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22. Juni 2011, 22:15 Uhr

Wie Schüler in die Fänge der NPD geraten

Jonas ist 15 Jahre alt, als er in die Neo-Nazi-Szene gerät - geködert wird er von seiner Geschichtslehrerin. Und der Junge ist nicht der einzige in der Klasse, dem das passiert.

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© Fredrik von Erichsen/DPA

Er provozierte, zog sich zurück, vor allem mit seiner Mutter war kaum ein vernünftiges Gespräch mehr möglich: Als sich der heute 17-jährige Jonas vor knapp zwei Jahren plötzlich veränderte, schoben seine Eltern das zunächst auf die Pubertät. Doch dann machten sie eine schreckliche Entdeckung. Im Zimmer des Schülers fanden seine Eltern massenweise Material der rechten Partei NPD: Flyer, Aufkleber und CDs mit rechtsradikalen Liedern.

Lehrerin holt Jonas zur NPD

"Ich war wütend, ich war betroffen und traurig", sagt Jonas' Mutter rückblickend. "Und ich hatte das Gefühl, er war mir total fremd." Fassungslos machte die Eltern außerdem, dass es Jonas' Lehrerin, Ann-Kristin J., war, die ihn in den braunen Sumpf gezogen hat. "Das war für mich der größte Schock", sagt der Vater. "Dass ein Pädagoge so an die Jugendlichen rangeht."

Rückblick: An einer Gesamtschule bei Husum unterrichtete die 35-Jährige Geschichte und Englisch. Jonas war einer ihrer Lieblingsschüler. Und: "Er stand bei dieser Frau in Geschichte auf eins. Das hat ihn sehr aufgewertet. Deshalb hat sie sich ihn rausgepickt", sagt Jonas' Vater heute.

Irgendwann traf sich die Pädagogin dann tatsächlich mit Jonas auch außerhalb der Schule: Beim ersten Mal habe er ein so genanntes Starterpaket bekommen, erzählt Jonas: "Eine CD mit irgendwelchen Kundgebungen. Und Aufkleber." Später überredete sie ihn und seinen Freund Malte Mitglied bei den Jungen Nationalen zu werden - der Jugendorganisation der NPD.

Eltern erstatten Anzeige

Von seinen Eltern entfernte sich Jonas in dieser Zeit immer mehr: Nur weil sie sich heimlich Zugang zu seinem Facebook-Profil verschafften, erfuhren sie von den Aktivitäten ihres Sohnes. Sie mussten erfahren, dass er sich regelmäßig mit der Lehrerin trifft, dass sie ihn mit "Material" versorgt und irgendwann mussten sie auch lesen, dass ihr Junge Kreisvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten ist. Besonders erschreckend: Die Lehrerin unterschreibt auch gerne mit 88, was in der Szene "Heil Hitler" heißt. "Zum ersten Mal hatte ich da Angst", sagt die Mutter.

Die Eltern haben die Lehrerin ihres Sohnes inzwischen angezeigt - nun ermitteln Kultusministerium und Staatsanwaltschaft. Dass eine Geschichtslehrerin an einer deutschen Schule NPD-Flyer, Aufkleber und rechtsradikale Musik verteilen kann, können die Eltern aber noch immer nicht fassen.

Frauen in der rechtsradikalen Szene Frauen spielten in der NPD lange Zeit keine große Rolle. Doch das hat sich inzwischen geändert: Mittlerweile ist jedes fünfte Mitglied in der Bewegung weiblich. "Die NPD, die sich kommunal verankern will, hat die Frau als Sympathieträgerinnen erkannt", sagt Andrea Röpke, die seit Jahren in der rechten Szene recherchiert und den Strategiewandel in der NPD bestätigen kann. "Frauen sollen die Partei aus der Schmuddelecke rausholen und zur wählbaren, rechten Alternative machen."

Auch bei rechten Demonstrationen könne man sehen, dass nicht mehr nur die Männer den Ton angeben, wissen Beobachter: Denn auch dort sind Frauen als Ordnerinnen oder Rednerinnen aktiv.

Buchtipp Andrea Röpke will die Öffentlichkeit für das Thema "rechtsradikale Frauen" sensibilisieren: Deshalb hat sie jetzt ein Buch darüber geschrieben:

Andrea Röpke und Andreas Speit: Mädelsache. Frauen in der Neonazi-Szene. Erschienen im Ch. Links Verlag. ISBN-Nummer: 978-3861536154. Preis: 16,90 Euro.

 
 
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