Manchmal war der Durst so stark, dass Sabine heimlich das Wasser aus der Toilette trank. Wenn ihre Eltern sie dabei erwischten, setzte es Prügel. Im Alter von sieben Jahren wäre Sabine fast verhungert. Bei stern TV berichtete die heute 22-Jährige vom Martyrium ihrer Kindheit.

Im letzten Moment gerettet: Die damals siebenjährige Sabine© stern TV
"Manchmal frage ich mich selbst, wie ich das überleben konnte", sagt Sabine. Wochenlang enthielt ihr die Mutter Essen und Trinken vor, der Stiefvater misshandelte sie schwer. Nachts schlief das Mädchen ohne Decke in einem ungeheizten Dachzimmer. Auch den Tag über musste sie dort allein ausharren, niemand sprach mit ihr, Sabine begann, sich mit dem Teppich zu unterhalten: "Er war mein bester Freund."
In der Nacht trieb sie der Hunger oft in die Küche: Dort klaubte sie Brotreste aus dem Mülleimer, oder sie aß rohe Eier. Weil die Waschbecken im Bad für die Siebenjährige unerreichbar waren, trank sie aus der Toilette - für die Eltern ein Anlass, sie schlimm zu bestrafen.
Während die Mutter Sabine festhielt und beschimpfte, schlug der Stiefvater sie mit einer Eisenstange zusammen. "Danach habe ich oft sehr geblutet. Ich habe das Blut abgeleckt. Wenn ich Flecken auf den Teppich gemacht habe, gab es wieder Ärger", sagt Sabine.
Couragierte Nachbarn erlösten Sabine aus dem Elend, wahrscheinlich verdankt sie ihnen ihr Leben. Die Nachbarn hatten die Polizei alarmiert, weil ihnen die vielen blauen Flecken und die Verschüchterung des Kindes aufgefallen waren. Im Krankenhaus stellten Ärzte eine extreme Unterernährung und schlimmste innere Verletzungen fest: Sie war mit Wunden übersät, hatte viele Prellungen, eine Niere hatte schon aufgehört zu arbeiten.
Um alle Verletzungen des Mädchens zu beschreiben, brauchten die Ärzte sieben Seiten. Aus dem Gutachten: Sie "musste schwerste Misshandlungen erdulden und litt unter akutem Flüssigkeitsmangel. Die hochgradige Unterernährung ist mit gelegentlichem Nahrungsentzug nicht zu erklären, sondern muss über einen längeren Zeitraum stattgefunden haben."
Wie Erwachsene einem kleinen Kind eine derartige Folter antun können, ist schwer nachvollziehbar. Sabines Mutter, Petra C., sagt heute, 15 Jahre nach den Vorfällen, sie habe damals nicht so genau hingeschaut. "Wahrscheinlich war ich überfordert, mein Mann war ja arbeitsfaul."
Das Mädchen sei ein ungezogenes Kind gewesen, aber Misshandlungen habe es nicht gegeben. Dass Sabine bis auf 16 Kilogramm abgemagert war, dass sie lebensbedrohliche Verletzungen erlitten hatte - davon will die Mutter nichts mitbekommen haben.

Die 22-jährige Sabine hat bis heute körperlichen Leiden.© stern TV
Nach ihrer Rettung durch die Polizei wurde Sabine einer Pflegefamilie übergeben. Die Mutter kam vor Gericht. Das Urteil: anderthalb Jahre Haft - auf Bewährung. Die Frau hat inzwischen elf Kinder, die meisten sind zu Pflegefamilien gekommen. Doch trotz der Vorfälle in der Vergangenheit leben bei Petra C. heute vier Kinder im Alter zwischen anderthalb und acht Jahren.
"Manchmal hatte ich mir gewünscht zu sterben", sagt Sabine. Das Martyrium in ihrer Kindheit hat sie für das Leben gezeichnet - nicht nur seelisch. Durch die Mangelernährung vor 15 Jahren sind ihre Füße nicht richtig ausgewachsen. Ohne Spezialeinlagen in den Schuhen kann Sabine nicht länger als eine halbe Stunde am Stück laufen.
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Alarm-Zeichen Was sind Anzeichen für eine Misshandlung? Physische Gewalt ist meistens deutlich sichtbar: blaue Flecken, Blutergüsse, Platzwunden, Striemen oder kahle Stellen auf der Kopfhaut, die vom Ausreißen von Haarbüscheln herrühren. Wenn ein Kind auf Nachfrage unzureichende oder unlogische Erklärungen zu den Verletzungen abgibt, sollte man nachhaken und Hilfe anbieten.
Weitere Hinweise auf eine mögliche Vernachlässigung:
- verschmutzte oder nicht wetterfeste Kleidung des Kindes,
- extreme Kontaktscheu und Schüchternheit,
- auffallende Aggressivität,
- Sprachstörungen,
- Betteln,
- Herumlungern auf der Straße bis spät abends,
- Eltern sind häufig alkoholisiert,
- Gestank dringt aus der Wohnung,
- Fenster sind zugeklebt, Vorhänge immer geschlossen, Rolläden heruntergelassen,
- das Kind fehlt häufig im Kindergarten oder in der Schule,
- Eltern gehen grob mit dem Nachwuchs um,
- aus der Wohnung hört man oft Schreien oder Wimmern, kindliche Geräusche, obwohl die Eltern sagen, das Kind sei nicht da,
- nicht altersgerechte Aufgaben, zum Beispiel wenn Siebenjährige ständig ihre jüngeren Geschwister versorgen müssen.