9. Oktober 2012, 22:15 Uhr

"Die Angst, dass was passieren kann, ist immer da"

Rund 137.000 Menschen in Deutschland haben keine Krankenversicherung. Teils aus Versehen, oder weil sie sich die hohen Beiträge nicht mehr leisten konnten. Doch was passiert im Fall der Fälle?

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137.000 Menschen in Deutschland haben keine Krankenversicherung und sind auf die Behandlung in sozialen Einrichtungen angewiesen.©

Rund 137.000 Menschen in Deutschland sind nicht krankenversichert und besitzen auch sonst keinen Anspruch auf Krankenversorgung. Das besagen die Zahlen des statistischen Bundesamts von 2011. Vor allem Selbständige und Menschen ohne Arbeit geraten vielfach in diese Lage. Armin D.* ist einer von ihnen. Der 60-jährige freiberufliche Grafiker lebt seit zwölf Jahren ohne Krankenversicherung. Zuvor war er bei der DKV privat versichert. "Als freier Angestellter bei einer Zeitschrift wurde von einem Tag auf den anderen mein Vertrag gekündigt. In der Folgezeit konnte ich meine Krankenversicherungsbeiträge noch aus Rücklagen bezahlen. Aber dann kam der Punkt, wo das nicht mehr möglich war, weil mir neue Kunden und Aufträge fehlten und dann vor 12 Jahren bin ich aus der Krankenversicherung herausgefallen."

Geschäftsmann und Ex-Millionär Egon de Vries* ist es ähnlich ergangen. Als es für ihn wirtschaftlich bergab ging, sorgte ein Versehen dafür, dass auch er seine Krankenversicherung verliert. "Ich hatte vergessen, die Krankenkasse umzumelden und dann habe ich drei Monate nicht überwiesen. Als die Mahnungen kamen, haben wir sofort das Geld überwiesen, aber die Krankenklasse hat das Geld zurückgeschickt. Ich war zu alt und sie haben gesagt, naja, den Alten nehmen wir nicht wieder", sagt de Vries. Die private Versicherung "Die Continentale" kündigte dem damals über 65-Jährigen nach drei Monaten ohne Beiträge kurzerhand den seit fast 40 Jahren bestehenden Vertrag. Jetzt steht der 79-jährige Münchener seit über einem Jahrzehnt ohne Krankenversicherung da. Ein solcher Rauswurf wie Armin D. und Egon de Vries es erlebt haben - etwa aufgrund von Beitragsrückständen - ist den privaten Kassen seit dem 01.01.2009 nicht mehr ohne weiteres möglich. Allerdings können Menschen, die ihre private Versicherung nicht mehr bezahlen, nur noch sehr eingeschränkt auf Leistungen der Kasse zählen. So übernimmt die private Versicherung noch Kosten für eine Notfallversorgung, akute Schmerzbehandlungen oder Entbindungskosten.

Rettungsanker: Kostenlose Behandlung durch Vereine

Armin D. leidet seit einiger Zeit an Thrombose. Er hat Glück, denn bei der Malteser Migranten Medizin kann er sein Bein behandeln lassen. Auch Egon de Vries braucht inzwischen regelmäßig Medikamente und Spritzen. In der Münchener Praxis "Ärzte der Welt" lässt er sich die Spritzen, die er zuvor selbst gekauft hat, verabreichen. Auch andere Institutionen kümmern sich um Fälle, in denen niemand die Behandlungskosten übernehmen würde. Denn in vielen Fällen scheuen die Menschen in finanziellen Notlagen den Weg in eine Arztpraxis, weil sie gar nicht oder nicht ausreichend krankenversichert sind. Die Folge: Oftmals kämen Patienten in einem dramatisch schlechten Zustand, weiß Uwe Denker, Gründer der Bad Segeberger "Praxis ohne Grenzen" und selbst Arzt.

Die "Praxis ohne Grenzen" war auch für Hubertus Traulich eine Anlaufstelle. Der 72-jährige Rentner und Ex-Gastronom lebt bereits seit 30 Jahren ohne Krankenversicherung. Zwar hat er nie einen Versuch unternommen, sich noch einmal zu versichern, doch: "Die Angst, dass was passieren kann ist immer da", sagt Traulich. Bisher ist Hubertus Traulich in all den Jahren ohne Versicherung nie ernsthaft krank gewesen. Bis vor einigen Wochen. Auf unerklärliche Weise nimmt der Mann in kurzer Zeit zehn Kilogramm ab. Er fürchtet eine ernsthafte Erkrankung, seine Frau ist in großer Sorge. Bei Uwe Denker kann er sich untersuchen lassen und bekommt Entwarnung. Dass es ohne Versicherung nicht weitergeht, wird Traulich aber schon kurz darauf erneut bewusst: Er verletzt seinen Daumen an einer Tischkreissäge und muss ins Krankenhaus. Auch ohne Krankenversicherung wird der Notfall zunächst behandelt. Eine Möglichkeit, in die Krankenversicherung wieder aufgenommen zu werden, besteht für den Rentner vielleicht, indem er sich über seine Frau in der Familienversicherung der gesetzlichen Kasse AOK mitversichert. Die Rechnung für die ambulante Behandlung im Krankenhaus wird er trotzdem selbst bezahlen müssen. Wie hoch sich die Kosten belaufen werden, ist noch unklar.

* Namen von der Redaktion geändert

 
 
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