Wie peinlich sind die Deutschen?

14. August 2013, 22:15 Uhr

Jedem ist ab und zu mal etwas peinlich. Wir schämen uns in allerlei Situationen. Wann - und wann nicht, vor allem aber warum? Das hat stern TV mit Unfreiwilligen getestet. Ganz schön peinlich!

0 Bewertungen
Scham, Peinlichkeiten, stern TV, Pyschologie, Steffen Hallaschka

"Schäm dich!"©

Das Blut steigt in den Kopf, wir erröten. Und am liebsten würden wir im Boden versinken. In peinlichen Situationen schämen wir uns. Jeder auf seine Art. Den meisten Menschen ist aber gemeinsam: Die Gesichtstemperatur steigt durch die Durchblutung um fast ein Grad, wie Wärmebildkameras zeigen können. Und dadurch teilen wir den Menschen in unserer Umgebung etwas mit, wie Evolutionspsychologe Harald Euler weiß: "Wenn wir uns schämen, werden wir rot, damit wir nicht gesellschaftlich geächtet werden. Die rote Farbe zeigt nämlich anderen Menschen, oh, ich bin mir bewusst, dass ich hier einen Regelverstoß begangen habe. Ihr braucht mich nicht weiter dafür zu bestrafen." Um Sanktionen bei Normverstößen zu mildern oder gar abzuwenden, lernten die Menschen sich zu schämen und das auch nach außen hin zu signalisieren.

stern TV hat es getestet und Menschen auf Regelverstöße aufmerksam gemacht: Eine Regel in unserer Gesellschaft – nach dem Gang zur Toilette wasche ich mir die Hände. Die unappetitliche Wahrheit: Viele tun es trotzdem nicht. Lockvogel-Putzfrau Christine beobachtet mit versteckter Kamera, ob sich die Besucher einer öffentlichen Toilette in Berlin die Hände waschen. Über Lautsprecher fordert sie die wasserscheuen Ferkelchen auf, das "Vergessene" nachzuholen. Das peinliche Ergebnis: Manche schämen sich wirklich, andere nicht. Zumindest behaupten sie das. Denn die Wärmebildkamera sagt etwas anderes.

Fremdschämen ist ein Gruppenphänomen

In einem weiteren Test führt Lockvogel Christian inmitten eines Restaurants zwei extrem unangemessene Telefonate: Zuerst spricht er mit einem Freund lautstark über seine letzte Bettgeschichte. Beim zweiten Durchgang ist die Freundin des Lockvogels am Telefon – und sie will Schluss machen. Melodramatisch weint, schreit und fleht Christian sie an, ihm eine zweite Chance zu geben. Und alle Tischnachbarn sind zum Zuhören gezwungen - zum Fremdschämen natürlich auch. "Fremdschämen tun wir uns dann, wenn wir uns in einer Gruppe befinden", erklärt der Experte Euler. "Das kann auch eine sich kurzfristig ergebende Gruppe sein, wie die Leute in einem Restaurant. Wenn sich einer daneben benimmt und schämt sich nicht, dann schämen wir uns stellvertretend für ihn. Also sobald ich mir mit einer Person die Situation teile." Wir schämen uns fremd, weil wir uns mitverantwortlich fühlen für das Verhalten anderer in unserer Gruppe. Schadenfreude dagegen könne man nur empfinden, wenn derjenige nicht zur eigenen Gruppe gehört.

Scham ist kaum kontrollierbar

Dass wir nicht selbst steuern, wann wir uns schämen und wofür, sondern uns steuern lassen, beweist das Gesangs-Experiment: Bei einem Vorsingen soll ein Computer angeblich die Gesangsqualität eines Sängers professionell beurteilen können. Die "Phonobox Pro" gaukelt den talentierten Sängern vor, ihre gesangliche Leistung sei grottenschlecht. Den miserablen Sängern zeigt der Computer eine sehr gute Punktzahl an. Wie lange - oder kurz - singen die Testpersonen dann vor der "echten" Jury, um einer vermeintlich peinlichen Situation zu entgehen? Die talentierte Sängerin Julia hat nach dem vermeintlich miesen Computerergebnis Ergebnis aus lauter Scham gerade 32 Sekunden vorgesungen. "Wenn ich eigentlich weiß, dass ich gut singen kann, aber der Computer sagt, das war überhaupt nicht gut, dann schäme ich mich. Dann revidiere ich auch das Urteil über meine Gesangskünste", sagt Haralt Euler. Die zweite Kandidatin Nora ist mit weniger Gesangstalent gesegnet. Sie trällerte dennoch ungeniert fast drei Minuten vor den Experten.

Peinlichkeiten vermeiden Peinlichkeiten und Fettnäpfchen lauern im Alltag überall. So ziehen Sie sich geschickt aus der Affäre.

 
 
MEHR ZUM THEMA