David Berger hat sich geoutet: Der Theologe und Wissenschaftler an der vatikanischen Akademie ist schwul - und damit eine Persona non grata. Über die Doppelmoral in der katholischen Kirche.
Für viele ist es ein doppeltes Spiel, ein Spiel mit dem Feuer - oder womöglich mit der Hölle: Schwul zu sein und gleichzeitig Geistlicher der katholischen Kirche. David Berger musste diese Unvereinbarkeit bitter erfahren. Wissenden Geistes lässt er sich anfangs auf ein doppeltes Spiel ein. Dann will er Schluss machen mit der Heimlichtuerei. Doch als er seine Homosexualität offen legt und sich zu seinem Freund bekennt, wird er zur Persona non grata - eine Unperson für die katholische Kirche. Dabei war der Theologe jahrelang im Vatikan ein und ausgegangen, war an der vatikanischen Akademie ein anerkannter Wissenschaftler. Doch nach dem Outing wird er für die Akademie untragbar.
Natürlich ist David Berger nicht der Einzige - Homosexualität ist in der katholischen Kirche weit verbreitet, durch das Zölibat bietet sie Homosexuellen gar einen Rückzugsort. Stets sei man unter sich gewesen, habe wenig Aufheben darum gemacht, so David Berger. So ist es auch bei seinen Besuchen in Rom gewesen. In einschlägig bekannten Parks und Schwulentreffs trifft er oft Geistliche, die er aus dem Vatikan kennt. Dennoch wird über das Offensichtliche nicht gesprochen, vermeintliche Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Männern werden im Vatikan nicht in Frage gestellt: "Es war so, dass mein Partner hier als mein Cousin dabei war, das hatte ich bei anderen Mitgliedern der Akademie gesehen, bei anderen Monsignori, die im Vatikan gearbeitet haben, die dann den jugendlichen Liebhaber als Verwandten oder Sekretär vorgestellt haben."
Diese Doppelmoral ist laut Berger gang und gäbe unter katholischen Geistlichen. Doch was für den äußeren Schein einst hingenommen wurde, kann inzwischen erhebliche Konsequenzen haben. Denn gemäß der katholischen Kirche ist praktizierte Homosexualität Sünde. Seitdem Papst Benedikt im Amt ist, sei der Umgang mit den schwulen Geistlichen problematischer und strenger geworden, berichtet Berger. Bereits 2003 hatte sich Joseph Ratzinger in einer Erklärung vehement gegen Homosexualität und die Schwulen-Ehe ausgesprochen und sie als Verstoß gegen das Sittengesetz bezeichnet. Als Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche legte Ratzinger dann fest, was katholischer Glaube ist. Wie viele Geistliche tatsächlich praktizierende Homosexuelle sind, darüber gibt es freilich keine Zahlen. Denn wer sich outet, fliegt aus der katholischen Kirche und würde damit in den meisten Fällen seinen Lebensunterhalt verlieren.
Das kann auch Peter Priller bestätigen. Er wurde 1991 zum Priester geweiht. Schon während der Ausbildung stellt er fest, dass er schwul und damit nicht alleine ist: "Man hat natürlich engere Freunde, man kennt sich besser, da spricht man drüber, und da verlieben sich ja auch Menschen, das kommt vor. Auch im Priesterseminar." Drei Jahre halten Peter Priller und sein Partner ihre Beziehung geheim. Dann macht Priller beim Kardinal reinen Tisch. Dieser reagiert zunächst neutral, doch dann: "Dann musste ich innerhalb kurzer Zeit aus dem Verkehr und dann hat er mich zwangsbeurlaubt und später suspendiert", sagt Priller. Mittlerweile arbeitet der 52-Jährige Bad Tölzer als Therapeut - aber auch wieder als Priester. Er hat die reguläre katholische Kirche verlassen und ist Priester bei den Altkatholiken, eine Reformkirche, die staatlich anerkannt ist und in der alle gleichberechtigt sind. Hier kann Peter Priller wieder seinen Beruf ausüben. Dass er homosexuell ist, wissen alle.
Zu dem Rauswurf aus der Kirche hatte das Outing für David Berger weitere herbe Konsequenzen. Denn neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hatte der 43-Jährige auch Religionsunterricht am Gymnasium erteilt. Auch dafür verliert er die Lehrerlaubnis, obwohl seine Schüler protestieren. Noch dazu wird er im Internet übel attackiert. Insbesondere auf der Seite kreuz.net, von der sich die katholische Kirche distanziert. Die Verfasser dort geben vor, konservativ katholisch zu sein und hetzen gegen Schwule, Juden und Migranten. Dazu kommen Drohungen: "Da wird dann eine Adresse veröffentlich bei Google Earth wie man das Haus findet, wo ich wohne, und es wird direkt zum Mord an mich aufgerufen", sagt Berger. Dennoch ist er froh, dass sein Doppelleben ein Ende hat. Über seine Erlebnisse hinter den Kulissen der Kirche hat er ein Buch geschrieben, spricht offen über seine Ansichten: "Nur durch radikale Ehrlichkeit wird man den Teufelskreis aus Lügen und Unterdrückung durchbrechen können." Doch bisher stehen nur die wenigsten zu ihrer Homosexualität. Der Großteil schweigt weiter.