12. September 2012, 22:15 Uhr

Die Geschichte unglaublicher Zwillinge

Viele Geschichten haben die Redaktion über die Storybox erreicht. Auch die von Angelika Geißendörfer: Sie ist 1,42 Meter klein, ihr Zwillingsbruder 1,90. Über das ungewöhnliche Leben der Geschwister.

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So verschieden und trotzdem Zwillinge: Angelika Geißendörfer und ihr Bruder Rainer.©

In den vergangenen Wochen war die Storybox an vielen Orten in Deutschland im Einsatz. Viele Hundert Menschen trauten sich, erzählen ihre persönliche Geschichte in der Storybox: Menschen, die ungewöhnliche Probleme hatten und Hilfe suchten, Menschen die Unglaubliches erlebt haben, außergewöhnliche, besondere Menschen. Und irgendwann begegnet stern TV auch Angelika Geißendörfer. Die Frau ist nur 1,43 Meter klein. Ihr Zwillingsbruder Rainer einen halben Meter größer! Wie kann das sein? Wir machen uns auf den Weg zu einem kleinen Familientreffen im Elternhaus der beiden im Städtchen Aub, südlich von Würzburg.

Wir erfahren: Angelika ist eine halbe Stunde älter als ihr Bruder. Bereits bei der Geburt ist sie allerdings fünf Zentimeter kleiner, wiegt nur halb so viel wie der Junge. Kaum jemand glaubt, dass sie Zwillinge sind. "Er hat sie im Kinderwagen umgehauen", erzählt die Mutter der beiden. Auch das Familienalbum zeigt: Körperlich war Rainer seiner Schwester immer voraus. Er lernte ein Jahr schneller Laufen und war zur Einschulung anderthalb Köpfe größer als sie. Doch wie viele Zwillinge waren auch Rainer und Angelika als Kinder unzertrennlich. Praktisch für das kleine Mädchen: Wenn es mal Stress gab, war der große Bruder gleich zur Stelle.

Ein Syndrom, das nur Mädchen betrifft

Die große Frage, die sich beim Anblick der ungleichen Zwillinge stellt: Was steckt hinter diesem enormen Größenunterschied? Warum ist Angelika Geißendörfer so klein? An der Uniklinik Erlangen bekam sie vor über 30 Jahren die Antwort. "Frau Geißendörfer hat das Ulrich-Turner-Syndrom. Das ist eine Chromosomenstörung", erklärt Endokrinologe Prof. Helmuth-Günther Dörr. Von dem Syndrom sind ausschließlich Frauen betroffen - deshalb hat Angelika es, ihr Zwillingsbruder aber nicht. Bei ihnen ist das zweite der beiden Geschlechtschromosomen XX verändert oder es fehlt gänzlich. Die Chromosomen enthalten die vollständige genetische Information zu Entwicklung und Aussehen eines Menschen. Neben einer festen Anzahl dieser Chromosomen, die Mann und Frau gemeinsam sind, bestimmen die zwei Geschlechts-Chromosomen (Mann: XY, Frau: XX), ob sich ein Embryo zu einem Mann oder einer Frau entwickelt. Statt XX haben Frauen mit dem Syndrom X0 - man spricht deshalb auch von Monosomie X. Man schätzt, dass etwa jedes zweitausendste Mädchen, das geboren wird, Monosomie X hat.

Kleinwüchsige Frauen mit dem Ulrich-Turner-Syndrom können heutzutage bei früher Diagnose noch einige Zentimeter hinzugewinnen. Angelika Geißendörfer hadert nicht mehr damit, sie ist zufrieden mit ihrem Leben. Seit 19 Jahren ist sie mit ihrem Mann Helmuth verheiratet. Ihre Lebensplanung musste sie jedoch ändern: "Das Schlimmste war, dass man keine Kinder bekommen kann. Man muss lernen damit umzugehen", sagt sie. Im heimischen Aub ist Angelika Geißendörfer aber nicht nur wegen ihrer Körpergröße bekannt. Sie hat hier eine gut gehende kleine Schneiderei. Seit fast 20 Jahren rattern ihre Nähmaschinen. Und in der ganzen Region schätzt man die Arbeit der kleinen Frau.

 
 
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