Ist die Bespitzelung von Mitarbeitern eine gängige Methode im Einzelhandel? Nachdem der stern den Überwachungsskandal bei Lidl aufgedeckt hat, sind nun auch aus Plus- und Edeka-Filialen ähnliche Protokolle aufgetaucht. stern TV liegen die Berichte mit den pikanten Details vor.

Plus und Edeka: Auch hier gab es Besuche von "Schnüfflern"© dpa / Picture-Alliance
"Hier gab es eine anonyme Anzeige, da Frau R. sich angeblich zu wenig um ihre Tochter kümmern würde. Frau R. hat diesbezüglich heute ein Gespräch mit dem Jugendamt." Passagen wie diese aus einem Überwachungsprotokoll für Plus belegen: Nicht nur beim Discounter Lidl interessierten sich Detektive für das Privatleben der Mitarbeiter. stern TV liegen Dutzende von Dokumenten vor, die 2006 in Plus- und Edeka-Filialen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen angefertigt wurden. Sie enthalten allerlei pikante Informationen, die den Arbeitgeber nichts angehen.
Offenbar förderte die Anwesenheit der Detektive bei Plus und Edeka Denunziantentum und Lästereien. Kollegen-Klatsch landete unzensiert im Protokoll: Penibel dokumentierten die "Schnüffler" die Informationen, die sie in privaten Gesprächen aufschnappten.
Aus einem Protokoll für Plus: "Frau M 'beschwert' sich über Frau B.: Frau B. würde sich selten um die Pappe oder andere Tätigkeiten kümmern, da man ja fast 'einen Kran benötigt, um sie aus dem Kassenschiff zu heben.'" Aus einem weiteren Protokoll für Plus: Frau A. sagt, sie müsse die Brötchen "schnell in den Spint schließen, damit Frau G. sich nicht daran bedient."
Wer ist unterdurchschnittlich intelligent? Zu kindlich? Zu langsam? Ohne Skrupel wurden auch charakterliche Beurteilungen notiert. Aus einem Protokoll für Plus: Frau W. "scheint hier überhaupt nicht beliebt zu sein. Zugegeben sie ist nicht die Hellste." An anderer Stelle heißt es, Frau W. sei "naiv" und "kindlich".
Wer die Protokolle liest, dem drängt sich auch der Eindruck auf, dass die Beobachtungen einer heimlichen Arbeitskontrolle dienten. Immer wieder ist notiert, wer viele Pausen macht, wer welche Arbeiten wie gut erledigt oder wer pünktlich Feierabend macht. Dies ahnten einige Mitarbeiter womöglich, jedenfalls lästerten manche in Gegenwart der Detektive über die schwachen Arbeitsleistungen ihrer Kollegen - vielleicht um selbst besser dazustehen.
Aus einem Protokoll für Edeka: Die Reinigungskraft berichtet, "dass Herr M. von der Belegschaft überhaupt nicht akzeptiert wird und er kein Durchsetzungsvermögen hat. Zu Herrn L. erwähnt sie, dass dieser insbesondere zu den Kunden unfreundlich ist."
stern TV fragte bei Plus und Edeka nach, wie es zu diesen Überwachungsprotokollen kommen konnte. Plus antwortet: "Obwohl wir es nicht explizit beauftragt hatten, sind uns aktuell einige Fälle aus Norddeutschland bekannt geworden, in denen Notizen eines externen Mitarbeiters zu einzelnen Filialmitarbeitern erscheinen. Diese haben wir weder ausgewertet noch weiter genutzt." Der Einsatz von Detektiven ziele nicht darauf ab, das Verhalten der Angestellten zu dokumentieren. Auch Edeka distanziert sich von diesen Überwachungsprotokollen: Diese Art der Überwachung von Mitarbeitern sei "gesetzeswidrig" und nicht zu tolerieren. "Das ist bei uns nicht üblich", sagte Unternehmenssprecherin Marliese Kalthoff zu stern.de.