Die Umweltschützer gehen auf Distanz zu Lidl: Ab der nächsten Ausgabe soll das Greenpeace-Magazin nicht mehr bei dem Discounter ausliegen. stern TV hatte in den vergangenen Wochen die ungewöhnliche Geschäftsbeziehung beleuchtet. Von Sönke Wiese

Voll mit Greenpeace-Heften: Lidls Altpapier-Container© stern TV
"Greenpeace hat die Wirkung des Verkaufs des Greenpeace-Magazins beim Discounter Lidl falsch eingeschätzt", sagt die Umweltschutzorganisation. Nach der aktuellen Ausgabe sollen keine Exemplare des Ökoblatts mehr bei dem Discounter erhältlich sein. Man beende den Verkauf des Magazins bei Lidl, "um jeglichen falschen Anschein zu vermeiden". Damit geht eine ungewöhnliche Kooperation zu Ende.
Wie stern TV in den vergangenen Wochen berichtete, verband Greenpeace und Lidl ein Jahr lang ein besonderes Geschäft. Seit dem Sommer 2006 hatte der Discounter das Greenpeace-Magazin in seinen Filialen ausgelegt, anfangs pro Ausgabe 150.000, zuletzt 60.000 Hefte.
Doch die Kundschaft interessierte sich wenig für das Blatt. Nach Schätzungen von Lidl-Angestellten wandern 80 bis 98 Prozent der Auflage unverkauft in den Müll. Tatsächlich fanden Kamerateams von stern TV Hunderte der Hefte in Altpapier-Containern eines Lidl-Zentrallagers. Ein Ökoblatt, das direkt für den Müll produziert wird? Jochen Schildt, Chefredakteur des Greenpeace-Magazins, sah darin keinen Frevel: "Das Recyceln von Recyclingpapier als Sünde zu bezeichnen, geht mir ein bisschen weit", sagte er zu stern TV.
Zudem war der Lidl-Deal für Greenpeace ein lukratives Geschäft: Der Discounter verzichtete auf das sonst übliche Remissionsrecht, unverkaufte Exemplare gingen nicht zurück an den Verlag. Lidl bezahlte für die gesamte Auflage - pro Heft rund zwei Euro, schätzen Branchenkenner.
Die Greenpeace Media GmbH hatte so pro Ausgabe mehrere Hunderttausend Euro zusätzliche Einnahmen. Problematisch: Der Verlag ist eine Tochter von Greenpeace e.V. - und die Umweltschützer betonen stets, keine Spenden von Firmen anzunehmen. Kritiker sahen in dem Lidl-Deal ein verstecktes Sponsoring, das die Unabhängigkeit von Greenpeace gefährde. Die Umweltschützer hätten ihre Seele verkauft, schrieb die "Hamburger Morgenpost".
"Wir hätten nie gedacht, dass diese Kombination unsere Glaubwürdigkeit in Frage stellen könnte", sagt Roland Hipp von Greenpeace. "Das war ein Fehler." Zuschauern von stern TV erschien der bemerkenswerte Aufstieg Lidls in den Pestizid-Studien von Greenpeace verdächtig.
2005 stand Lidl noch öffentlichkeitswirksam am Pranger: In keinem anderen getesteten Supermarkt hatten die Umweltschützer mehr belastetes Obst und Gemüse gefunden. In der neuen Studie Anfang 2007 bescheinigte Greenpeace dem Discounter nun, die wenigsten Pestizide im Obstregal zu haben. In der Zwischenzeit hatte Jochen Schildt, Chefredakteur des Magazins, für den Deal mit Lidl gesorgt. Er bestätigte stern TV, er habe damals vorgeschlagen, das Greenpeace-Magazin ins Sortiment aufzunehmen.

Vergangenen Mittwoch: Pötter und Hipp bei Günther Jauch© stern TV
Die guten Ergebnisse Lidls in der letzten Studie führte die Umweltschutzorganisation auf die "Pestizidbremse" zurück, die der Discounter gezogen habe. Die Prüfung der Supermarkt-Proben jedenfalls würde unabhängig in einem Labor vorgenommen. Auch im neuen Pestizid-Test von stern TV landete Lidl auf dem ersten Platz mit dem am wenigsten belasteten Obst und Gemüse.
Vergangenen Mittwoch versprachen Roland Hipp von Greenpeace und Walter Pötter, Generalbevollmächtigter bei Lidl, die Auflage des Magazins auf das Niveau der Nachfrage zu senken. Günther Jauch fragte, ob das nicht bedeute, dass man das Ökoblatt komplett aus dem Sortiment nehmen müsse. "Nein, das werden wir nicht", sagte der Lidl-Mann mit Nachdruck.
Nun hat Greenpeace die Notbremse gezogen: "Wir wollen, dass das Heft gelesen wird und nicht sofort ins Altpapier wandert."