Eine blonde Schönheit am Ort des Grauens: Antje Schendel soll blutverschmierte Tatorte wieder zu bewohnbaren Wohnungen machen. Was bewegt die zweifache Mutter zu so einem Knochenjob?
Antje Schendel ist Tatortreinigerin. Sie wird immer dann zum Einsatz gerufen, wenn Menschen auf dramatische Weise verstorben sind: Wenn sie Suizid begangen haben, ermordet wurden, vereinsamt starben oder auf eine andere tragische Art ums Leben kamen. Fäkalien, Blut und Körperflüssigkeiten gehören zu ihrem Berufsalltag. Mit Spezialreinigern entfernt sie Gewebereste aus Parkettfugen, tötet Maden und Ungeziefer. Manchmal blieben die Toten wochenlang unbemerkt. Trotz Atemschutzmasken ist der beißende Verwesungsgeruch kaum auszuhalten. Dagegen hilft oft nur das Einnebeln der Räume mit Ozon. "Ich komme immer erst dann, wenn andere streiken würden. Wenn jemand normal verstorben ist, werden meine Dienste nicht gebraucht," sagt die Münsterländerin.
Aber Antje Schendel machen diese Dinge nichts aus. Ekel kennt sie nicht und überwinden muss sie sich auch nicht. Mit dem Tod kann sie pragmatisch umgehen. "Ich habe als kleines Kind schon eine Leiche gesehen. Auch habe ich meine Uroma damals tot aufgefunden und meine Eltern sind sehr früh gestorben. Ich denke, das ist der Grund, warum ich mit dem Tod nie Berührungsängste hatte", erklärt sie auf die Frage, warum ein Ex-Model, in dessen Welt sich einst alles um Schönheit und Mode drehte, einen solchen Job ausüben kann.
Sich als Tatortreinigerin selbständig zu machen, dazu kam Antje Schendel eher zufällig: Durch einen Todesfall im Bekanntenkreis suchte sie nach einem Tatortreiniger. Doch anscheinend gab es in Deutschland keine solchen Spezialisten - eine Marktlücke. "Anfangs habe ich im Labor und zuhause an Tierblut praktikable Lösungen und Reinigungsmittel ausprobiert", so Schendel. Als eine der ersten Tatortreinigerinnen musste sie sich erst etablieren. Überall, wo sie ihren Service vorstellte, wurde sie erst einmal belächelt. Eine so attraktive zierliche, blonde Frau in einem so schmutzigen, harten Job?
Inzwischen arbeitet die staatlich anerkannte Desinfektorin seit zehn Jahren als professionelle Tatortreinigerin. Wenn die Spurensicherung durch die Polizei abgeschlossen ist, besichtigt Antje Schendel den Tatort. Anschließend kann sie ihren Auftraggebern – meist sind es Hinterbliebene, Hausverwaltungen oder Versicherungen - gleich sagen, wie lange sie braucht, um eine Wohnung wieder bewohn- und vermietbar zu machen. Am Ende muss es so aussehen, als wäre dort nie etwas passiert.
Mit ihrem Team und speziellen Reinigerin säubert, desinfiziert und entrümpelt sie den Einsatz. Zuvor sucht Antje Schendel für den Nachlassverwalter auch immer nach Hinweisen auf Vermögen. Briefe öffnen, Schatullen und Schubladen durchsuchen. Auch das gehört zur Tatortreinigung. Für Angehörige der Toten sammelt sie Bilder, Briefe und andere Erinnerungsstücke ein - der traurigste Teil ihrer Arbeit.
Trotz aller Professionalität lassen die Fälle auch Antje Schendel emotional nicht unberührt. Vor allem Wohnungen, in denen Kinder gestorben seien, machen die zweifache Mutter fertig. "Wenn Kinderleichen am Tatort sind oder waren - das ist schlimm", sagt Schendel, "wenn man so ein blutüberströmtes Kinderbett sieht, das vergisst man nicht."
Vor zwei Jahren ist die 40-Jährige selbst noch einmal Mutter geworden. Mit Tochter Emily hat sich der Alltag von Antje Schendel und ihrem Lebensgefährten, dem Transportunternehmer Andreas Große Entrup, verändert. Alles unter einen Hut zu bekommen und jedem gerecht zu werden, verlangt viel Organisation. Immerhin will sie als Tatortreinigerin 365 Tage im Jahr rund um die Uhr abrufbereit sein. Manchmal muss sie mehrere Aufträge pro Woche erledigen, zum Teil auch am Wochenende. Dennoch ist Antje Schendel überzeugt von ihrer Arbeit. Zwar kann sie das Geschehene nicht ungeschehen machen. Doch als Tatortreinigerin kann sie zumindest die Spuren beseitigen, die daran erinnern.
Buchtipp Die Tatortreinigerin: Ich komme, wenn das Leben geht. Von: Antje Schendel und Shirley Seul. Erschienen im Knaur Taschenbuch Verlag. ISBN-Nummer: 978-3426785027. Preis: 8,99 Euro.