Anschläge, Explosionen, schwere Gefechte mit Toten und Verletzten, Angst - für die Soldaten in Afghanistan ist das Alltag. Wieder daheim, müssen sie die verstörenden Bilder und Erlebnisse bewältigen.

Einsatz mit Leib - und oft auch mit Seele: Bundeswehrsoldaten sind Teil der internationalen Schutztruppe ISAF in Afghanistan.© DPA / Maurizio Gambarini
Sieben Monate lang war Johannes Clair im Krieg. Immer wieder geriet er mit seinen Kameraden in schwere Gefechte, muss um sein eigenes Leben fürchten. "Ich wusste, dass auch ich sterben kann", sagt Clair. Was 2001 für die Bundeswehr als Stabilisierungsmaßnahme begann, hat sich im Laufe der Jahre zum größten Einsatz der Bundeswehr ausgeweitet. Zeitweilig waren über 5000 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert. 52 deutsche Soldaten haben dort bisher ihr Leben gelassen, mehrere Hundert wurden verletzt.
Johannes Clair beschreibt eines seiner schlimmsten Erlebnisse in seinem Buch "Vier Tage im November": Vier Tage lang waren er und seine Kameraden in einem Graben gefangen, umzingelt und unter Dauerbeschuss, krochen durch den Schmutz - wartend, dass es vorübergeht.
Zurück in Deutschland merkt Clair erst Monate später, wie belastend der Einsatz und die Erlebnisse wirklich waren. "Ich habe mich zurückgezogen, musste für mich damit klar werden", sagt der 27-Jährige Ex-Soldat. Unter Heimkehrern eine häufige Reaktion: In ihrem Einsatz haben sie Erfahrungen gemacht, die keiner der zurückgebliebenen Menschen teilen oder nachvollziehen kann. "Die Betroffenen finden oft keine Worte für das Erlebte und haben Schwierigkeiten, darüber zu reden", erklärt Klaus Dilcher von der Dresdener Klinik am Waldschlösschen, die auf die Therapie von Traumapatienten spezialisiert ist. "Sie haben Angst davor, weil dann die Erinnerungen an den Einsatz hochkommen."
Die Erinnerungen, die verstörenden Bilder und Ängste brechen auch so bei vielen Soldaten irgendwann durch, ausgelöst durch einen kleinen Reiz: ein Silvesterknaller, ein vorbeifahrender Transporter, Brandgeruch - plötzlich sind die grauenvollen Momente wieder da: Posttraumatische Belastungsstörung, abgekürzt PTBS, nennt sich die Erkrankung, die viele Soldaten nach einem Auslandseinsatz erleiden. Die beschriebenen "Flashbacks" sind typisch für das Krankheitsbild.
Auch der ehemalige Soldat Peter Freyer kennt diese Diagnose. Zwischen 2003 und 2010 war er mehrere Male im Einsatz in Afghanistan. Gleich beim ersten Mal gerät er in eine unkontrollierbare Situation, der er sich machtlos ausgeliefert fühlt und die ihn in den folgenden Jahren stark belastet. Als im April 2010 drei deutsche Soldaten in Afghanistan zu Tode kommen und er - wieder daheim - die Bilder im Fernsehen sieht, bricht bei Freyer alles auf: "Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich lag auf dem Boden - wie ein kleines Baby in Embryonalstellung. Ich hab geheult wie ein Schlosshund. Da war für mich klar, jetzt ist Sense", so Freyer.
Der Unterschied zu einer normalen Depression, unter der ebenfalls viele Soldaten leiden, liegt darin, dass eine PTBS deutlich mehr Symptome zeigt: Von Herzrasen, Schweißausbrüchen und Zitterattacken über Aggressivität und Reizbarkeit bis zu Schuldgefühlen, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und Albträumen. Der Bundeswehr ist PTBS seit Beginn der Auslandseinsätze ein Begriff - als Soldaten aus dem ehemaligen Jugoslawien zurückkehren. Gehäuft tritt sie jedoch erst mit den Afghanistaneinsätzen unter den Heimkehrern auf. Die Zahl der PTBS-Behandlungen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Seit 2004 bemüht sich die Bundeswehr verstärkt um Vorsorge, Aufklärung und die Behandlung von versehrten Soldaten.
Peter Freyer fühlt sich von seinem Dienstherrn, der Bundeswehr, dennoch im Stich gelassen: Man schicke die Soldaten schlecht vorbereitet und schlecht geschützt in den Auslandseinsatz. Wenn sie krank zurückkommen, sei es ein Kampf um Anerkennung der Krankheit, so seine Erfahrung. Es werde einem erschwert, eine Wehrdienstbeschädigung durchzubekommen. Als PTBS-Erkrankter wäre die Bürokratie, wie er sie erlebt hat, eine große zusätzliche Belastung. Peter Freyer ist inzwischen kein Soldat mehr. Sein Antrag auf Verlängerung der Dienstzeit wurde abgelehnt. Doch das Ende der Bundeswehr bedeutet für den 36-Jährigen zunächst auch das Ende seiner Therapie. Doch er ist weiterhin krank.
Johannes Clair hat seine belastenden Erlebnisse inzwischen überwunden, wie er selber sagt. Das Buch zu schreiben habe ihm geholfen, sich auszudrücken und das Ganze zu verarbeiten. Auch er hat sich gegen einen Verbleib bei der Bundeswehr entschieden. Doch inzwischen kann er offen über die Zeit sprechen, auch mit seiner Freundin. Er habe auch positive Erlebnisse gehabt, von denen er erzählen kann - von Menschen, die er kennen gelernt hat und davon, mit seinem persönlichen Einsatz Dinge erreicht zu haben
Soldaten in Afghanistan - Wie viele? Wo? Warum? Wieso engagiert sich Deutschland in Afghanistan? Wie viele Soldatinnen und Soldaten sind dort im Einsatz? Was passiert mit dem Geld, das Deutschland dort investiert? Antworten auf diese und weitere Fragen finden Sie auf der Themenseite „Afghanistan“ der Bundesregierung
Die ISAF-Mission Die Abkürzung steht für "International Security Assistance Force" (Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe). Ziel der Mission ist es, die Sicherheit in Afghanistan zu gewährleisten und ein sicheres Umfeld für die Arbeit der vorläufigen Afghanischen Regierung und das Personal der vereinten Nationen zu schaffen.
Die ISAF steht unter der Führung der NATO im Auftrag der Vereinten Nationen. Insgesamt beteiligen sich 50 Nationen, 2012 waren es 133.000 Soldaten. Die Zahl der beteiligten deutschen Soldaten ist von 1200 im Dezember 2001 auf 5350 im März 2011 angestiegen. Seit Anfang 2012 werden die deutschen Truppen sukzessive abgebaut. Zurzeit, im Oktober 2012, sind noch etwa 4500 Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan.
Bis Ende 2014 soll die Sicherheitsverantwortung schrittweise wieder ganz an die Afghanen übergeben werden. Zurzeit haben afghanische Sicherheitskräfte, Polizei und Armee, die Verantwortung für Dreiviertel der Bevölkerung und in allen Provinzhauptstädten Afghanistans wieder übernommen. Weitere Informationen über die ISAF-Mission finden Sie hier
Chronologie einer Mission Eine vollständige Chronologie des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan finden Sie hier auf der Internetseite der Bundeswehr.