Chronologie der Ereignisse:
Zwei Jahre Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche
Als vor zwei Jahren unzählige Fälle von Missbrauch und Gewalt in Einrichtungen der katholischen Kirche bekannt wurden, versprach man Aufklärung. Ein grober Überblick, was seitdem geschah.
Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden mehrere Missbrauchsfälle bekannt, die der Leiter des Kollegs, Pater Klaus Mertes, an die Öffentlichkeit bringt. Weitere Betroffene sollen sich melden. Die Berliner Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf.
Zahlreiche weitere Missbrauchsopfer melden sich. Innerhalb weniger Tage werden Fälle aus verschiedenen Bistümern Deutschlands bekannt.
In einem Zwischenbericht der Missbrauchsbeauftragten des Jesuitenordens ist bereits von 115 Opfern die Rede, die an Schulen des Jesuitenorden seit den 50er Jahren missbraucht worden sein sollen.
Bischof Dr. Stephan Ackermann wird nach den nicht abreißen wollenden Meldungen von Missbrauchsfällen zum Missbrauchsbeauftragten ernannt. Er kündigt die Aufklärung und Überprüfung der Vorfälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch Ordensangehörige an.
Auch Hans Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, sagt zeitgleich, die katholische Kirche werde alle Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester aufklären.
Unter anderem wird bekannt, dass es Fälle von Misshandlungen beim weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben hat.
In einem Bericht wird auch das Ausmaß der Missbrauchsfälle am Kloster Ettal bekannt, an dem über 100 Kinder jahrelang gezüchtigt und sexuell missbraucht wurden.
Altschüler der reformpädagogischen Odenwaldschule machen ebenfalls auf Missbrauchsfälle in der Vergangenheit dort aufmerksam.
Es wird eine Diskussion um die Verlängerung einer strafrechtlichen Verjährungsfrist angestoßen, um die Rechte der Opfer zu stärken. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger fordert außerdem eine freiwillige Entschädigung der Opfer durch die katholische Kirche.
Die katholische Kirche bietet an, Missbrauchsopfern bis zu 5000 Euro Entschädigung zu zahlen - die Untergrenze der in Gerichtsurteilen üblichen Summe. Je nach Schwere der Fälle sollen auch andere Leistungen, etwa Therapien, gewährt werden.
Papst Benedikt richtet einen Hirtenbrief an die irischen Bischöfe mit klaren Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche. In Irland ist Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ein großes Thema, seit 2009 zwei Untersuchungsberichte tausendfachen Missbrauch von Kindern unter dem Dach der Kirche dokumentiert hatten. Die deutschen Missbrauchsfälle bleiben außen vor.
Papst Benedikt wird in Vorwürfe verstrickt: Unter Joseph Ratzingers Verantwortung als Erzbischof von München und Freising soll in den 70er Jahren ein pädophiler Priester versetzt worden sein, der später erneut Missbrauch an Kindern und Jugendlichen beging.
Bundesweit sind inzwischen mehr als 250 Verdachtsfälle von Missbrauch und Misshandlungen in katholischen Einrichtungen von den 50er bis in die 80er Jahre bekannt.
Das Bundeskabinett beschließt einen "Runden Tisch" und setzt Christine Bergmann (SPD) als Missbrauchsbeauftragte ein. Bis Mai 2011 gingen mehr als 220.000 Anrufe, Briefe und Mails zumeist von Opfern bei Bergmann und ihren Mitarbeitern ein.
Die katholische Kirche schaltet eine Beratungs-Hotline für Opfer sexuellen Missbrauchs. Bis Mitte August 2012 gingen dort wöchentlich zwischen 50 und 400 Anrufe ein. Ende 2012 wurde die Hotline eingestellt. Informationen finden sich auch auf der Website www.hilfe-missbrauch.de
Der Odenwald-Skandal findet breite Öffentlichkeit und weitet sich aus.
Vorwürfe werden auch gegen den Augsburger Bischof Walter Mixa erhoben, der diese bestreitet, nach einem eingestellten Verfahren im Mai 2010 jedoch zurücktritt.
Duzende Opfer sexueller und körperlicher Gewalt in DDR-Kinderheimen seit den 50er Jahren melden sich.
Der Vatikan veröffentlicht Richtlinien zum Umgang der Kirche mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Darin unter anderem: Das Gesetz zur Anzeige von Verbrechen bei Behörden solle stets beachtet werden. Zudem kann der Papst in gravierenden Fällen Priester auch ohne kirchenrechtliches Verfahren in den Laienstand degradieren.
Die Deutsche Bischofskonferenz beschließt ein Maßnahmenpaket zur "Prävention von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz"
Bekannt geworden sind Missbrauchsfälle in insgesamt 27 Bistümern in Deutschland.
Die Deutsche Bischofskonferenz fasst am 20. Juni 2011 einstimmig den Beschluss, dass Kirchenmitarbeiter unter Aufsicht eines Teams des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) sämtliche Personalakten aus den vergangenen zehn Jahren der 27 Bistümer auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen sollen. Bei neun Bistümern sollen die Untersuchungen bis ins Jahr 1945 zurückgehen.
Der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und das KFN vereinbaren das Projekt vertraglich. Neun als repräsentativ ausgewählte Bistümer sagen verbindlich zu, sich an dem Forschungsprojekt zu beteiligen.
Forschungsleiter ist Christian Pfeiffer. Er nennt fünf Ziele für das Projekt: Es gehe um belastbare Zahlen, die Aufarbeitung des Geschehens aus Sicht der Opfer, eine Analyse des Handelns der Täter, eine Untersuchung des Verhaltens der katholischen Kirche gegenüber Tätern und Opfern sowie um die Überprüfung des bestehenden Präventionskonzepts.
Ein zweites Forschungsprojekt unter der Verantwortung von Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Essen-Duisburg, soll in Zusammenarbeit mit den Experten Hans-Ludwig Kröber (Charité Berlin) und Friedemann Pfäfflin (Universitätsklinikum Ulm) ein umfassendes Bild über Täterpersönlichkeiten erstellen.
Die Deutsche Bischofskonferenz kündigt dem Kriminologischen Forschungsinstitut und Leiter Christian Pfeiffer am 09. Januar zunächst unbegründet den Studienauftrag. Gegenseitige Schuldzuweisungen: Nach Studienleiter Pfeiffer scheiterte das Projekt "an Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche". Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz nennt als Grund "unüberbrückbare Differenzen" in der Frage von Daten- und Persönlichkeitsrechten.
Beide kündigen eine Weiterverfolgung der Nachforschungen auf eigene Faust an.
Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Untersuchung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche vorerst gestoppt. Die genauen Gründe - ein Rätsel. Bei stern TV meldeten sich die Opfer dazu zu Wort
Die Missbrauchsstudie ist gestoppt. Von Zensur und Aktenvernichtung könne aber keine Rede sein, betonen die deutschen Bischöfe. Zweifel am Aufklärungswillen der katholischen Kirche bleiben bestehen.
Bei der Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche ist es zum Bruch mit dem Kriminologen Pfeiffer gekommen. Doch das ist weder das Ende der Aufarbeitung, noch muss es ihr schaden.