Der Weg ins Vergessen

30. April 2013, 12:15 Uhr

Vor 5 Jahren erkrankte Wolfgang Reichel an Alzheimer. Vieles hat der Mann seither verlernt und vergessen. stern TV dokumentiert einen typischen Verlauf der Erkrankung und was sie für Familien bedeutet

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Wolfgang Reichel: Vor fünf Jahren erhielt er die Diagnose Alzheimer. Inzwischen sei er ein ganz anderer Mensch, sagt seine Frau.©

Es begann mit kleinen Orientierungsschwierigkeiten, dann setzte die Vergesslichkeit ein. Bei der Arbeit wollten Wolfgang Reichel selbst routinierte Arbeitsabläufe nicht mehr gelingen. Der damals 56-Jährige vermutet Stress dahinter, denkt auch an ein Burnout-Syndrom. 2008 dann die niederschmetternde Diagnose: Alzheimer. Gleich danach hört er auf zu arbeiten, denn der Maschinenbauingenieur baut bald immer mehr ab. Jeden Tag kämpfen Wolfgang Reichel und seine Frau seitdem mit dem Verlernen und Vergessen.

stern TV trifft das Paar vor drei Jahren zum ersten Mal. Damals konnte Wolfgang Reichel noch Fahrrad fahren, Rasen mähen und sich mit seiner Frau unterhalten - gemeinsam mit ihr lachen. Heute ist er ein Pflegefall. " Er ist jetzt wie ein Zweijähriger", beschreibt Petra Reichel das sich mehr und mehr verändernde Zusammenleben mit ihrem Mann. Ohne fremde Hilfe könnte Wolfgang Reichel heute nicht mehr überleben. "Alleine essen geht nicht mehr, alleine Treppensteigen ist schwierig. Ich vermute er sieht es auch gar nicht mehr so gut. Duschen ist auch ein Problem."

Über eine Million Betroffene – ebenso viele Familien

Wie Wolfgang Reichel geht es mehr als 1,2 Millionen Menschen in Deutschland. Sie haben Alzheimer. Die heimtückische Krankheit bewirkt, dass sich im Gehirn immer mehr Eiweiße ablagern, so genannte Plaques. Die Ablagerungen sondern ein Nervengift ab, das umliegende gesunde Nervenzellen abtötet. Das Gehirn schrumpft regelrecht zusammen. Die Betroffenen vergessen nach und nach all das, was sie einst gelernt, gesehen oder gehört haben. Alzheimer-Kranke vergessen schließlich ihr gesamtes Leben. Irgendwann wissen sie nicht mehr, wer sie selbst sind.

Bei Wolfgang Reichel ist die Krankheit in den vergangenen drei Jahren fortgeschritten. Bitten, Hinweise, Aufforderungen – es dauert lange, bis er versteht, was er genau tun soll. Seine Hilflosigkeit deprimiert ihn selbst. Auch seine Muskulatur baut ab, für einfachste Bewegungen braucht er Hilfe. Und Wolfgang Reichel wird sich noch weiter verändern. Mal schneller, dann wieder etwas langsamer. Doch sicher ist: Er wird immer weniger können. Seine Frau weiß das: "Was will man machen. Das muss man so hinnehmen. Man sagt immer, der Mensch lebt in Hoffnung, aber da brauch ich gar nicht weiter machen. Was die Ärzte gesagt haben, dass es eben nicht besser wird. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen, dass er mich nicht mehr erkennt."

Wolfgang Reichel soll so lange wie möglich zuhause wohnen und gepflegt werden. Wie lange das geht, liegt nicht in seiner Hand. Ein Betreuungsheim hat die Familie für den unausweichlichen Tag bereits ausgesucht.

 
 
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