Die bewegende Geschichte einer jungen Mutter

7. August 2013, 22:15 Uhr

Sabine Helwig wäre als kleines Mädchen fast gestorben. Ihre Eltern misshandelten sie schwer, ließen sie wochenlang hungern. Nun ist sie selbst Mutter - für die traumatisierte Frau eine große Aufgabe.

Misshandlungen, Kindesmisshandlung, Schicksal, stern TV

Endlich befreit: Als die Behörden Sabine aus der Familie holten, war das Mädchen schlimm zugerichtet.©

Dass Sabine Helwig ihre Kindheit überlebt hat, grenzt fast an ein Wunder: Wochenlang enthielt ihr die Mutter Essen und Trinken vor, der Stiefvater misshandelte sie schwer. Nachts schlief das Mädchen auf einer dünnen Schaumstoffmatratze ohne Decke in einem ungeheizten Dachzimmer. Auch den tagsüber musste sie dort allein ausharren, niemand sprach mit ihr. Sabine begann, sich mit dem Teppich zu unterhalten: "Er war mein bester Freund."

In der Nacht trieb sie der Hunger in die Küche: Dort klaubte sie Brotreste aus dem Mülleimer, oder sie aß rohe Eier. Aus Verzweiflung saugte sie sogar ihr eigenes Blut aus den Fingern. Weil die Waschbecken im Bad für die Siebenjährige unerreichbar waren, trank sie aus der Toilette. Wenn ihre Eltern sie dabei erwischten, setzte es Prügel. Fast täglich wurde Sabine geschlagen - mit Fäusten, Kleiderbügeln, Gürteln oder einer Eisenstange.

Prellungen und Nierenversagen

1991 erlösten couragierte Nachbarn Sabine aus ihrem Elend, wahrscheinlich verdankt sie ihnen ihr Leben. Die Nachbarn hatten die Polizei alarmiert, weil ihnen die vielen blauen Flecken und die Verschüchterung des Kindes aufgefallen waren. Im Krankenhaus stellten Ärzte eine extreme Unterernährung und schlimmste innere Verletzungen fest: Sie war mit Wunden übersät, hatte zahlreiche Prellungen, eine Niere arbeitete schon nicht mehr.

In einem Gutachten heißt es: Sie "musste schwerste Misshandlungen erdulden und litt unter akutem Flüssigkeitsmangel. Die hochgradige Unterernährung ist mit gelegentlichem Nahrungsentzug nicht zu erklären, sondern muss über einen längeren Zeitraum stattgefunden haben."

Mutter beteuert: "Ich bin unschuldig"

Wie Erwachsene einem kleinen Kind eine derartige Folter antun können, ist schwer nachvollziehbar. Sabines Mutter, Petra C., behauptet bis heute, mit Sabines Misshandlungen nichts zu tun zu haben. Dass Sabine bis auf 16 Kilogramm abgemagert war, dass sie lebensbedrohliche Verletzungen erlitten hatte - davon will die Mutter nichts mitbekommen haben. Die Frau hat insgesamt elf Kinder, heute lebt keines von ihnen mehr bei ihr.

Nach ihrer Rettung wurde Sabine einer Pflegefamilie übergeben. Die Mutter kam vor Gericht. Das Urteil: anderthalb Jahre Haft - auf Bewährung. Später mussten Petra C. und ihr Mann allerdings doch noch ins Gefängnis, wegen ihrer Vergehen an den anderen Kindern.

Traumatisiert, aber liebend

Das Martyrium in ihrer Kindheit hat Sabine gezeichnet. Durch die Mangelernährung sind ihre Füße nicht richtig ausgewachsen. Ohne Spezialeinlagen in den Schuhen kann sie nicht länger als eine halbe Stunde gehen. Noch heute leidet sie unter Angstzuständen und Depressionen. Zwei Mal versuchte sie in der Vergangenheit sich das Leben zu nehmen.

Nun hat die inzwischen 30-Jährige selbst ein Kind. Für die junge Mutter zählt jetzt nur eines: Justin Alexander soll eine fröhliche Kindheit haben, keine qualvolle wie sie selbst. "Mein kleiner Sohn ist das Wichtigste ich meinem Leben", sagt Sabine Helwig. "Wenn er glücklich ist, dann bin ich es auch."

Als Resultat aus ihren eigenen Kindheitserfahrungen fürchtet sie allerdings noch immer, etwas falsch zu machen und eine schlechte Mutter zu sein. Völlig zu Unrecht, wie Familienhebamme Sabine Lieder vom Kindernöte e.V. sagt. Sie kennt die junge Mutter seit Jahren: "Sie versucht einfach alles für ihr Kind zu tun. Sie ruht sich nicht darauf aus, dass sie sagt, ich habe es ja auch nicht leicht gehabt. Sie will, dass er es besser hat, als sie selbst." Dass Sabine Helwig ihrem Sohn jetzt die Liebe geben kann, die sie selbst nie erfahren hat, ist für die junge Frau wie eine Befreiung. Und der Junge dankt es ihr mit seiner Fröhlichkeit und seiner Aufgeschlossenheit.

stern TV bei Facebook