Wenn sie zur Welt kommen, stellen sie Eltern und Ärzte vor ein Problem: Denn sie sind weder Mädchen noch Junge. Bei wem das Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar ist, der bekommt eins zugeordnet - oft auch chirurgisch. Für die meisten Betroffenen hat das verheerende Folgen.
16 Jahre lang wuchs Elisabeth Müller als vermeintliches Mädchen auf. Doch schon als Kleinkind hatte sie, wie sie heute sagt, bereits "undefinierbare Zweifel", ob mit ihr alles in Ordnung sei. Die Zweifel verstärkten sich in der Pubertät, als sich ihr Körper nicht veränderte wie der der anderen Mädchen.
Erst dann erfuhr Elisabeth, dass sie einen XY-Chromosomensatz hat - und somit eigentlich ein Mann ist. Sie litt unter einer Androgenresistenz, das heißt: Ihr Körper kann trotz männlicher Geschlechtshormone nicht "vermännlichen", was zu einem eher weiblichen Erscheinungsbild führt. Ein Schock für die damals 16-Jährige.
"Hermaphrodit" statt "Herr" oder "Frau" Obwohl das Wort Zwitter sie damals in Panik versetzte, möchte Elisabeth Müller heute lieber mit "Hermaphrodit Müller" statt mit "Frau Müller" angesprochen werden. Denn sie sagt: Zwitterkinder sollen keinem männlichen oder weiblichen Geschlecht mehr zugewiesen werden. Wie katastrophal die Folgen sein können, erlebte die 46-Jährige vor 22 Jahren nämlich buchstäblich am eigenen Leib: Damals wurde sie von einer Klinik aufgefordert, sich die sogenannten abgestiegenen Hoden entfernen zu lassen.
Die Kastration und die jahrelange Behandlung mit weiblichen Hormonen, die folgte, hatten für Elisabeth Müller schwere gesundheitliche Folgen: Osteoporose, starke Gewichtzunahme und schwere Depressionen. "Die Probleme für uns Zwitter fangen immer erst dann an, wenn medizinisch eingegriffen wird." Davon ist Elisabeth Müller überzeugt.
"Ein Loch ist leichter als ein Pfahl" Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 120 Zwitterkinder zur Welt. Bis heute werden die meisten von ihnen schon im Säuglingsalter mit dem Skalpell zu etwas gemacht, das sie nicht sind - und das oft mit dem zynischen Leitsatz: "Es ist leichter ein Loch zu machen, als einen Pfahl zu bauen." Spätestens in der Pubertät tauchen dann die ersten Komplikationen auf.
Auch in juristischer Hinsicht existieren Zwitter als solche nicht. Claudia und Frances Kreuzer kennen das gut. Sie sind das erste verheiratete Hermaphroditenpaar Deutschlands. Kurioserweise gilt Claudia in ihrem Pass aber als männlich und Frances als weiblich. Das Paar kämpft für die juristische Anerkennung des dritten Geschlechts und gegen Zwangsoperationen. Daher hat Claudia Kreuzer den Verein "Intersexuelle Menschen" gegründet: "Ich will, dass man Zwitterkinder endlich so lässt, wie sie sind."
Lesen Sie oben in der linken Spalte, mit welchen Problemen Zwitter zu kämpfen haben, wo sie Hilfe finden und wie sich Eltern intersexueller Kinder verhalten sollten.