Ist Prostitution ein Beruf?

13. November 2013, 22:15 Uhr

Mit dem Prostitutionsgesetz 2002 sollte sich die Situation eigentlich verbessern. Doch stattdessen wuchs die Branche massiv. Tausende Frauen sind derweil Opfer des Gewerbes und Anlass einer Debatte.

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Sex gegen Bezahlung: Täglich verkaufen hunderttausende Frauen und auch Männer ihre Körper für ein paar Euros.©

Durch das Prostitutionsgesetz, das die rot-grüne Bundesregierung 2002 beschloss, sollte sich die rechtliche und soziale Situation für Prostituierte verbessern. Vor allem die Ausbeutung von Frauen, wie sie in dem Gewerbe tagtäglich passiert, sollte dadurch unterbunden werden. Seit der Reform hat Deutschland neben den Niederlanden eines der liberalsten Prostitutionsgesetze Europas. Schätzungen zufolge bieten hierzulande etwa 300.000 Frauen täglich Sex als Dienstleistung an. Sind sie alle Opfer des Gewerbes? stern TV hat mit Rumäninnen und Ungarinnen gesprochen, die ihren Körper für einen Hungerlohn hergeben. Lilja ist Rumänin und geht seit zwei Jahren anschaffen. Die 20-Jährige hat sieben jüngere Geschwister und tut es für ihre Familie in der Heimat, sagt sie: "Ich muss helfen mit meine Familie, meine Familie hat keine Arbeit, mein Papa ist krank. Viele Männer kommen und wollen für fünf oder fünfzehn Euro ohne Gummi. Deutsche Männer. Und viele stinken – der Körper. Und stinken aus dem Mund und viele Männer sind beim Sex aggressiv sind und ich denke – schnell fertig machen – sonst mache ich dich tot."

Mindestens drei Freier pro Nacht

Wie Lilja sind viele der Prostituierten Frauen aus Osteuropa aus diesen Gründen hier. Die 25-jährige Katalin arbeitet seit vier Jahren als Prostituierte. Sie versorgt damit ihre Eltern und die neunjährige Tochter in Ungarn. Auch Niki verkauft ihren Körper. Die 30-jährige Ungarin hat einen 16-jährigen Sohn. Er und ihre Eltern wohnen daheim in ärmlichsten Verhältnissen. Niki träumt deshalb davon, bald genug Geld verdient zu haben, um eine Wohnung zu kaufen. Dafür erträgt sie viel: "Alle deutschen Männer sind krank im Kopf. Ich bin so klein – einen Meter einundvierzig. Männer kaufen mir Kinderkleidung, Hello Kitty Klamotten – das soll ich anziehen und sagen: 'Fick mich, Papi'. Das ist doch krank."

Die jungen Frauen wohnen im Stuttgarter Rotlichtviertel. Dort leben und arbeiten sie in einem gemieteten Hotelzimmer, für 60 Euro pro Nacht. Für einen Monat müssen sie 1800 Euro bezahlen. Etwa 500 Euro schicken die Mädchen nach Hause, 400 Euro benötigen sie zum Leben. Somit müssen sie 2700 Euro verdienen. Das entspricht etwa 90 Freiern pro Monat - drei pro Nacht, mindestens. Für Männer ist Sex mit diesen Frauen günstig. Und sie greifen zu, wie ein Freier dem Reporterteam erzählt: "Wenn Du irgendwo einen Abend feiern gehst und hast Spaß und machst Party und denkst Dir 'Komm, heute geh ich mal eine flachlegen', dann machst Du es einfach. Für 30 Euro – hallo!" Prostitution sei eine Institution für viele Menschen, die sonst zu so etwas nicht kommen und es sich sonst per Gewalt holen würden, sagt ein anderer. Es helfe den Leuten, sich nicht einsam zu fühlen, es sei ein Ausgleich für viele.

Das Geschäft mit dem Sex

Doch nicht nur Freier profitieren von der Not der zugewanderten Prostituierten. Auch Zuhälter verdienen an den Mädchen, die zum Geldverdienen nach Deutschland kommen, wie Ildico berichten kann: Ein Ungar brachte sie in die Prostitution, nahm regelmäßig ihr Geld und kontrollierte sie. "In der Nacht, wo er mich schlagen wollte, hab ich ihn verlassen. Ich hab zu ihm gesagt, wenn er nicht aufhört, gehe ich zur Polizei, er soll mich in Ruhe lassen. Er hat gesagt, wenn ich ihm 5000 Euro gebe, lässt er mich in Ruhe. Ich musste das Geld bezahlen, weil er weiß wo ich in Ungarn gewohnt habe. Er hat gedroht, dass meiner Familie sonst etwas passiert." Die 21-Jährige kaufte sich frei, dafür konnte sie aussteigen und arbeitet heute in einer Bäckerei. Die Streetworkerin Sabine Constabel kennt viele dieser Geschichten. Auf der Straße und in ihrer Einrichtung hat sie täglich mit Betroffenen zu tun. Sie unterschrieb einen Appell gegen die Prostitution. Die Zeitschrift "Emma" hatte für eine Abschaffung der Prostitution geworben und auch von vielen Prominenten Unterschriften dafür bekommen.

Die Debatte um eine Gesetzes-Novellierung ist auchTeil der aktuellen Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU und SPD. Ob ein Verbot den Prostituierten hilft, oder doch die Legalisierung - darüber ist man sich in Europa uneinig. In Schweden etwa ist die Prostitution bereits seit 1999 verboten. Dort droht Freiern bis zu einem Jahr Gefängnis oder eine Geldstrafe bis zu 3000 Euro. In Frankreich entbrannte vor Kurzem ein innenpolitischer Streit darüber. Viele Freier bekannten sich dort zum Sex gegen Geld.

Wie kann Deutschland mit dem Thema umgehen? Prostitution ist hierzulande in aller Öffentlichkeit erlaubt. Die aktuelle Gesetzeslage hat dazu geführt, dass immer mehr Großbordelle entstanden, Flatrate-Puffs bieten Nonstop-Sex zu Festpreisen und aus dem Ausland kommen Sextouristen. Dennoch sind Menschen, die seit Jahren in der Branche arbeiten, Befürworter der Prostitution: Undine de Rivière ist seit 20 Jahren Sexarbeiterin und hat in unterschiedlichen Etablissements gearbeitet. Gemeinsam mit Kolleginnen hat sie den "Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen" gegründet. Der Verband setzte derweil einen Gegenappell auf, der für den Erhalt der Prostitution plädiert. "Sexarbeit hat nichts mit dem Verkauf zu tun, weder von Körper, noch von Frauen, wir sind ja hier keine Organhändler, sondern wir bieten eine Dienstleistung an und das passiert in den allermeisten Fällen in einem gegenseitigen Einverständnis", so de Rivière.

Eine Reglementierung wäre ein Anfang

Die Kriminalpolizei in Augsburg sieht Prostitution nicht als einen normalen Dienstleistungsberuf an. "Nach unseren Schätzungen arbeiten etwa zehn Prozent der Frauen freiwillig, das heißt selbstbestimmt und selbstorganisiert. Und die restlichen 90 Prozent sind unfreiwillig im Geschäft", sagt Helmut Sporer von der Kripo. Hinzu kommt, dass die wenigsten Sexarbeiter gemeldet sind. Laut Agentur für Arbeit gibt es nur 44 offiziell als Prostituierte verzeichnete Personen in Deutschland. Ein Großteil der etwa 300.000 Sexarbeiterinnen taucht nirgends auf. Deshalb würde es kaum auffallen, wenn eine Frau plötzlich verschwindet, beklagt Sporer.

Bei stern TV in der Sendung sprachen sich Sabine Constabel, Undine de Rivière und auch Susanne Kahl-Passoth, Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg, zumindest gemeinsam für eine stärkere Reglementierung und mehr Kontrollen innerhalb der Branche aus. "Dass wir Prostitution nicht von heute auf morgen abschaffen können, ist mit klar", sagte Sabine Constabel. "Der erste Schritt muss wirklich sein, regulierend einzugreifen. Dafür zu sorgen, dass diese Frauen nicht ausgebeutet werden und dass hier nicht ein Sklavenmarkt entsteht." Die Sozialarbeiterin schlägt unter anderem ein klares Verbot für ungeschützten Verkehr oder entwürdigende Praktiken vor, sowie die Strafbarkeit der Förderung von Prostitution. Oder ein überprüftes Einstiegsalter von 21 Jahren. Mehr psychosoziale Beratungen, gesundheitliche Unterstützungen und Ausstiegsprogramme für die Frauen unterstützten ebenfalls alle drei.

Abstimmung Während der Live-Sendung stimmten die stern TV-Zuschauer über die Frage ab:

Sollte Prostitution in Deutschland verboten werden?
Ergebnis:

62 % Nein
38 % Ja

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