Die Fleischprodukte in den Supermarktregalen sind nicht, was sie zu sein scheinen. Doch was steckt hinter dem Handel mit Pferdefleisch? Woher kommen die Tiere? Die erschütternden Erkenntnisse.

Bei tagelangen Transporten ohne Futter, Wasser oder Versorgung leiden Schlachtpferde unnötige Qualen, bemängeln Tierschützer.© Animal Welfare Foundation
Der Skandal um Pferdefleisch in Fertigprodukten zieht immer weitere Kreise. Längst wissen wir, dass unzählige Fleischprodukte auf unseren Tellern nicht das sind, was wir zu essen glaubten. Unter anderem soll der Hersteller Comigel rund 4,5 Millionen Fertiggerichte mit falsch deklariertem Pferdefleisch der französischen Firma Spanghero hergestellt haben. Von einer verdächtigen Lasagne sind rund 179.000 Packungen nach Deutschland geliefert worden. Inzwischen haben viele Märkte und Supermarktketten verdächtige Gerichte aus den Regalen genommen. Dass die Verbraucher nichtwissentlich Pferdefleisch verzehrt haben – für die meisten ein Skandal, vor allem aber eine ethische Frage.
In Rumänien nahm der Pferdefleischskandal seinen Anfang, in einer Fleischfabrik in einem kleinen Ort nahe der ukrainischen Grenze. Etwa 400 Tonnen Rind- und 80 Tonnen Pferdefleisch werden hier jeden Monat produziert. Das meiste davon wird exportiert, vor allem das Pferdefleisch, denn das wird in Rumänien nicht gegessen. Einige europäische Weiterverarbeitungsbetriebe kaufen es hier preiswert ein. "Wir haben bewiesen, dass wir nur zertifiziertes Pferdefleisch verkauft haben, Qualitätsfleisch an mehrere Kunden in Europa. Einer unserer Kunden hat das Fleisch in Frankreich verkauft und dort wurde das Pferdefleisch zu Rindfleisch umdeklariert", so die Erklärung des Fleischfabrikanten und Fabrikgründers Iulian Casacut. Zudem würden für den Einkauf der Tiere EU-Normen gelten, die eine eindeutige Identifizierung durch einen Chip im Hals und Veterinärdokumente vorschrieben, erklärt der Mann.
Die Wirklichkeit sieht anders aus: Tatsächlich stammen 60 bis 70 Prozent der Pferde von armen Bauern - ausgemergelte, kranke und verletzte Arbeitstiere, wie Catalin Pavaliu vom Tierarzt-Team der Organisation "Sky" bestätigen kann. Keines der Tiere, die stern TV mit den Ärzten anschaut, hat einen Chip oder wird je von einem Amtstierarzt untersucht. Bis zu 200 Euro können die Bauern für so ein Pferd noch bekommen – in Rumänien ist das viel Geld.
Auch in Polen wird mit Schlachtpferden lukrativ gehandelt. Auf dem landesweit größten Pferdemarkt in Skaryszew, eine Stunde von Warschau entfernt, setzt sich Marcus Müller von der Tierschutz-Organisation "Vier Pfoten" regelmäßig mit der Fleischmafia auseinander: "Pferdefleisch ist momentan eher preiswert auf dem Markt. Andere Fleischsorten sind relativ teuer und das führt dazu, dass Leute kreativ werden", weiß Müller. Die dubiosen Geschäfte werden in Skaryszew noch vor dem Beginn des Pferdemarktes abgeschlossen. Wenn die Tiere hier ankommen, haben sie meist Hunderte von Kilometern hinter sich, eingepfercht in engen Anhängern, ohne Futter oder Wasser. Bei diesem Handel spielt die Gesundheit der Pferde keine Rolle mehr. Einige von ihnen werden den offiziellen Beginn des Pferdemarktes schon nicht mehr überleben. Tierschützer kümmern sich um die qualvoll sterbenden Pferde, doch in vielen Fällen ist es zu spät.
Tierschützerin Sabrina Gurtner ist für den Tierschutzbund Zürich im Einsatz. In der Schweiz ist der Verzehr von Pferdefleisch üblich. Rund 5000 Tonnen werden jährlich importiert. Doch auf welchen Wegen das Fleisch in die Lebensmittelgeschäfte kommt, das wissen die wenigsten. "Die Schweizer denken, das kommt aus artgerechter Haltung, oder dass man Pferde nicht mästen kann und das ist sowieso Biofleisch", so Gurtner. In Wirklichkeit aber kommt ein Großteil des Fleischs aus Mexiko oder Kanada, zum Beispiel von einem Großschlachthof in Bouvry (Kanada). Dort werden täglich um die einhundert Pferde geschlachtet. Wenn die Tiere nach bis zu 36 Stunden langen Transporten nicht bereits verendet sind, müssen sie bis zur Schlachtung unter unsäglichen Bedingungen ausharren: Laut der Tierschützerin stehen tausende Pferde bewegungsunfähig in überfüllten, dreckigen Paddocks, ohne Unterstand oder tiermedizinische Kontrollen. Auch die Schlachtung der Pferde ist mehr als unwürdig. "Die Pferde lassen ihren Kopf nicht so einfach fixieren", weiß Sabrina Gurtner. "Die bewegen sich wie wild und deshalb ist es schwierig, sie richtig zu betäuben. Es kommt oft zu Fehlbetäubungen. Wir haben Material aus Kanada von 2010, da sieht man, wie die mit dem Gewehr auf die Pferde schießen. Und da wird bis zu fünf Mal geschossen, bis das Pferd tot ist."
In Schweizer Supermärkten ist das Pferdefleisch nach Bekanntwerden des Skandals größtenteils aus den Regalen verschwunden, wie stern TV bei Stichproben feststellen konnte. In Deutschland wird es weiterhin angeboten und in einigen Gerichten, wie beispielsweise im "Rheinischen Sauerbraten", üblicherweise verarbeitet. Allerdings: Der Anteil von Pferden bei der Fleischerzeugung ist hierzulande mit weit unter 0,3 Prozent schon immer verschwindend gering gewesen. Die Pferde stammen überwiegend aus Deutschland. Der Handel mit Pferdefleisch wird trotz alledem weitergehen. Tierschützer engagieren sich weiterhin vor allem für eine Verbesserung der Transportbedingungen für Schlachtpferde. Die häufigsten Routen, bei denen die Tiere tagelang unter schrecklichen Bedingungen quer durch Europa gekarrt werden, führen von Polen, Rumänien und Spanien nach Italien, wo Pferdefleisch ebenfalls als Delikatesse verzehrt wird. Ob und in wieweit der Pferdefleisch-Skandal die Bedingungen des Pferdefleischhandels künftig beeinflussen und verbessern wird, ist ungewiss.
Hier können Sie Schlachtpferden helfen: Animal Angels
Der Tierschutzverein "Animal Angels" setzt sich international gegen Tiertransporte ein, begleitet Tiere bis zur Schlachtung und informiert die Öffentlichkeit über Missstände bei den Transport- und Schlachtbedingungen und hat bereits diverse Neuregelungen erwirken können.
Animal Angels USA
Für die unsäglichen Transportbedingungen von Schlachttieren und auch -pferden in und aus den USA setzt sich der amerikanische Verein "Animal Angels USA" ein, mit dem auch der Tierschutzbund Zürich zusammengearbeitet hat. Weitere Informationen über die Tiertransporte finden Sie auf der englischen Website.
Animal Welfare Foundation
Die "Animal Welfare Foundation" ist eine Partnerorganisation des Tierschutzbundes Zürich und dokumentiert Verstöße gegen Tierschutzgesetze und zeigt sie an. Auf ihrer Internetseite hat die Organisation unter anderem detaillierte Berichte über die Sammelstellen der Schlachtpferde in den USA und Kanada zusammengestellt.
Vier Pfoten
Die Stiftung für Tierschutz "Vier Pfoten" fordert mit einer Online-Petition strenge Kontrollen und eine umfassende Fleisch-Kennzeichnung für alle Tierarten, über die Verbraucher Aufzucht und Schlachtung der Tiere nachvollziehen können. Weitere Informationen dazu finden Sie auf der Internetseite dazu.
Deutscher Tierschutzbund
Der Deutsche Tierschutzbund e.V. engagiert sich ebenfalls für verbesserte Bedingungen beim Transport von Schlachttieren. "Internationale Transporte dürfen nicht länger als acht Stunden dauern und die Tiere müssen genug Platz haben", fordert der Vorsitzende Wolfgang Apel auf deren Internetseite.