Bei vielen Betroffenen wird die Gefahr erst spät erkannt: eine Vergiftung des Körpers durch Metallabrieb im künstlichen Hüftgelenk. Mindestens einen Patienten hat das beinahe das Leben gekostet.
Wie schwerwiegend eine Vergiftung durch Metallabrieb an einer Prothese sein kann, zeigt der Fall von Dieter Kleinschnieder: Der 56-Jährige bekommt 2010 ein künstliches Hüftgelenk, dessen Hüftkopf aus einer Kobalt-Chrom-Legierung besteht. Einige Wochen nach seiner Hüftoperation wird Dieter Kleinschnieder schwer krank. Er bekommt starke Fieberschübe, seine Herzleistung lässt immer weiter nach. Mehrmals kommt er ins Krankenhaus: Schlaganfall, Diabetes, Herzentzündung - die Ärzte rätseln ein Jahr lang, was den kräftigen Maurer so umgehauen hat. Er wird von Facharzt zu Facharzt geschickt.
Schließlich verliert Dieter Kleinschnieder noch sein Gehör und erblindet fast vollständig. Der Grund: Durch Metallabrieb am Hüftkopf hatte sich im Körper Kobalt angereichert. Doch diese Vergiftung bleibt unentdeckt - bis Dieter Kleinschnieder wegen seines schwachen Herzens in die Kardiologie am Universitätsklinikum Marburg kommt. Dort macht Internist Jürgen Schäfer einen Bluttest und stellt eine Konzentration von 800 Mikrogramm Kobalt pro Liter fest. 1600fach höher als der Grenzwert. "Für uns war außer Zweifel, dass das Kobalt das schädigende Element ist und dann war klar - auch von der Bildgebung - dass die Hüfte komplett zerstört ist", sagt der Arzt. Durch Verschleiß war die Prothese nach nur anderthalb Jahren völlig zerstört. Im Gelenkkopf klaffte ein Loch, Splitter und feiner Metallstaub befanden sich im ganzen Unterleib. Die Diagnose kam für Dieter Kleinschnieder gerade noch rechtzeitig - andernfalls wäre er an der Kobaltvergiftung gestorben.
Die schweizerisch-deutsche Herstellerfirma Zimmer, von der auch Dieter Kleinschnieders Hüftkopf stammte, ist einer der Marktführer für Gelenkprothesen. Mit einem anderen Hüftgelenk aus Kobalt-Chrom steht Zimmer bereits seit Jahren in der Kritik: "Durom Metasul LDH". Dieses Gelenk mit extragroßem Gelenkkopf wurde nach Angaben der Firma weltweit 75.000 Mal implantiert. Mehrere Hundert davon mussten schon in so genannten Revisionsoperationen wieder entfernt werden. Ein fast identisches Gelenk wurde von der Firma DePuy vertrieben. 2010 zog die Firma ihre Prothese vom Markt und machte im Rahmen einer Rückrufaktion auf die möglichen Gesundheitsschädigungen aufmerksam.
Dieter Kleinschnieder ist also kein Einzelfall. Auch andere Patienten haben mit den Folgen von Metallabrieb in ihren künstlichen Hüftgelenken zu kämpfen. Die einzige Lösung: Der Austausch der defekten Prothese. Wie beschädigt das Gewebe in vielen Fällen war, zeigte sich vielfach erst im OP. Schwarzes Gewebe und Metallsplitter rund um das künstliche Gelenk. Dazu Vergiftungserscheinungen durch Kobalt und Chrom, die sich durch den Abrieb im Körper eingelagert hatten. Die Symptome einer solchen Vergiftung sind vielfältig: Bei Kerstin Pinkes hatte der Metallstaub dafür gesorgt, dass sich der Oberschenkelknochen langsam zersetzte. Die 50-Jährige hatte zwei komplette Gelenkprothesen bekommen. Ein Gelenk wurde sofort entfernt. Nun lebt sie in ständiger Angst vor weiteren gesundheitlichen Schäden durch das zweite Gelenk: "Wir tragen diese Gelenke in uns und wer sie sich noch nicht austauschen lassen hat, der muss mit dieser Belastung leben und ständig daran denken, dass man diese tickende Bombe in sich trägt."
Zehntausende Menschen weltweit haben Hüftgelenksprothesen aus einer Kobalt-Chrom-Legierung. Wie viele in Deutschland womöglich von einer schleichenden Vergiftung betroffen sind, ist ungewiss.