2. Mai 2012, 22:15 Uhr

Erfolg auf Kosten der Mitarbeiter

Das saubere Image von Aldi bröckelt: Lange galt der Discounter als fairer Arbeitgeber, nun werden kritische Stimmen laut. Auch bei stern TV berichten Mitarbeiter über Schikane.

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Wurde bei Aldi Süd schickaniert: Snezana Milenovska©

Hoher Arbeitsdruck, Einschüchterung und perfides Mobbing: Es sind schwere Vorwürfe, die Snezana Milenovska gegen ihren alten Arbeitgeber, den Discounter Aldi Süd, erhebt. Zehn Jahre war die allein erziehende Mutter bei dem Unternehmen beschäftigt - und lange sehr zufrieden mit ihrer Stelle. Doch dann übernimmt ein neuer Leiter die Frankfurter Filiale, in der Snezana Milenovska arbeitet, und plötzlich, im Januar 2011, soll Snezana Milenovska gemeinsam mit zwei Kollegen versetzt werden. Die offizielle Begründung des Konzerns: Inventurdifferenzen. Das bedeutet: Es fehlen Geld in der Kasse oder Waren im Regal.

Mitarbeiter vermutet Rassismus

"Mir wurde vorgeworfen, dass ich geklaut habe", sagt Snezana Milenovska, die sehr unter den Vorwürfen leidet: "Weil ich ganz genau weiß, dass ich in den neun Jahren nie etwas geklaut habe, nie etwas mitgenommen habe - nicht einmal ein Blatt Küchenrolle", so Milenovska im Gespräch mit stern TV. "Die Würde eines Menschen wurde mit Füßen getreten und durch den Dreck gezogen", fügt Nenad Davidovic hinzu, der bis zu seiner plötzlichen Versetzung acht Jahre bei Aldi Süd beschäftigt war.

Was war passiert? Warum wurden drei langjährige Mitarbeiter verdächtigt? Und versetzt? Aleksandar Conda, der bis dahin sieben Jahre bei Aldi Süd gearbeitet hatte, äußert einen Verdacht: "Ich fand das diskriminierend, weil wir ja alle drei aus Ex-Jugoslawien kamen. Und das war für mich unfassbar: dass gerade wir drei verdächtigt werden, sozusagen als so eine Ex-Jugo-Truppe, die da klaut."

Den Vorwurf des Diebstahls wollen die drei auf keinen Fall auf sich sitzen lassen und nehmen sich einen Anwalt. Die geforderte Ehrenerklärung - eine Art Versicherung, dass die drei nicht unehrenhaft gehandelt haben - lehnt Aldi ab. Das Unternehmen versichert aber, dass die Versetzung der drei Mitarbeiter nur zeitlich befristet sei: bis zur nächsten Inventur.

Ausgegrenzt durch die Kollegen

Hatte sich ihr Einsatz am Ende doch gelohnt haben? Und sollten die Mitarbeiter wieder an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren dürfen? Von wegen: Für die drei Aldi-Mitarbeiter geht der Ärger danach erst richtig los. "Die Bereichsleiterin hat mir gesagt, dass ich einen Vertrauensbruch begangen habe, weil ich mir einen Anwalt genommen habe", erzählt Snezana Milenovska. "Und deshalb durfte ich nicht in meiner alten Stammfiliale bleiben."

Die Kassiererin wird also wieder versetzt - und geht an ihrem neuen Arbeitsplatz durch die Hölle: Die Kollegen reden nur das Nötigste mit Snezana Milenovska. Es ist ein Redeverbot, das offenbar von oben angeordnet war. "Es wurde wirklich eine Isolierungskampagne gegen sie geführt", sagt ein früherer Mitarbeiter aus derselben Filiale, der anonym bleiben möchte. "Es ging darum, sie wirklich von dem Rest der Mitarbeiter abzuschotten. Dass wirklich keiner mehr Kontakt mit ihr hat, dass sie sich auch unwohl fühlt", sagt er zu stern TV. Und auch Nenad Davidovic und Aleksandar Conda werden bestraft. Beide hatten eine Zusatzvereinbarung als Vertreter der Filialleitung. Diese Zusatzvereinbarung, die auch mehr Lohn bedeutete, wurde ihnen gekündigt. Nenad Davidovic wurde außerdem in eine andere Filiale versetzt.

Betriebsrat verhindert

In ihrer Not beschließen die drei, einen Betriebsrat zu gründen - für die vier Filialen, die unter der Leitung ihrer Bereichsleiterin stehen. Doch eine erste Wahlversammlung, auf der ein Wahlvorstand gewählt werden sollte, endet für die Initiatoren mit einer herben Niederlage: "Die Kollegen haben angeregt, darüber abzustimmen, ob wir überhaupt einen Betriebsrat haben wollen", erzählt Snezana Milenovska. Und: "Mehr als 40 glaube ich, waren dabei, die gesagt haben, dass sie keinen Betriebsrat haben wollen". Und damit ist es auch zu keiner Wahl gekommen.

Aldi soll hinter den Kulissen die Strippen gezogen haben, bestätigt der stern TV-Zeuge, der auch bei dieser Versammlung war: "Aldi hat massiv versucht das Personal einzuschüchtern, zu bedrohen. Es wurde dann zum Beispiel erzählt, dass es keine Sonderzahlungen mehr gibt, kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld und dass das Gehalt massiv gekürzt werden würde. Das sind Punkte, die den meisten Mitarbeitern Angst gemacht haben."

Trauriger Höhepunkt der Schikanen: Als Snezana Milenovska, Nenad Davidovic und Aleksandar Conda Urlaub haben, lädt Aldi selbst zu einer Wahlversammlung ein. Plötzlich ist niemand mehr gegen einen Betriebsrat. Die Wahl des Wahlvorstandes geht reibungslos über die Bühne. Gewählt wird ausgerechnet Snezana Milenovskas Chef. Und auch bei den Betriebsratswahlen wenige Wochen später verlieren die drei, die den Anstoß dazu gegeben haben, haushoch. Vorsitzender wird auch bei dieser Wahl Snezana Milenovskas Filialleiter.

"Es wird mit allen Tricks gearbeitet"

"Bei Aldi herrscht eine Unternehmenskultur von Angst und Druck und Schikane", sagt der ehemalige Bereichsleiter Andreas Straub, der nun ein Buch über diese Zeit geschrieben hat. "Und wenn man einen los werden möchte, dann wird mit allen möglichen Tricks gearbeitet", sagt Straub. In Einzelgesprächen würde jeder kleiner Fehler aufgelistet werden. "Jeden falschen Satz, jede Aussage, um den Mitarbeiter fertig zu machen, um ihn mürbe zu machen, um ihn unter Druck zu setzen."

Auch Snezana Milenovska muss solche Gespräche ständig über sich ergehen lassen. Doch damit nicht genug: Ihr Filialleiter teilt ihr im August 2011 fast nur die ungeliebten Spätschichten zu. Und: Manchmal darf sie sechs Stunden lang keine Pause machen.

In eine andere Filiale wird auch Nenad Davidovic dann versetzt. Und auch er leidet unter den Schikanen des Unternehmens: So durfte der langjährige Mitarbeiter plötzlich keine bezahlte Mehrarbeit mehr machen - ein finanzieller Rückschlag für den heute 30-Jährigen. Denn mit dem Lohn für die vertraglich geregelten Arbeitsstunden kommt er nur schlecht über die Runden. Außerdem bekommt der Aldi-Mitarbeiter in dieser Zeit laufend Abmahnungen. In den ersten sieben Jahren war es keine einzige, 2011 plötzlich fünf.

Bei Snezana Milenovska vergisst Aldi am Ende sogar - angeblich "versehentlich" - die Auszahlung der Prämie für ihre zehnjährige Betriebszugehörigkeit. Und schließlich wird Snezana Milenovska nicht einmal mehr zur Weihnachtsfeier eingeladen. "Das war für mich ein Schlusspunkt. Da habe ich gesagt: Das ist alles unmenschlich."

Inzwischen haben sich die Anwälte geeinigt, Snezana Milenovska, Nenad Davidovic und Aleksandar Conda akzeptieren ihre Kündigung.

Hilfe für Mobbing-Opfer Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat auf seiner Internetseite Tipps und Informationen zum Thema Mobbing gesammelt. Betroffene erfahren dort, wie sie sich am besten gegen Mobbing wehren und an wen sie sich wenden können.

Das Ministerium bietet auch eine persönliche Beratung. Das kostenpflichtige Bürgertelefon für Arbeitsrecht ist unter 01805 / 67 67 13 erreichbar. (Kosten: 0,14 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunk maximal 0,42 Euro pro Minute)

Buchtipp Aldi - Einfach billig: Ein ehemaliger Manager packt aus. Von: Andreas Straub. Mit einem Vorwort von Günter Wallraff. Erschienen im Rowohlt Verlag. ISBN-Nummer: 978-3499629594. Preis 8,99 Euro.

 
 
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