Warum sich die Opfer erneut verraten fühlen

16. Januar 2013, 23:15 Uhr

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Untersuchung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche vorerst gestoppt. Die genauen Gründe - ein Rätsel. Bei stern TV meldeten sich die Opfer dazu zu Wort

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Die beim Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen in Auftrag gegebene Studie zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche wurde von der Deutschen Bischofskonferenz mit sofortiger Wirkung gestoppt.©

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Untersuchung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche vorerst gestoppt. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen unter der Leitung von Christian Pfeiffer soll seine Arbeit nicht weiter fortsetzen. Als die Kündigung der Studie vor wenigen Tagen bekannt wurde, fragte sich ganz Deutschland, was das Aus der Ermittlungen bedeutet. Vor allem aber für die Missbrauchsopfer ist es ein erneuter Schlag ins Gesicht.

Hunderte haben bei der katholischen Kirche bereits einen Antrag auf finanzielle Entschädigung gestellt. Auch Udo Kaiser. Der 64-Jährige erinnert sich noch gut an die Zeit, als er bei den Regensburger Domspatzen war, einem der ältesten und bekanntesten Knabenchöre der Welt. Im März 2010 war bekannt geworden, dass es auch hier mehrere Fälle von Misshandlungen gegeben hat. Kaiser lebte wie viele andere Domschüler als damals 12-jähriger Junge im Internat in Regensburg, geleitet von katholischen Geistlichen. Kaisers Erinnerungen: "Man wurde für jede Kleinigkeit bestraft. Es gab einen Strafenkatalog. Man wurde geschlagen, ich wurde aus dem Beichtstuhl geschlagen, im Hochaltar geschlagen." Sechs Jahre lang durchlebt Udo Kaiser dieses Martyrium. Als die Missbrauchsfälle im Bistum Regensburg bekannt wurden, wendet er sich 2011 an die Diözese Regensburg. Nach Monaten bekommt er Post vom Bistum. Darin heißt es: "Wir konnten dabei ihre Aussagen zur Frage eines sexuellen Missbrauchs nicht nachvollziehen. Eine Leistung in Anerkennung von erlittenem Leid erscheint auf diesem Hintergrund deshalb nicht gerechtfertigt."

"Man spürt diese wahnsinnige Machtlosigkeit"

"Man spürt in sich wieder dieselbe Wut, wie man sie vor drei Jahren hatte. Man spürt diese wahnsinnige Machtlosigkeit", sagt auch Alexander Probst, der als Kind ebenfalls Mitglied des Domspatzen-Ensembles war. Mit elf Jahren wurde er im Internat der Chorknaben von einem Geistlichen missbraucht. Seit 2010 kämpft der inzwischen 51-Jährige um Aufklärung und Gerechtigkeit für die Opfer. Auch er reicht im Frühjahr 2012 einen Antrag auf Entschädigung ein. Bis heute hat er dazu nichts vom Bistum in Regensburg gehört. "Das Bistum gibt dazu keine Information heraus, weil man mir aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mitteilen könnte, welchen Bearbeitungsstand meine Akte hat", berichtet Probst. "Ich finde das lächerlich. Es geht ja schließlich um meine eigene Akte, da könnte man schon etwas sagen."

Mit dem Abbruch der Studie scheint die Aufklärung seines Falls in noch weitere Ferne gerückt zu sein. Zumal das Bistum Regensburg, wie auch die Bistümer München und Dresden, bereits im Juli 2012 aus dem Forschungsprojekt des Kriminologischen Forschungsinstituts ausgestiegen waren. Schon damals kriselte es zwischen Institutsleiter Pfeiffer und den Diözesen: "Begonnen hat es mit München und Freising, der Erzdiözese, in der schon Forschungserfahrung vorhanden war, die schon wussten, welch grässliche Dinge da raus kommen, wenn man forschen lässt. Und dann hat sich danach Regensburg dem angeschlossen", sagt Christian Pfeiffer.

Die Vernichtung von Akten ist Kirchenrecht

Eigentlich sollten Pfeiffer und sein Forschungsteam den jahrzehntelangen Missbrauch unabhängig und vollständig untersuchen. Doch immer wieder stoßen sie an Grenzen, vermuten eine systematische Vernichtung relevanter Akten. Die Vernichtung von Akten ist im Kirchenrecht allerdings sogar vorgesehen. So besagt 489 § 2 CIC, dass Akten der Strafsachen in Sittlichkeitsverfahren, deren Angeklagte verstorben sind oder die seit einem Jahrzehnt durch Verurteilung abgeschlossen sind, vernichtet werden müssen. Das macht die Aufklärung vor allem weit zurückliegender Vorfälle, wie die bei den Domspatzen, geradezu unmöglich.

In der letzten Woche habe die Kirche dann noch mehr Mitspracherecht verlangt. Laut Pfeiffer sollte die Vereinbarungen mit dem Forschungsinstitut dahingehend geändert werden, dass die Kirche letztlich darüber hätte bestimmen können, ob die Ergebnisse veröffentlicht werden. "Es wurde gesagt, Herr Pfeiffer, wenn jetzt nicht mitmachen zu unseren Bedingungen, dann greifen wir Sie als Person massiv an“, sagt Pfeiffer. „Da bliebt mir nur zu sagen: Davon lasse ich mich nicht beeindrucken. Das nehme ich hin, aber: Die Wahrheit muss die Wahrheit bleiben, eure Zensurwünsche sind nicht akzeptabel und das wird sich auch durchsetzen."

Den Opfern wurde Wiedergutmachung versprochen

Als 2010 ganz Deutschland über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sprach, meldeten sich Hunderte Missbrauchsopfer – verbunden mit der Hoffnung auf Anerkennung und Wiedergutmachung. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wünschte sich das. In einer Rede im Bundetag sagt sie damals: "Das ist eine Bewährungsprobe für unsere ganze Gesellschaft, dass Menschen, die so etwas erlebt haben, sich wieder anerkannt und aufgehoben fühlen und wenigstens das Stück Wiedergutmachung erfahren, was man im Nachhinein noch machen kann."

Nun ist wieder offen, ob und inwieweit eine vollständige Aufklärung und eine Entschädigung aller Opfer stattfinden kann. "Das ist ein Krisenmanagement, das so dermaßen desaströs ist, wie es nur sein kann", sagt Alexander Probst im Gespräch mit Steffen Hallaschka. "Man hätte uns die Hand reichen können – wie leicht wäre das gewesen. Aber man hat es nicht getan. Stattdessen versucht man nur, die Leute unglaubwürdig zu machen."

Forscher Pfeiffer kündigte an, mit den Opfern auf eigene Faust an einer unabhängigen Studie weiter zu arbeiten. Auch für Alexander Probst steht fest: Er kämpft weiter. "Wir müssen aufklären. Und wir bitten alle, mitzumachen."

Anlaufstellen für Betroffene Erste Hilfe bietet zum Beispiel die Telefonseelsorge: Die Berater helfen bei unterschiedlichen Problemen weiter - auch bei sexuellem Missbrauch. Die kostenlose Hotline ist rund um die Uhr erreichbar unter 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222.

Eine Anlaufstelle für Jungen und Männer, die sexuell missbraucht wurden, ist der Verein Tauwetter. Informationen und Beratungsangebote gibt es unter: www.tauwetter.de

Auch beim Weissen Ring finden Opfer von sexueller Gewalt Hilfe. Der bundesweit tätige Verein bietet unter anderem persönliche Beratung, Begleitung zu Gerichtsterminen und die Vermittlung von Opferanwälten an. Darüber hinaus gibt es ein bundesweites, kostenloses Opfer-Telefon unter der Nummer 116 006. Weitere Informationen unter: www.weisser-ring.de

Die Bistümer in Deutschland haben jeweils eine beauftragte Person für Fälle sexuellen Missbrauchs. Unter folgendem Link können Betroffene die Beauftragten ihrer Diözese und ggf. eine dazugehörige Internetseite finden: www.hilfe-missbrauch.de

Einige Ehemalige der Regensburger Domspatzen, unter anderem Alexander Probst, haben sich zusammengeschlossen, um an einer möglichst umfassenden Aufklärung der sexuellen Übergriffe an den Schulen und Internaten in Regensburg und Etterzhausen/Pielenhofen mitzuwirken. Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeit unter: www.intern-at.de

Kontakt zum Kriminologischen Institut Niedersachsen unter der Leitung von Christian Pfeiffer können Opfer und Interessierte aufnehmen unter:
Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.
Lützerodestr. 9
30161 Hannover
Telefon: 0511/348360
E-Mail:kfn@kfn.de
Weitere Informationen unter www.kfn.de

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