31. Oktober 2012, 22:15 Uhr

Die Krankheit der Soldaten

Deutsche Soldaten erleben bei ihren Auslandseinsätzen Tod und Zerstörung hautnah. Davon bleibt die Seele nicht unberührt. Viele Soldaten leiden deshalb unter der Posttraumatischen Belastungsstörung.

Explosionen, Gefechte, Tote und Verletzte auf den Straßen, manchmal sogar Kinder. Dazu die dauernde Angst vor Anschlägen, selbst getroffen zu werden. Solche Erlebnisse und Bilder lassen die Soldaten nach einem Auslandseinsatz nicht mehr los. Längst daheim, haben sie für viele noch Folgen, die sich mit typischen Symptomen in einer ganz konkreten Störung äußern: die so genannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Anzeichen und Symptome

Die Posttraumatische Belastungsstörung äußert sich in deutlich mehr Symptomen, als beispielsweise eine Depression, unter der ebenfalls viele Soldaten leiden. Unter einer PTBS reichen sie von Herzrasen, Schweißausbrüchen und Zitterattacken über Aggressivität und Reizbarkeit bis zu Schuldgefühlen, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und Albträumen.
Betroffene kapseln sich häufig vom sozialen Umfeld ab, machen Überstunden, vermeiden Kontakt zu Familie und Freunden. Daher sind es oft die Ehepartner, engen Verwandten und Freunde, die merken, dass sich Ehemann oder Sohn verändern.

Das Risiko für eine Suchterkrankung steigt bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung stark an. Auch die Gefahr für einen Suizid wächst. Erhalten die Betroffenen keine geeignete Therapie, wirkt sich das in manchen Fällen langfristig auf ihre Persönlichkeit aus. Sie leben dann in einem ständigen Gefühl der Unsicherheit und Bedrohung, empfinden ihren Mitmenschen gegenüber großes Misstrauen.

Ursachen und Auslöser

Ursprung einer schweren psychischen Störung ist häufig eine verstörende, oft lebensbedrohliche Situation, der sich die Betroffenen machtlos ausgeliefert fühlen. Das bekannteste Krankheitsbild ist die PTBS. Jedoch auch Anpassungsstörungen oder Depressionen können die Folge sein.

Die Krankheit tritt symptomatisch häufig erst Monate nach einem verstörenden Erlebnis auf. In Form eines "Flashbacks" erleben die Betroffenen die traumatisierende Situation in ihrer Vorstellung wieder und wieder - ausgelöst durch einen Reiz, der mit der ursprünglichen Situation verknüpft ist.

Grund: Während einer traumatischen Situation werden vermehrt Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet, die die Gedächtnisfunktionen beeinflussen. Das Gehirn speichert getrennt ab, was in der Situation gesehen, gehört oder gerochen wurde. So kann ein einzelner Reiz, zum Beispiel ein bestimmter Geruch oder ein spezielles Automodell, die Betroffenen das gesamte Ereignis wiedererleben lassen.

Eine Untersuchung der Bundeswehr hat ergeben, dass etwa die Hälfte aller in Afghanistan eingesetzten deutschen Soldaten mindestens ein traumatisches Ereignis erlebt haben. Zum Beispiel eine Konfrontation mit Verletzungen, Kämpfen oder dem Tod. Bei 14 Prozent waren es sogar drei oder mehr derartige Ereignisse.

Außer unter Soldaten kommt PTBS auch in anderen Berufsgruppen häufiger vor, etwa unter Polizisten, Feuerwehrleuten, Rettungskräften oder Lokführern. Opfer von Gewalt und Katastropen entwickeln ebenfalls manchmal eine PTBS.

Zahl der Betroffenen

Die Zahl der PTBS-Behandlungen bei der Bundeswehr ist in den vergangenen Jahren enorm angestiegen. Waren es 2007 noch 149 Fälle, wurden im Folgejahr 245 registriert, 2010 gab es bereits 729 offizielle Fälle. 2011 waren es sogar 922 Soldaten. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2012 wurden in der Bundeswehr 579 Soldaten mit einer PTBS behandelt. Grund des Anstiegs könne laut Bundeswehr aber auch eine verbesserte Aufklärungsarbeit sein. Dennoch ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da sich entweder viele Betroffene aus Furcht vor Konsequenzen nicht melden, oder die Erkrankung schlicht unerkannt bleibt.

Akzeptanz und Aufklärung

Trotz verstärkter Bemühungen um Aufklärung ist die Akzeptanz nach Aussagen Betroffener schlecht: Einige erlebten berufliche Konsequenzen, da "Belastbarkeit" immerhin auch ein Beurteilungskriterium ist. Zudem fürchten viele, in der Truppe als schwach und/oder krank eingestuft zu werden. Gründe, weshalb die Dunkelziffer von PTBS vermutlich weiterhin hoch ist.

Im Bemühen um Aufklärung und Akzeptanz hat die Bundeswehr 2004 das Psychosoziale Netzwerk gegründet. Angehörige der Bundeswehr haben die Möglichkeit auf Standortebene bei Truppenärzten, Truppenpsychologen, Sozialarbeitern oder Militärseelsorgern Hilfe zu erhalten.

Im Mai 2009 wurde mit einer Telefon-Hotline die Möglichkeit geschaffen, anonym eine erste Beratung zu erhalten. Rückkehrer aus dem Einsatz können an Präventivkuren teilnehmen. Bundesweit kooperiert die Bundeswehr dabei mit 16 Kliniken. Zudem hat das Verteidigungsministerium vor zwei Jahren einen PTBS-Beauftragten eingesetzt. In Berlin wurde ein Traumazentrum gegründet, das Forschung und Behandlung vereint.

Therapieansätze

Bewährt hat sich, über das Erlebte zu sprechen, es aufzuarbeiten und zu akzeptieren. In Therapien wird deshalb eine Auseinandersetzung mit dem traumatischen Ereignis angestrebt, verbunden mit einer Verhaltenstherapie und Entspannungstechniken. Laut Dr. Kornelia Sturz von der Klinik am Waldschlösschen in Dresden werden PTBS nicht mit allgemeiner Psychotherapie behandelt. Angewendet wird eine spezielle Psychotraumatherapie, in der es in mehreren Phasen darum geht, den Betroffenen zu stabilisieren, das Trauma aufzuarbeiten und ihm bei einer Neuorientierung und Zukunftsperspektive zu helfen.

Entschädigung durch die Bundeswehr

Ende 2011 wurde das Einsatz-Weiterverwendungsgesetz neu geregelt. Traumatisierte Soldaten sollen dadurch besser entschädigt werden. Gemäß Informationsblatt zu Einsatzschädigungen des Verteidigungsministeriums haben verwundete Soldaten ab 30 Prozent Erwerbsminderung einen Anspruch auf Weiterbeschäftigung - auch traumatisierte sollen darunter fallen.

Darüber hinaus gibt es für mehr als 30 Prozent Beeinträchtigte einen monatlichen finanziellen Ausgleich zusätzlich zu Besoldung - je nach Schädigungsgrad zwischen 124 und 652 Euro. Bei noch gravierenderen Beeinträchtigungen (mehr als 50 Prozent) wird zudem eine einmalige finanzielle Entschädigung gezahlt. Rückwirkend zum 1. Juli 1992, also mit Beginn der Auslandseinsätze der Bundeswehr, soll eine vereinfachte Anerkennung des Verwundungsgrads gelten.

Hilfsangebote

Angebote und Informationen bieten Truppenärzte, Sozialdienste, die Militärseelsorge oder Familienbetreuungszentren an.

Auf der unabhängig entstandenen Internetseite www.angriff-auf-die-seele.de finden Betroffene Informationen rund um das Thema PTBS und können anhand ihrer Postleitzahl oder einem Stichwort Hilfseinrichtungen in ihrer Nähe suchen.

Die Bundeswehr bietet auf der Internetseite www.ptbs-hilfe.de Informationen und Hilfe für Betroffene. Dort gibt es auch einen Onlinetest, der Betroffenen Hinweise auf ihre aktuelle Stressbelastungen geben kann.

Zudem bietet die Bundeswehr eine anonyme und kostenlose Hotline an: 0800/5887957

Seit 2010 gibt es einen "Beauftragten des Bundesministeriums für Verteidigung für einsatzbedingte posttraumatische Belastungsstörungen und Einsatztraumatisierte": E-Mail: BeauftrPTBS@bmvg.bund.de

Weitere Ansprechpartner sind die Mitarbeiter des Sozialdienstes der Bundeswehr auf www.sozialdienst.bundeswehr.de.

Im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin gibt es ein Psychotraumazentrum zur Prävention und Behandlung von psychischen Einsatzfolgeschäden: www.bundeswehrkrankenhaus-berlin.de

Auch Fachkliniken bieten eine Behandlung von PTBS an:
Klinik am Waldschlößchen
Fachklinik für Psychosomatische Medizin
Zentrum für Psychotraumatherapie
Sudhausweg 6
01099 Dresden
Telefon: 0351 658777-0
E-Mail: info@klinik-waldschloesschen.de
Internet: www.klinik-waldschloesschen.de

Fachklink für Psychosomatische Medizin in Dresden
Internet: www.psychosomatik-ukd.de