Patienten wollen sie, Ärzte bieten sie, Kassen zahlen sie: homöopathische Medizin. Doch stecken in den Globuli wirksame Mittel? Was leistet die ebenso gelobte wie kritisierte Alternativmedizin?
Kirsten Kirstein litt schon jahrelang unter einer schweren Neurodermitis, die ihr schlaflose Nächte bereitete. Als sie bei ihrer ersten Schwangerschaft vor 19 auf Cortison verzichten musste, ging sie das erste Mal zu einem Homöopathen. Dort erhielt sie scheinbar das richtige Mittel - Kirsten Kirstein schläft nach Ewigkeiten erstmals wieder durch. Seitdem schwört die 47-Jährige auf Homöopathie, behandelt jede Art von Erkrankung zunächst mit Globuli. Auch ihr Mann Andreas ist überzeugt. Er hat mit den Mitteln seinen Heuschnupfen kuriert.
Rund 60 Prozent der Deutschen haben schon homöopathische Arzneimittel ausprobiert. Sei es als Globuli - so heißen die kleinen Zuckerkügelchen - , als Tropfen oder in Tablettenform. Rund 400 Millionen Euro hat die Branche 2011 umgesetzt. Viele Menschen haben wie die Kirsteins gute Erfahrungen mit homöopathischen Mitteln gesammelt: Jahrelange Leiden, die dank Globuli wie weggeblasen sind, auch akute Probleme wie Einschlafstörungen oder Schmerzen haben manche Potenzen beheben können. Doch können die Substanzen wirklich heilen? Die Wirkstoffe in Tropfen und Globuli sind so stark verdünnt, dass sie praktisch kaum noch vorhanden sind: Je höher die Potenz, desto geringer die Konzentration des Wirkstoffs. D3 bedeutet 1 zu 10³ - also 1 zu 1.000. Das bedeutet ein Tropfen Wirkstofftinktur auf ein Viertel Glas Wasser. D6 bedeutet schon 1 zu 1 Million, also ein Tropfen auf fünf Eimer Wasser, bei D 9 wäre es ein Tropfen auf einen Tanklastwagen. D 23 - 1 zu 100 Trilliarden – ist umgerechnet etwa ein Tropfen im Mittelmeer. Bei 1000-fach potenzierten Arzneimitteln, die es ebenfalls gibt, ist rein physikalisch kein Teilchen Wirkstoff mehr vorhanden. Doch genau das ist das A und O der Homöopathie: "Die Verdünnungsschritte auf rein chemischer Ebene sind tatsächlich Verdünnungen, auf homöopathischer Ebene sind es Potenzierungen, das heißt Wirkverstärkungen der Ausgangsubstanz", erklärt Jan-Christoph Wollmann von der Firma Hevert-Arzneimittel, die zu den größten der Branche zählt.
Die Wissenschaftsjournalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann hingegen halten genau das für falsch: Für die beiden Autoren des Buchs “Die Homöopathie-Lüge“ können die Medikamente keine physische Wirkung mehr haben. "Wir wollen niemanden davon abbringen, sich homöopathisch zu behandeln oder behandeln zu lassen", kommentiert Christian Weymayr das Buch. "Wir wollen vielmehr das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Homöopathie eine Lehre ist, die naturwissenschaftlichen Prinzipien widerspricht. Sie steht damit auf einer Stufe mit Geistheilungen, Astrologie und Wünschelrutengehen."
Homöopathieverfechter lenken zwar ein, dass noch nicht erforscht sei, warum Homöopathie wirke, aber sie wirke. Das meint auch Cornelia Bajic, studierte Medizinerin und Vorsitzende der homöopathischen Ärzte in Deutschland: "Es ist nicht erklärbar, aber das heißt nicht, dass es das Phänomen nicht gibt." In Behandlungen beobachte sie das Phänomen immer wieder und stelle fest, dass die Heilmethode wirke. Somit gelte es, weiterhin zu erforschen, was dahinter steckt. Den Rückschluss, dass Globuli nur einen Placebo-Effekt hätten, lässt sie nicht zu: "Wir können nicht davon ausgehen, dass wir schon alles wissen." Cornelia Bajic glaubt daran, dass in den homöopathischen Mitteln etwas enthalten sein muss, was die Wissenschaft nur einfach noch nicht nachweisen konnte.
Dem gegenüber steht die Meinung von Forschungsexperte Johannes Köbberling. Für ihn gibt es keine Wirkung ohne wissenschaftlichen Beweis und er betont, dass die Studien der Homöopathie lediglich Beobachtungsstudien seien. Für Köbberling steht fest, dass in den Mitteln nichts mehr enthalten ist und ein therapeutischer Effekt lediglich auf die intensiven und langen Gespräche zurückzuführen sei, die der Homöopath mit dem Patienten führe. "Es kann nicht eine spezifische Wirksamkeit der Substanz sein, denn die Substanz ist nicht mehr da. Und wenn dann in so geringer Konzentration, dass ausgeschlossenen ist, dass eine Wirkung am Körper entsteht." Der Mediziner hält Homöopathie deshalb nicht für unproblematisch: Der Begriff "Alternativmedizin" suggeriere, es bestünde tatsächlich eine Alternative zur Schulmedizin. Wer bei schweren Infektionskrankheiten auf die Homöopathie setze, so viele Kritiker, könne das womöglich mit seinem Leben bezahlen.