Erstmalig haben Wissenschaftler deutsche Flüsse auf Kokainspuren untersucht. Und sie fanden mehr als erwartet. "Die Drogenstatistik muss nach oben korrigiert werden", sagte Professor Fritz Sörgel bei stern TV.

Kokain-Konsum: Mehr Süchtige als bislang angenommen?© Kirsten Neumann/DDP
Die offiziellen Drogenberichte gehen von einem Prozent Kokainkonsumenten unter den Deutschen im Alter von 18 bis 59 Jahren aus. "In Wahrheit sind es wohl dreimal so viele", meint Sörgel vom Nürnberger Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP). Das ist das Fazit des Fluss-Drogentests.
Zwei Wochen lang entnahmen die Nürnberger Chemiker Proben aus 15 Flüssen in ganz Deutschland, darunter: der Rhein, der Main, die Isar, die Spree. Das Ergebnis: Überall lassen sich sich Reste des Rauschgifts nachweisen.
Sörgels Team fand signifikante Spuren von Benzoylecgonin, einem Abbauprodukt von Kokain, das mit dem Urin ausgeschieden wird. Es ist ein sicherer Nachweis von Kokainkonsum, weil es auf keine andere Weise entstehen kann. Über das Abwasser gelangt Benzoylecgonin in die Flüsse und ist dort längere Zeit nachweisbar.
So fanden die Wissenschaftler heraus: An einigen Messstellen des Rheins wie in Düsseldorf oder Köln landen mehrere Dutzend Kilogramm des Abbauprodukts - täglich. Recht genau können sie mit den gewonnenen Daten den Konsum der Bevölkerung hochrechnen. Den Nürnbergern zufolge liegt der bei den Rhein-Anwohnern bei rund 10 Tonnen jährlich. Das wäre eine Menge im Wert von 1,64 Milliarden Euro.

Leiter der Fluss-Studie: Professor Fritz Sörgel© stern TV
Trotz möglicher Unwägbarkeiten der Untersuchung ist offenbar klar: In Deutschland gibt es deutlich mehr Kokser als bislang angenommen. Sörgel sieht die neue Methode als Ergänzung zu den bisherigen Verfahren zur Konsum-Ermittlung, die sich hauptsächlich auf Umfragen stützt. Mit ihrer Hilfe sollen genauere Daten gewonnen werden: "Wir können zum Beispiel feststellen, wie stark der Koksverbrauch sinkt, wenn eine bestimmte Bevölkerungsgruppe im Urlaub ist."
Diese Aussichten werden einigen Drogenkonsumenten nicht gefallen. Für den 8000-Einwohner-Ort Heroldsberg bei Nürnberg beispielsweise konnte Sörgel schon ein interessantes Ergebnis liefern: In dem Abwasser dort finden sich die Spuren von exakt einer Line - das lässt auf einen Kokser in Heroldsberg schließen.