Auch bei knuddels.de, einem populären Chat für Jugendliche, tummeln sich Pädophile, wie stern TV nachwies. Wie leicht es von einem ersten Internetkontakt zu einem Treffen kommt, zeigt der Fall der 16-jährigen Jennifer. Sie wurde von einem 41-Jährigen missbraucht.

Michael S. steht in Schweinfurth vor Gericht. Er soll acht Mädchen missbraucht haben.© stern TV
Wissen Eltern, was Ihre Kinder im Internet machen? Mit dieser Frage moderierte Günther Jauch den nunmehr dritten Beitrag von stern TV über sexuellen Missbrauch im Chat an. Diesmal ging es um knuddels.de, die populäre Plattform für jugendliche Chatter. Zirka 250.000 Menschen loggen sich dort täglich ein.
Reporter von stern TV meldeten sich im Chatraum für Kinder unter zwölf Jahre an und täuschten vor, kleine Mädchen zu sein. Das verheerende Ergebnis: Nach einem kurzen "Hallo" kamen männliche Chatter, die offenkundig weit älter als zwölf waren, schnell zur Sache. "Willst Du mit mir schlafen?", "Trägst Du einen Tanga?" - das waren typische Fragen. Unter den 26 Chats, die testweise durchgeführt wurden, kam es bei 19 zu sexuellen Anmachen. Kein Wunder, dass knuddels.de in Internet-Foren von Pädophilen als ideale Kontaktbörse gepriesen wird.
Aufgeschreckt durch die sternTV-Recherchen bemühten sich die Inhaber von knuddels.de zwischenzeitlich, die Sicherheit von Kindern im Chat zu verbessern (siehe Kasten). Für die Internet-Expertin Beate Schöning, die im Studio zu Gast war, reicht das allerdings nicht aus. Für sie sind die Schutzmaßnahmen der Chat-Anbieter nur "Kosmetik": "Es wird nur etwas getan, um die Gemüter zu beruhigen".
Laut Schöning kommt es auf allen Chat-Plattformen zu sexuellen Anmachen. Um sich vor den Tätern zu schützen, sollten Kinder und Jugendliche keine persönlichen Informationen im Netz hinterlassen, vor allem keine Fotos. Besonders problematisch seien regionale Chats, weil die Täter ihre Opfer dann leichter persönlich kontaktieren könnten.
Michael S., ein Versicherungsagent aus Gerolzhofen, hat jahrelang Mädchen in Chaträumen angebaggert - auch die damals 14-jährige Jennifer. Arglos tauschte sie mit dem Mann Telefonnummern aus und ließ sich auf ein Treffen ein. Im offenen Cabrio holte Michael S. das Mädchen ab, fuhr sie zu seinem Haus, gab ihr Alkohol, nötigte sie ins Schlafzimmer und missbrauchte sie.
Geschockt von dem Ereignis traute sich Jennifer wochenlang nicht, jemandem davon zu erzählen. Sie hatte Angst, ihre Mutter könnte denken, sie habe ihr Vertrauen missbraucht. Während dieser Zeit rief Michael S. immer wieder bei Jennifer an, um ein neues Treffen zu vereinbaren. Schließlich erzählte sie ihrer Mutter doch, was vorgefallen war. Die Mutter reagierte verantwortungsbewusst: "Mir war sofort klar: Sie ist nicht schuld. Das stand für mich außer Frage. Sie war 14 und völlig unbedarft. Dieser Kerl hat das schamlos ausgenutzt." Jennifers Mutter stellte Strafanzeige.
Derzeit wird der Fall Michael S. in Schweinfurt verhandelt. Die Ermittlungen hatten ergeben, dass er mindestens acht Mädchen sexuell belästigt und zum Teil missbraucht hatte. Immer wieder hatte er sich seinen Opfern über das Internet genähert. Ob und wie Michael S. verurteilt wird, ist allerdings noch offen. Der zuständige Staatsanwalt Axel Weihprecht sagte stern TV: "Bei Kindern unter 14 Jahren ist jede sexuelle Handlung strafbar." Zum Tatzeitpunkt war Jennifer aber bereits über 14 Jahre alt. Die Psychologin Roslies Wille-Nopens, die Missbrauchsopfer betreut und im Studio zu Gast war, plädierte deshalb dafür, die Altersgrenzen anzuheben: "Kinder haben noch keine Erfahrung. Sie können die Folgen ihres Handelns nur schwer überblicken."
Doch bevor sich die Gesetze ändern, wird der Prozess in Schweinfurt längst abgeschlossen sein. Für den Missbrauch von Jennifer, soviel steht bereits fest, wird Michael S. nicht belangt werden können. Also sind Eltern und Jugendliche einstweilen darauf angewiesen, selber für Schutz zu sorgen - besonders vor verhängnisvollen Kontakten mit pädophilen Chattern. Beate Schöning: "Das Internet kein Kinderspielplatz."
Stellungnahme von Knuddels.de Die Geschäftsführer von knuddels.de, Holger Kujath und Mathias Retzlaff, nahmen gegenüber stern TV wie folgt Stellung:
"Wir möchten uns bei Ihnen für Ihre ausführliche Recherche, die bestimmte Schwachstellen auf unserer Seite aufgedeckt hat, bedanken. [...]. Wir bedauern, dass wir Ihre Kritikpunkte in diesem Ausmaß nicht zu einem früheren Zeitpunkt selbst identifiziert haben. Die Herausforderung, für die existierenden Probleme auf unserer Seite zeitnah Lösungen zu erarbeiten, nehmen wir an."
Zu den Maßnahmen, die knuddels.de für den Kinderschutz ergriffen hat, gehören:
- ein Wortfiltersystem, das sexuelle Inhalte eliminieren soll,
- verstärkte Kontrollen durch die 3700 Channelmoderatoren und 160 Administratoren,
- restriktivere Bestimmungen für das Hochladen von Bildern,
- ein spezielles Notrufsystem für Chatter, die sich bedrängt fühlen.
Einen Gesamtüberblick über die von knuddels.de eingerichteten Schutzmaßnahmen finden Sie unter www.knuddels.de unter dem Menüpunkt "Jugendschutz" in der linken Navigationsspalte.
Tipps für Eltern und Kinder Fragen der Zuschauer und Antworten der Chat-Expertin Beate Schöning lesen Sie unter
www.sterntv.de
Weitere Informationen unter
www.zartbitter.de
www.kindersindtabu.de.
Jugendgefährdende Verstöße im Internet können gemeldet werden unter der Mailadresse
hotline@jugendschutz.net
Grundregeln für sicheres Chatten 1.) Eltern sollten wissen, in welchen Chats sich ihre Kinder tummeln und die Technik soweit beherrschen, dass sie Einblick in die Chats des Kindes nehmen können.
2.) Wer chattet, sollte nie persönliche Daten wie Name, Adresse oder Handynummer herausgeben - auch keine Emailadresse!
3.) Fotos von sich selbst zu verschicken ist tabu.
4.) Wer im Chat belästigt wird, sollte den Kontakt zu dem Chatbekannten abbrechen und unbedingt mit den Eltern oder einer anderen Vertrauensperson darüber reden.
5.) Selbstgewählte Chatnamen sollten keine Rückschlüsse auf die reale Person, deren Geschlecht und Alter zulassen: lieber "spot05" als "angie14w".
6.) Wird ein Kind im Chat sexuell belästigt, sollten Eltern die Dialoge und Bilder auf Festplatte sichern und sich an die Polizei wenden.