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News am 15.02.2012
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17. März 2010, 22:15 Uhr

"Eltern müssen ihr Kind als Kind sehen"

Michael Winterhoff im stern TV-Chat

In seinen Büchern geht es um ausbildungsunfähige Jugendliche, Erziehungsfehler und ein falsches Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern. Im stern TV-Chat hat Michael Winterhoff Ihre Fragen beantwortet.

Der Chat ist nun beendet.

Die Zuschauerfragen

Kristina: Woher, glauben Sie, kommt diese Beziehungsstörung der Partnerschaftlichkeit zwischen Eltern und Kind? Da es ein flächendeckendes Phänomen zu sein scheint, muss es doch auch eine gemeinsame Ursache geben?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Kleine Kinder schon als Partner zu sehen und damit zu meinen, man könne ausschließlich über Reden und Begreiflich machen erziehen hat sich seit Anfang der 90er immer mehr durchgesetzt. Hintergrund sehe ich unter anderem in einem zu diesem Zeitpunkt enormen Wohlstand. Dieser führt dazu, dass man sich um sich selbst dreht und eigene Bedürfnisse versucht zu füllen. Die Gefahr ist, dass man dann dem Kind gegenüber nachgiebiger und unvernünftiger wird. Der partnerschaftliche Umgang bietet sich dann an.

Anna: Mein Sohn ist jetzt 2 1/2 Jahre alt, in welcher Beispiel-Situation kann ich jetzt schon feststellen, ob eine Beziehungsstörung vorliegt?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: In diesem Alter können Sie das noch nicht feststellen. Frühestens in einem Alter von fünf bis sechs Jahren wäre das für Sie möglich.

Tanja: Partnerschaft in Hinsicht auf das Kind mit den Eltern ? Ich glaube, daß bei meiner Tochter und mir ein Rollentausch stattgefunden hat. Kann das auch damit zu tun haben ? Und wie kann ich es wieder "richten" ?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Ich empfehle Ihnen, mein Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" zu lesen.

aqua: Stimmen Sie mir zu wenn ich Ihre beiden ersten Bücher wiefolgt zusammenfasse : Eine der wichtigsten Aufgaben der Eltern ist es, dem Kind Grenzen zu setzen und Respekt zu vermittlen ?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Nein. Gerade im zweiten Buch steht deutlich, dass es nicht um Grenzen setzen geht, dass es nicht um Strenge geht, dass es nicht um konsequentes Handeln geht und auch nicht um Strafe. Jedes Kind unter drei Jahren ist in seinem Verhalten respektlos. Es kann den Erwachsenen noch nicht als solchen erkennen. Wenn Eltern das Kind als Kind sehen und damit in der Intuition sind, werden sie sich entsprechend ihres Gespürs dem Kind gegenüber so verhalten, dass es ab einem Alter von drei Jahren den Erwachsenen erkennt. Mit fünf Jahren liegt dann eine tiefe Beziehungsfähigkeit vor und das Kind wird für den Erwachsenen (Eltern) viele Dinge ausführen oder unterlassen.

Ela: Mein Sohn ist 9 Jahre, ADHS diagnostiziert und meines Erachtens schon jetzt auf der 0 Bock Schiene, trotz guter Schulnoten. Kann ich das Ruder noch rumreißen?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Sollte hinter den Auffällgkeiten Ihres Kindes eine Entwicklungsstörung stecken, wäre eine Nachreifung über ein bis zwei Jahre grundsätzlich möglich.

Rita: Wenn die Eltern nicht in der Lage sind, wer sollte eingreifen? Soll man eingreifen?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Die Kinder halten sich viele Stunden außerhalb der Familie im Kindergarten und Grundschule auf. Wir könnten dort vor allem mit dem Wissen der Entwicklungspsychologie Konzepte entwickeln, die die Nachreifung der Kinder ermöglichen. Damit hätten Kinder außerhalb der Familie eine eindeutige Chance auf eine gesunde Reifeentwicklung.

A. Jochem (Grundschullehrer): Wie wollen Sie die Politiker davon überzeugen, für die "Nachreifung" der Kinder zu sorgen?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Dazu wäre eine wichtige Voraussetzung, dass Sie als Lehrer das Problem nach oben transportieren. Ich würde mir wünschen, dass Lehrer offener und angstfreier dieses Problem nach außen tragen. Nur so könnte ein Problembewusstsein entstehen.

kathi: Wenn Auszubildende den Reifegrad eines Fünfjährigen haben, wie genau soll denn dann der Chef mit ihnen umgehen? Er kann sie ja nicht wie Kinder behandeln.

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Es geht auf keinen Fall darum, diese Auszubildenden wie Kinder zu behandeln. Wenn Sie sehen, dass hinter dem für sie auffälligen Verhalten keine Verweigerung sondern ein Unvermögen aufgrund fehlender Reife steht, gehen Sie ganz anders auf den Jugendlichen zu und sind bereiter, viele grundsätzliche Dinge ihm beizubringen. Hier steht im Vordergrund: Mehr Beziehungsarbeit als früher!

Stern: Treten diese Probleme besonders in Deutschland auf?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Dieses Problem gibt es in allen Wohlstandsländern, zum Beispiel in Japan leben eine Million 20-30-Jährige mit diesem Problem. Sie werden "Hikkomoris" genannt, leben nur auf ihrem Zimmer und spielen den ganzen Tag den Computer.

Silke: Was genau meinen Sie, wenn Sie von Projektion sprechen?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Immer mehr Erwachsenen fehlt Anerkennung und Orientierung. Es besteht bei der Projektion die Gefahr, dieses vom Kind zu bekommen. So unter dem Motto: "Wenn mich da draußen keiner liebt, soll mich wenigstens mein Kind lieben. Wenn mir keiner sagt, was ich tun soll, soll dieses mein Kind leisten."

Grundschullehrer: Wie wollen Sie dazu beitragen, die "ganz andere Form der Frühforderung" für den Reifungsprozess der Kinder in Kindergarten und Grundschule in die Wirklichkeit umzusetzen?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Im ersten Schritt müsste das Problem als solches gesehen werden. Wenn es stimmt, dass bis zu zwei Drittel der Grundschüler nicht mehr den Reifegrad Grundschule erreichen, ist dringend die Politik gefragt. Der pädagogische und Lehrauftrag des Lehrers muss dann erweitert werden in Richtung Ermöglichung der Nachreifung als Voraussetzung für die Beschulung. Das ist grundsätzlich möglich. Denkbar wäre auch die Einführung einer Vorschule mit diesem Auftrag. Der Auftrag muss entweder von der Gesellschaft oder Politik an sie erteilt werden.

Josephin: Guten Tag, wie genau ist das gemeint mit der Beziehungsstörung, wie geht das von statten, dass Jugendliche eine Beziehungsstörung entwickeln?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Die Beziehungsstörung liegt auf Seiten der Eltern und anderer Erwachsener. Der Hintergrund ist eine den Erwachsenen immer mehr überfordernde Gesellschaft. Es fehlt immer mehr Erwachsenen Orientierung, Sicherheit und Anerkennung. Darüber hinaus leben wir jetzt in einer nicht mehr positiv zukunftsweisenden Gesellschaft. Das Kind bietet sich unbewusst zur Kompensation an. Daraus entstehen die Beziehungsstörungen Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose.

Tina: Was können wir als Eltern tun, um nicht in die von Ihnen benannten Beziehungsstörungen hineinzusteuern?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Sie sollten sich mit dem Thema auseinander setzen und entsprechend reflektieren. Sehr geeignet wäre mein Buch "Tyrannen müssen nicht sein".

Lehrer: Als Lehrerin an einem Gymnasium komme ich täglich in Kontakt mit persönlichen Problemen der Kinder, die einen starken Einfluss auf ihr Lernverhalten haben. Wie kann ich als Lehrkraft im Rahmen meiner Tätigkeit und in meinem Aufgabenfeld mehr für Kinder und Jugendliche hinsichtlich ihrer Zukunft und Berufswahl tun? Trotz Berufsberatung und Jobcenterbesuche wissen viele Jugendliche nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen möchten.

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Ganz im Vordergrund steht die Beziehung zu dem einzelnen Schüler. Diese Kinder brauchen wesentlich mehr Betreuung und Anleitung. Ein Reifungsprozess könnte nur wirklich erfolgen, wenn der Hintergrund der fehlenden Reife erkannt wird. Eigentlich müsste bereits im Kindergarten durch eine ganz andere Form der Frühförderung und in der Grundschule dieser Prozess erfolgen.

Anna: Glauben Sie, dass die Jugend irgendwann die Ausbildungsreife gar nicht mehr erreichen wird bzw. dass irgendwann einmal der Großteil der Bevölkerung arbeitsunreif sein könnte?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Zum Glück gibt es nach wie vor sehr viele Jugendliche, die auch über die notwendige psychische Reife verfügen und daher eine hervorragende Ausbildung absolvieren. Die Sorge besteht, dass immer mehr Heranwachsende von den Beziehungsstörungen betroffen sind und daher nicht diese Voraussetzungen mit sich bringen. Wir könnten, wenn wir das Problem sehen, heute eindeutig diesen Kindern in Schule und Kindergarten helfen.

Stefan: Was kann ich jetzt machen um auf die Reife zu kommen die mir fehlt ? Ich bin jetzt 18 Jahre alt und bin beim Bund finde jedoch das ich noch nicht die Reife habe oder angenommen habe die ich eigentlich haben sollte . Was kann ich da machen ?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: Sehr zu empfehlen wäre ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland. Es gibt dafür Anbieter wie die Bundesregierung mit dem Programm Weltwärts. Auch die Industrie, zum Beispiel die Firma Thyssen, bietet entsprechende Praktika im Ausland an. Die Erfahrungen, die Sie dort machen werden, tragen sehr zur Reifeentwicklung bei.

Agnes: Wieviel liegt es an dem Elternhaus dass ein Jugendlicher aus den Fugen gerät?

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff: In den Fällen von denen ich spreche liegt die Beziehungsstörung der Partnerschaftlichkeit, Projektion oder Symbiose vor. Das Kind hat nur eine Chance auf eine gesunde Reifeentwicklung im Verhältnis Eltern-Kind. Nur dann sind die Eltern in der Intuition und können sich auf ihr Gespür verlassen. Eine gesunde Reifeentwicklung ist nur möglich über den Weg der Intuition.