Merken die Menschen, wenn aus der jungen Kioskverkäuferin plötzlich eine ältere wird? Dieser und weiteren spannenden Fragen ist stern TV mit Forschern und versteckter Kamera nachgegangen.

Ein Experiment: Merken Kunden, dass sie von verschiedenen Personen bedient wurden?© stern TV
Der moderne Mensch ist Individualist und lässt sich höchstens von gut gemachter Werbung manipulieren? Weit gefehlt! Denn unter bestimmten Umständen sind wir ganz leicht in die Irre zu führen. In verrückten und spannenden Experimenten haben Forscher genau das bewiesen. Einige davon hat stern TV mit Lockvögeln nachgestellt.
An einem Kiosk in Berlin-Charlottenburg machen wir den ersten Test. Agata (30 Jahre) und Ines (34 Jahre) spielen die Verkäuferinnen. Kurz nachdem sich Ines hinterm Tresen versteckt hat, naht der erste Kunde. Während der Mann das Geld für seine Zeitung abzählt, duckt sich Agata und Ines nimmt ihren Platz ein. Obwohl der Kunde der jungen Frau direkt ins Gesicht schaut, ist er kein bisschen irritiert. Er zahlt und geht weg. Auf unsere Rückfrage stellt sich heraus: Der Mann hat tatsächlich nichts bemerkt! Wir wiederholen den Test unter verschärften Bedingungen. Diesmal mit Agatha und einer erheblich älteren Dame. Auch diesmal reagieren die Kunden nicht. Selbst als Agatha den Platz mit einem Mann tauscht, wird ein getesteter Kunde nicht stutzig.
Die wissenschaftliche Erklärung des Phänomens: In einer Verkaufssituation sind die Ware und das Wechselgeld das einzig Entscheidende - nicht die Verkäufer. Entsprechend wählt unser Gehirn aus. "Müsste das Gehirn alle Aspekte unserer Umgebung von einem Augenblick auf den anderen immer wieder neu verarbeiten und aufnehmen und abspeichern, so wären wir eigentlich unfähig zu handeln", erklärt Wissenschaftsjournalist Reto Schneider.
Ursprünglich haben sich die beiden Psychologen Daniel Simons und Daniel Levin von der Harvard Universität in Massachusetts dieses Experiment ausgedacht. Ihre Probanden waren amerikanische Studenten an einem Infoschalter. Der Lockvogel hinter der Theke bückt sich kurz, um ein Formular zu holen. An seiner Statt taucht eine ganz andere Person auf und führt das Gespräch fort. Das Ergebnis: 75 Prozent der Studenten bemerkten nicht, dass sich die Person vor ihren Augen verwandelt hatte.
Mit diesen und anderen unglaublichen Phänomenen beschäftigt sich Reto Schneider seit Jahren. In seinen Büchern der "Verrückten Experimente" hat er hunderte Kuriositäten aus der Wissenschaftsgeschichte gesammelt. Schneiders Erkenntnis: Die Erfinder dieser oft seltsam anmutenden Experimente waren alles andere als "durchgeknallte Wissenschaftler". "Oft mussten sie ein ungewöhnliches Problem lösen und dann müssen sie eine ungewöhnliche Methode dafür anwenden", sagt Schneider. Und dadurch haben sie vielfach Bahn brechende Erkenntnisse gewonnen.
Vor über 40 Jahren entwickelten zwei Psychologen an der Columbia University in New York beispielsweise das spektakuläre "Qualm-Experiment". Bob Latané und John Darley wollten herausfinden, wie Menschen in der Gruppe auf Gefahr reagieren. Denken sie etwa Folgendes?: "Wenn andere in einer Gruppe nicht reagieren, die vielleicht mehr wissen als ich, wird es sich wohl nicht um einen Notfall handeln."
stern TV hat den Test gemacht und das Experiment in ein Castingbüro verlegt. Die Probanden sollen denken, sie befänden sich bei einem Vorsprechen. In einem Warteraum sollen sie einen Text lernen. Die anderen Anwesenden sind Lockvögel, die den Text nur scheinbar ebenfalls lernen. Dann dringt langsam dichter Rauch in den Raum. Das erschreckende Ergebnis: Von elf Versuchen mussten acht abgebrochen werden, da die Probanden selbst nach 20 Minuten auf den immer dichter werdenden Qualm nicht reagierten. Nur drei Personen wurden schnell aktiv. Sie waren allerdings alleine im Zimmer.
"Sich herausreden und nichts tun, anstatt sich in Sicherheit zu bringen - dieses völlig unsinnige Verhalten ist typisch", weiß Psychologe Florian Klapproth. "Unsere Angst, uns durch vielleicht unnötiges Handeln der Gruppe gegenüber lächerlich zu machen, ist größer, als unsere Angst Schaden zu nehmen." Fazit dieses Experiments: Auf uns allein gestellt, reagieren wir Menschen entschlossen und vernünftig. In einer Gruppe aber sind wir - ob es uns passt oder nicht - nichts als leicht zu manipulierende Herdentiere.
Erstaunliche Erkenntnisse Auch Tiere wurden oft Opfer wissenschaftlicher Neugier. 1948 verabreichte der Pharmakologe Peter Witt Spinnen verschiedene Drogen. Er beobachtete, wie sich welcher Rausch auf den Netzbau auswirkt. Die Erkenntnis: LSD führt zu einem überperfekten Netz. Die Marihuana-Spinne hatte erwartungsgemäß irgendwann "keinen Bock mehr", Koffein-Konsum hingegen macht Spinnen zu Total-Chaoten. Die interessantesten Tests und Experimente können Sie hier noch einmal anschauen.