12. Dezember 2012, 22:15 Uhr

Hartz IV-Empfänger schlagen Chancen aus

Kann man einem Hartz IV-Empfänger einen einfachen Job vermitteln? stern TV hat es getestet und vor einem Jobcenter in Frankfurt Arbeit angeboten. Doch kaum jemand hatte Interesse.

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Arbeiten oder nicht? Viele Hartz-IV-Empfänger lehnten den angebotenen Job ab.©

Wie schwierig ist es, einen einfachen Job an Hartz-IV-Empfänger zu vermitteln? Vor dem Jobcenter Ost in Frankfurt am Main bietet stern TV zwei Tage lang Menschen eine Vollzeitstelle in Frankfurter McDonald's Restaurants an. Zugegeben: Ein schlichter Job mit einem einfachen Tätigkeitsprofil und Schichtdienst. Doch immerhin ein Arbeitsplatz mit geregelter Bezahlung: ein Tariflohn von 7,50 Euro pro Stunde plus Zuschläge, Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld.

Von 100 Leuten wollten nur 14 den Job

Mindestens 100 Leute sprechen wir an. An unserer Seite: Bernhard Schemmer, stellvertretender Personalleiter bei McDonald's. Er steht für Informationsgespräche bereit. Wenn es motivierte und geeignete Kandidaten gibt, sollen sie bei der Burger-Kette eine Chance bekommen. Doch die Reaktionen sind ernüchternd: Nur 14 Leute haben überhaupt Interesse, sich weiter zu informieren. Von den Interessenten lädt Bernhard Schemmer neun zum Vorstellungsgespräch ein. Doch die Zahl der Bewerber schrumpft weiter: Von den verbliebenen Neun sind nur drei Kandidaten zum Termin erschienen. Zwei von Ihnen erhalten die Chance zum Probearbeiten. Beide haben eine Stelle bekommen.

Eine der beiden: Natalia Fontanillas. Sie bringt Erfahrungen aus der Gastronomie mit, hat in Spanien 30 Jahre lang eine Tapas-Bar geführt. Erst seit zwei Wochen ist die geschiedene Frau zurück in Deutschland - und auf Jobsuche. Nach dem Probearbeiten aber kann sie bei McDonald's in derselben Filiale eine Vollzeitstelle antreten. Kandidatin Nummer Zwei ist Marija Boudouh. Mit zwei kleinen Kindern kann sie nur Teilzeit arbeiten. "Wenn man nur als Aushilfe arbeiten will, dann kann man gleich zuhause bleiben", so ihre bisherige Erfahrung. "Wenn der Arbeitgeber mitspielt, dann ist das sehr gut." Sie arbeitet nun 20 Stunden pro Woche bei McDonald's.

Arbeit schafft auch Zufriedenheit

Aber warum hatten so viele Arbeitsuchende kein Interesse an unserem Angebot? Dominik Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln kennt häufige Gründe: "Ein Grund mag sein, dass man sich ganz gut eingerichtet hat mit den sozialen Angeboten, sei es durch den Staat, sei es durch Tafeln, wodurch man ein ganz gutes Leben haben kann." Ein weiterer Grund hat oftmals mit dem schwindenden Selbstbewusstsein zu tun, das vielen Arbeitssuchenden zu schaffen macht: "Man hat sich ein Umfeld geschaffen, wo es gar nicht mehr üblich ist zu arbeiten, dass man irgendwo abgerutscht ist in einen Bereich mit Freunden und Bekannten, die auch nicht arbeiten. Dann findet man den Weg zurück nur sehr schwer, und ergreift dann auch nicht solche Chancen, weil man überhaupt nicht den Mut hat."

Dennoch weiß der Experte: Arbeit schafft auch jenseits des Einkommens Zufriedenheit und vor allem ein Umfeld, um mit anderen Leuten in Kontakt zu treten. Das kann Julia Kukielski nur bestätigen. Als stern TV denselben Test im Jahr 2010 durchführte, hat sie den Job gleich angenommen. Julia Kukielski blieb fast ein Jahr lang bei Mc Donald's. Im Mai 2011 fing sie bei dm in Frankfurt als Verkäuferin an, nachdem sie sich dort initiativ beworben hatte. Bei dm hat sie inzwischen einen unbefristeten Vertrag bekommen und verdient 1230 Euro netto. "Den Motivationsschub hab ich bekommen, weil ich wieder Arbeit hatte und mich daraus ganz anders bewerben konnte", sagt Julia Kukielski. Sie kann sich aber ebenso daran erinnern, wie es ihr ging, als sie noch von Hartz IV gelebt hat: "Ich war ein bisschen am Boden, weil man irgendwann auch den Mut verliert, sich zu bewerben, weil man doch relativ viele Absagen bekommt, plus, dass man auch ein bisschen träge wird und denkt, man bekommt keinen Job mehr. Aber durch den neuen Job habe ich Mut gefasst und es versucht."

Vollzeit arbeiten für 200 Euro mehr?

Lohnt es sich aber, einen Vollzeit-Job bei McDonald's anzunehmen und am Ende vielleicht gar nicht mehr zu verdienen, als die Hartz IV-Bezüge ohnehin wären? Dieses Argument führten viele der 100 angesprochenen Arbeitssuchenden an. Keine Frage für Natalia Fontanillas: Sie hat als Spanierin gar keinen Anspruch auf Hartz IV. Durch ihre Arbeit bei McDonald's wird sie anfangs 951 Euro netto verdienen. Marija Boudouh bekommt mit ihren beiden Kindern bisher 1275 Euro Hartz IV. Mit ihrem neuen Teilzeitjob hätte sie 1487 Euro - 212 Euro mehr. Das Wichtigste aber ist: Beide Frauen haben wieder einen Einstieg ins Berufsleben geschafft.

Und auch für Julia Kukielski waren es vor zwei Jahren anfangs nur 200 Euro mehr Verdienst. Dennoch hat es sich rückblickend gelohnt: Ein strukturierter Tagesablauf, morgens aufzustehen, Leute zu treffen - all das habe ihr geholfen, selbstbewusster zu werden und ihre Karriere wieder in die Hand zu nehmen.

 
 
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