Es sei Krieg in Afghanistan, sagt Heike Groos. Und: "Bei jedem Krieg sterben mehr Zivilisten als Soldaten". Die ehemalige Bundeswehrärztin spricht aus, was sich nur Wenige trauen. Und sie weiß, wovon sie redet.

War zwei Jahre Lang Oberstabsärztin am Hindukusch: Heike Groos© Heike Groos
Wie gefährlich ist der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan wirklich? Und wie viel Sinn macht er überhaupt? Nach dem verheerenden Luftangriff auf die von Taliban entführten Tankwagen in Kundus ist die Diskussion über den Einsatz der deutschen Truppen am Hindukusch neu entfacht. Heike Groos, die selbst zwei Jahre lang in Afghanistan diente, sagt: "Wenn man vor einem Befehl wüsste, wie viele Zivilisten dabei ums Leben kommen, dann gäbe es keine Befehle mehr und keine Kampfhandlungen".
Doch so schrecklich die jüngsten Ereignisse auch seien, das Gute daran ist: "Endlich wird über Afghanistan gesprochen", sagt Groos, die jetzt ein Buch über ihre Erlebnisse veröffentlicht hat. Und: "Lange Zeit hat niemand über die Attentate und die vielen toten Soldaten, die es dort gab, berichtet." Die 49-Jährige ist trotz ihrer traumatischen Kriegserfahrungen gegen einen Abzug deutscher Truppen. Denn: "Sonst wäre die bisherige Arbeit umsonst gewesen."
Als die fünffache Mutter 2003 als Oberstabsärztin an den Hindukusch ging, dachte sie noch an eine Friedensmission. Doch die Realität vor Ort ist eine andere, sagt sie rückblickend: Sie war als eine der ersten am Unglücksort, als im Juni 2003 ein Selbstmordattentat auf einen Bus der Bundeswehr verübt wurde. Sie musste die Verletzten versorgen und die Toten bergen.
"Es herrscht Krieg", sagt Groos. Und die Gefahr in die Luft zu fliegen oder erschossen zu werden, sei immer da - und sie sei groß. "Angst haben alle, die dort sind. Eigentlich immer", so Groos. Darüber zu reden, sei aber tabu. Wer es doch tut, gelte als schwach und arbeitsunfähig.
Nicht einmal mit ihren Familien sprechen die Soldaten, sagt Groos. "Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, was wir überhaupt zu Hause erzählen sollen." Sie selbst habe lange gar nichts erzählt und wenn, dann habe sie es runtergespielt. "Damit keiner Angst bekam."
"Weinende Mütter, verzweifelte Ehepartner, verstörte Kinder. Seit Beginn des Anti-Terror-Kampfes in Afghanistan 2003 gehört der Krieg auch in Deutschland zu Realität in vielen Soldatenfamilien", schreibt Groos in ihrem Buch. Doch niemand stelle sich dieser Situation ausreichend - weder Politiker noch die Bundeswehrführung. Die frühere Oberstabsärztin sagt: "Die Soldaten sind für alle weit weg - und eigentlich ist es allen egal, mit welchen Erlebnissen die Jungs vor Ort zu kämpfen haben."
Schwierig seien vor allem die Politiker-Besuche gewesen: Groos berichtet über Situationen, als Regierungsvertreter ins Camp kamen. Die vielen Fragen, die sie gestellt haben, hätten doch deutlich gezeigt, dass auch sie keine Ahnung von der Realität der Einsätze hatten.
Doch manchmal hat Groos die Einsätze in Afghanistan auch genossen – so komisch das auch klingt: "Die Kameradschaft war einmalig", sagt sie. Der Zusammenhalt in der Truppe groß. "Wir empfanden engste Verbundenheit mit Menschen, die wir kaum kannten, ein größeres und stärkeres Zusammenhörigkeitsgefühl, als wir je zuvor empfunden hatten." Und schön sei gewesen, "dass sie den Menschen vor Ort ein kleines bisschen helfen konnte."
In dem Buch "Ein schöner Tag zum Sterben" berichtet Groos sehr offen über ihre ganz persönlichen Erlebnisse, die Traumatisierung, aber auch über den Alltag im Krisengebiet und über das Lagerleben. Sie gibt Einblicke in die Bundeswehr aus Sicht einer Frau, die verantwortlich ist für hundert junge Soldaten. Auszüge aus dem Buch finden Sie in der Fotostrecke rechts in der Spalte
Buchtipp Heike Groos, "Ein schöner Tag zum Sterben. Als Bundeswehrärztin in Afghanistan." Krüger-Verlag, erscheint am 9. September 2009. ISBN: 978-381 050 877 5. Preis: 18,95 Euro.