Unterschätzte Gefahr

30. Juli 2013, 10:15 Uhr

Schon geringste Mengen einer Zutat sind für Lebensmittelallergiker bedrohlich. Vor allem in Bäckereien und Restaurants lauert die Gefahr. Denn die Verkäufer wissen kaum Bescheid, wie ein Test beweist.

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Aufwändiger Einkauf: Bei jedem Produkt, das Sophia Demberg kauft, muss sie zuerst die Zutatenliste studieren.©

Sophia Demberg wäre beinahe daran gestorben. Bei ihr machte sich eine Lebensmittelallergie ganz unerwartet bemerkbar. Seit drei Jahren reagiert sie hochgradig allergisch auf Weizen. Dreimal landete sie deshalb in lebensbedrohlichem Zustand in der Notaufnahme. Jetzt muss sie akribisch darauf achten, was in ihrem Essen enthalten ist. Seit sie weiß, dass sie eine Weizen-Allergie hat, verzichtet die 25-Jährige strikt auf alle Produkte, die Weizen oder Bestandteile davon enthalten könnten. Dabei sind nicht die verpackten Lebensmittel aus dem Supermarkt das Problem. Dort sind die Zutaten auf den Packungen aufgelistet. "Das Vertrauen und die Sicherheit sind schon wichtiger. Das heißt, wenn ich verpackte Lebensmittel kaufe und weiß drin ist, fühl ich mich besser“, sagt Sophia Demberg. Denn: Weizen kann sich in fast allen Lebensmitteln verstecken, auch in Wurst, Joghurt, Nudeln, sogar in Pommes und Kartoffelchips.

Seit 2005 besteht EU-weit eine Kennzeichnungspflicht für die 14 häufigsten Allergene auf verpackten Lebensmitteln. So genannte "lose Ware" von den Verkaufstheken kauft die junge Frau dagegen ungern. Dort gilt eine solche Kennzeichnungspflicht nämlich noch nicht. Im Alltag spontan etwas Essen gehen fällt Sophia Demberg ebenfalls schwer. In Restaurants, Bäckereien oder Schlachtereien muss sie den Verkäufern vertrauen. Oftmals wissen die aber selbst nicht, was in ihren Produkten, im Kuchen oder in der Wurst drin ist, wie ein stern TV-Test mit versteckter Kamera belegt. Obwohl die Testkäufer nachfragten und auf ihre Lebensmittelallergie hinwiesen, wurden ihnen die Produkte arglos verkauft. Die 22 Testkäufe in Bäckereien, Imbissen und Metzgereien ließ stern TV in einem Lebensmittellabor auf Allergene untersuchen. Das Ergebnis: In sechs Produkten waren Spuren der Allergene enthalten – für einen hochgradigen Allergiker kann das schon gefährlich sein. Acht Produkte enthielten keine der nachgefragten Allergene. Nur etwa ein Drittel der gekauften Lebensmittel war ganz frei von Allergenen. Auffällig: Die Zutatenlisten – sofern vorhanden – waren oft schlecht geführt und die Verkäufer kannten sich damit kaum aus. Von den getesteten Imbissverkäufern konnte kein einziger kompetente Auskunft über die Inhaltsstoffe ihrer Gerichte geben.

Falschaussagen können lebensbedrohlich sein

Für Menschen mit starken Lebensmittelallergien kann eine falsche Aussage lebensbedrohlich sein. Nüsse, Weizen, Ei, Sellerie, Fisch, Soja oder Milch können schon in kleinsten Mengen einen lebensbedrohlichen allergischen Schock auslösen. Etwa zwei bis drei Prozent der Deutschen sind von einer solchen Lebensmittelallergie betroffen – fünf bis sechs Prozent aller Kinder, aber nur circa zwei Prozent der Erwachsenen. Alte Menschen leiden seltener an Allergien. Bei Kleinkindern mehren sich Allergien gegen Hühnerei und Milcheiweiß, Kinder und Jugendliche reagieren oft auf Nüsse; bei Erwachsenen kommen Allergien gegen Sellerie, Weizen, Krusten- und Schalentiere am häufigsten vor.

Immerhin: Die Politik hat inzwischen reagiert. Ab dem 13. Dezember 2014 wird die genaue Kennzeichnung von Zutaten und Stoffen, die Allergien und Unverträglichkeiten auslösen können, auch bei loser Ware verpflichtend. Inwiefern das dazu führt, dass sich Lebensmittelallergiker auf die Aussagen der Verkäufer verlassen können, bleibt jedoch fraglich.

Was ist eine Allergie? Eine Allergie ist Ausdruck einer gestörten Auseinandersetzung des Immunsystems mit einer körperfremden, harmlosen Substanz – dem Allergen. Bei einer allergischen Reaktion reagiert Immunsystem abwehrend auf Fremdstoffe, die eigentlich keine Gefahr für die Gesundheit darstellen. Der Organismus "überschätzt" die Gefahr dieser Stoffe. Es kommt zu einer Überproduktion von Antikörpern, dem so genannten Immunglobulin E. Bei jedem erneuten Kontakt mit dem vermeintlichen Feind reagiert der Körper mit einer überschießenden Immunreaktion. Die Folge sind allergische Symptome wie Juckreiz, Ausschläge, Durchfall und Erbrechen, Schwindel und Benommenheit. Die schwerste allergische Reaktion ist der anaphylaktische Schock. Dabei wird das gesamte Kreislaufsystem beeinträchtigt, in den schwersten Fällen bis zum totalen Kreislauf- und Organversagen.

Weitere Informationen Informationen zum Thema Lebensmittelallergien erhalten Sie unter anderem beim:

Ärzteverband Deutscher Allergologen e. V. (AeDA)
Blumenstraße 14
63303 Dreieich
Internet: www.aeda.de

 
 
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