Das Verschwinden des 10-jährigen Mirco hat ganz Deutschland bewegt. In der bisher größten Polizeisuchaktion wurde der Mörder des Jungen gefasst. Mircos Eltern trauern - und vergeben dem Täter dennoch.

Mircos Eltern am Grab ihres Sohnes. Ihr Glaube hilft Ihnen, trotz des großen Verlustes weiterzuleben - und sogar zu vergeben.© stern TV
Am 3. September 2010 verschwindet der 10-jährige Mirco aus Grefrath spurlos. Von einer Skateranlage im Nachbarort macht sich der Junge sich gegen 21:30 Uhr mit dem Fahrrad auf den Heimweg. Doch dort kommt er nie an. Es beginnt eine der größten Suchaktionen in der deutschen Polizeigeschichte. Bis zu 1000 Beamte suchen gleichzeitig nach dem Kind. Mircos Fahrrad und Kleidung werden gefunden. Doch von dem Jungen fehlt jede Spur. Die verzweifelten Eltern wenden sich in einem Fernsehapell direkt an den Täter. Wochen vergehen. Nach quälenden fünf Monaten wird der Täter endlich gefasst: Olaf H., ein 45-jähriger Familienvater aus einem Nachbarort, gesteht, Mirco mit dem Wagen entführt, sexuell missbraucht und ermordet zu haben. Am 27. Januar 2011 führt er die Ermittler zu Mircos Leiche, die er in einem Waldstück außerhalb von Grefrath zurückgelassen hatte.
Ein Kind auf diese Weise zu verlieren ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Wie kann man danach zurück ins Leben finden? Sandra und Reinhard Schlitter haben das, zwei Jahre nach der Tat, dennoch geschafft. Sie sind an diesem Schicksal nicht zerbrochen, sondern sogar enger zusammengerückt. "Wir haben uns abgesproche", sagt Sandra Schlitter. "Von Anfang an war uns wichtig, dass wir uns nicht gegenseitig die Schuld geben. So konnten wir an einem Strang ziehen."
Natürlich denken Mircos Eltern und Geschwister jeden Tag an ihn, den lebensfrohen Jungen, der urplötzlich aus seinem behüteten Kinderleben gerissen wurde. "Es ist egal, ob ich zum Grab komme oder ob ich zuhause bin, der Verlust ist immer da. Er ist mal stärker und mal schwächer", sagt die Mutter. Dennoch wollen sich Schlitters dem Leben zuwenden: "Wir legen den Focus auf das, was wir haben und nicht auf das, was wir verloren haben. Wir möchten, dass unsere anderen drei Kinder glücklich aufwachsen, trotz des Verlustes. Sie sollen eine ganz normale Kindheit haben."
Noch sind in Mircos Zimmer die Erinnerungen greifbar: "Hier, da hat er was selbst notiert, wollte im Internet was über Trecker wissen. Oder so einen Zettel, wo er Reinhard eine Nachricht aufgeschrieben hat. Das sind so die letzten Sachen, die er geschrieben hat. Die werden natürlich aufgehoben." Demnächst wird Mircos Zimmer der kleinen Schwester gehören, auch sein Fahrrad wird inzwischen wieder benutzt.
Viele Menschen können mit dieser Haltung recht wenig anfangen, verstehen nicht, warum die Familie nicht offen trauert. Ihr christlicher Glaube habe sie durch die schlimmste Zeit getragen und ihnen den Weg zurück ins Leben ermöglicht. Stets haben sie gemeinsam gebetet, die ganze Familie, von Anfang an. Sogar für den Mörder ihres Sohnes: Olaf H., der ihren Sohn gequält, vergewaltigt und erdrosselt hat - für Schlitters ist er ein Mensch, dem man vergeben muss, wenn man Christ ist. Um Menschen in ähnlich verzweifelter Lage zu helfen, haben Sandra und Reinhard Schlitter ein Buch geschrieben. Es soll Mut machen. Und es soll an Mirco erinnern – den fröhlichen blonden Jungen, der nur 10 Jahre alt wurde.
Buchtipp Mirco: Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen. Von: Sandra Schlitter, Reinhard Schlitter, Christoph Fasel. Erschienen im Adeo Verlag. ISBN-Nummer: 978-3942208680. Preis: 17,99 Euro.