil Raphael Fellmer für sich und seine Familie nur wenig benötigt, bringen sie die Lebensmittel in den "Umsonstladen". Der Laden ist Teil von "Foodsharing"-Deutschland - einem Projekt, das es jedem ermöglicht, nicht-benötigte Lebensmittel an andere zu verschenken. Die Lebensmittel, die er nicht zum "Umsonstladen" mitnehmen konnte, müssen weg, sonst verderben sie. dafür gibt es die Internetseite von foodsharing.de. Hier kann jeder jedem Lebensmittel zur kostenlosen Abholung anbieten. Denn: Auch in Privathaushalten werden zu oft noch geschlossene Verpackungen mit Lebensmitteln entsorgt, weil sie zu viel gekauft oder nicht verbraucht wurden.
Was ist Containern? Containern - oder englisch ausgesprochen Containering - nennt sich ein unkonventioneller Broterwerb, den immer mehr Menschen für sich entdecken. Sie holen aus Abfallcontainern vornehmlich von Supermärkten heraus, was hier überflüssigerweise entsorgt wird: leicht beschädigte Waren oder Produkte, die zwar noch genießbar, aber das Ablaufdatum bald überschreiten oder gerade überschritten haben. Die meisten der so genannten "Mülltaucher" tun das nicht, weil sie sich keine Lebensmittel leisten könnten. Mit ihrem Vorgehen wollen sie die Überfluss- und Wegwerfgesellschaft boykottieren. Dass sie sich meist im Dunkeln auf die Hinterhöfe der Märkte schleichen, liegt an der unklaren Rechtslage: Bisher ist umstritten, ob es sich beim Containering um Diebstahl handelt.