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Wie Erdogan-Gegner die aktuelle Krise beurteilen

Die Resonanz auf den Bericht über die Meinung von Deutschtürken zum Türkei-Wahlkampf in Deutschland war enorm. Auf Facebook wurde diskutiert, an der stern TV-Umfrage beteiligten sich mehr als 9000 Menschen. Doch der Türkei-Streit eskaliert weiter - und die Stimmen der Erdogan-Gegner werden lauter.

Besucher der Rede des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim in Oberhausen am 18. Februar - der Auftakt des Wahlkampfes von Recep Tayyip Erdogan in Deutschland.

Besucher der Rede des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim in Oberhausen am 18. Februar - der Auftakt des Wahlkampfes von Recep Tayyip Erdogan in Deutschland.

Die Türkei-Debatte brodelt weiter - und auch nach der stern TV-Berichterstattung über den umstrittenen türkischen Wahlkampf in Deutschland, bei der vergangene Woche vor allem die Erdogan-Anhänger zu Wort kamen, kochten die Gemüter. In der Redaktion meldeten sich mehrere tausend Zuschauer. Viele von ihnen äußern sich in ihren Mails allerdings kritisch über Erdogan und seine Politik. stern TV hat nachgefragt: Wie stehen sie zu den Auftritten türkischer Minister in Deutschland? Was sagen sie zu den aktuellen Entwicklungen in der Türkei? Und wie beurteilen sie den Streit zwischen den Niederlanden und der Türkei?

Simon Özkeles hat einen türkischen Migrationshintergrund, der Vater des 23-Jährigen ist gebürtiger Türke. Dennoch übt Simon Özkeles scharfe Kritik an der türkischen Regierung: "Wenn man Journalisten inhaftiert, wenn man die Presse- und Versammlungsfreiheit negativ beeinflusst, und wenn man eigentlich nur droht und nicht auf Verständigung und Dialog setzt, dann ist das für mich nicht mehr demokratisch. Dann ist das diktatorisch." Simon Özkeles ist Küchenleiter in einer Krankenhaus-Großküche. In seiner Freizeit engagiert er sich politisch als Ortsvorsitzender der SPD in Biberach. Sein Vater ist vor 46 Jahren nach Deutschland eingewandert, heiratete eine deutsche Frau und bekam mit ihr zwei Kinder – Simon und Yasmin. Wegen seiner Familie hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, da er "klare Verhältnisse schaffen" wollte, sagt Cetin Özkeles. Ihm sei klar gewesen, dass sich der Rest seines Lebens in Deutschland abspielen würde: "Dann muss ich auch meinen Kindern nicht die Doppelstaatsangehörigkeit anbieten: Sie sind hier, sie wachsen hier auf und sie werden hier in die Gesellschaft integriert"

Cetin Özkeles ist inzwischen schwäbischer, als die meisten Schwaben. Abends sitzt die Familie bei einer typischen schwäbischen Vesper zusammen. Dauerthema: das bevorstehende Referendum in der Türkei. Tochter Yasmin empfindet, dass sie schon beinahe Angst hat, offen zu sagen, dass sie gegen Erdogan ist. Die gelernte Bankkauffrau war es auch, die stern TV nach dem Bericht vergangener Woche über Facebook schrieb: Ich verstehe die Türken hier in Deutschland nicht, die Erdogan toll finden. Wieso sind sie dann in Deutschland, in einem demokratischen Land?

Sie mache sich vor allem Sorgen, wie sich das Verhältnis zwischen Türken und Deutschen hier im Land entwickeln wird: "Ich denke, die Deutschen merken schon, dass viele Türken, die hier leben, für Erdogan sind. Und dann scheren sie leider auch alle Türken hier über einen Kamm. Und darum vermute ich, dass sich das Verhältnis verschlechtern wird."

Das sind die Ergebnisse unserer Umfrage
stern TV wollte in der Umfrage wissen:  Wie hat sich im letzten Jahr die Beziehung zwischen Menschen ohne und mit Migrationshintergrund verändert?   72 Prozent der Teilnehmer ohne türkische Wurzeln (7176) sagen, die Beziehung hat sich verschlechtert, nur 4 Prozent sagen, es gab eine Verbesserung. Bei den teilnehmenden Deutschtürken (2326) ist das Ergebnis nahezu identisch (73,4 – 5,6). Insgesamt beteiligten sich an unserer Umfrage fast 9500 (9479) Menschen.

stern TV wollte in der Umfrage wissen:
Wie hat sich im letzten Jahr die Beziehung zwischen Menschen ohne und mit Migrationshintergrund verändert?
72 Prozent der Teilnehmer ohne türkische Wurzeln (7176) sagen, die Beziehung hat sich verschlechtert, nur 4 Prozent sagen, es gab eine Verbesserung. Bei den teilnehmenden Deutschtürken (2326) ist das Ergebnis nahezu identisch (73,4 – 5,6). Insgesamt beteiligten sich an unserer Umfrage fast 9500 (9479) Menschen.


"Sehr viele Landsleute fallen auf Erdogans Spiel herein"

Zwischen den Regierungen beider Länder herrscht zumindest diplomatische Eiszeit. Bewusste Provokationen auf der einen Seite, Solidaritäten auf der anderen. Das Gros der Deutschen ist inzwischen dafür, dass die deutsche Regierung klarer Position beziehen und Wahlkampfauftritte türkischer Politiker rigoros verbieten sollte. Doch solche Stimmen gibt es auch von türkischstämmigen Deutschen, wie Kemal Akçocuk, der sagt: "Ich bin deutscher Staatsbürger. Ich bin gegen Erdoğans Wahlkampfauftritte in Deutschland." Kemal Akçocuk ist in der Türkei aufgewachsen und kam erst mit 24 Jahren hierher, heiratete und lebt nun mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Coesfeld. Kemal Akçocuk besitzt nur noch den deutschen Pass – und darüber sei er gar nicht unglücklich: "Ich bin gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Ein Land, das 3000, 4000 Kilometer weit weg ist – da habe ich nichts zu zu sagen. Ich bin davon nicht betroffen, wenn irgendeine falsche Entscheidung getroffen wird."

Ähnlich sieht es Yücel Özkapi, der seit 41 Jahren in Deutschland lebt und seit 27 Jahren mit einer deutschen Frau zusammenlebt. Özkapi fühlt sich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und ärgert sich darüber, dass Erdogan versucht, seine Landsleute gegen die Deutschen aufzuhetzen: "Er sucht Gegner im Ausland, so wie jetzt mit Holland und Deutschland, dass er sie als Nazis beschimpft. So dass die eigenen Landsleute denken 'Oh, die sind hier alle gegen die Türkei. Also müssen wir für die Türkei sein.' Und somit sind sie automatisch für Erdogan. Das ist einfach nur ein Spiel. Er spielt nur damit und sehr viele Leute fallen leider auf dieses Spiel herein!" Yücel Özkapi äußert seine Meinung über die türkische Politik ganz offen, die geplante Verfassungsänderung dessen mögliche Zustimmung durch hier lebende Türken ist für ihn ein brisantes Thema: "Wenn die der Meinung sind, es sollte in der Türkei Diktatur herrschen, dann sollen sie doch gefälligst mit zurück. Warum leben sie denn überhaupt noch im Ausland, wenn es doch so wunderbar ist, die Diktatur."

Und die türkische Regierung bleibt in Angriffslaune, allen voran Präsident Erdogan, der in den vergangenen Tagen mit abschätzigen Äußerungen über Angela Merkel hervortrat. Die Kanzlerin äußerte sich zu den neuen Provokationen nicht mehr. Aber was meint die deutsche Bevölkerung, was sagen die stern TV-Zuschauer dazu? In unserer Umfrage meinte der Großteil der deutschen und auch der türkischstämmigen Befragten dafür, dass Deutschland wie die Niederlande klar Position beziehen sollte und ein Verbot türkischer Wahlkampf-Veranstaltungen ausspricht. Der deutsche Vizepräsident des Europaparlaments Alexander Graf Lambsdorff geht sogar noch weiter und fordert: Die Europäische Union sollte sich auf die einheitliche Linie verständigen, dass türkischen Ministern Wahlkampfauftritte in der EU nicht erlaubt werden. Die Holländer machen vor, wie es geht, die Bundesregierung dagegen eiert herum.


"Ihr seid hier als Gäste herzlich willkommen, aber nicht als Wahlkämpfer"

Live bei stern TV traf Graf Lambsdorff auf den AKP-Politiker Mustafa Yeneroglu, der für den Wahlkampf seiner Partei im Ausland zuständig ist. Zu den Nazi-Vergleichen Erdogans räumte er als persönliche Sicht ein: "Ich bin nicht der Meinung, dass wir in Deutschland eine Situation haben, die den Nazi-Verhältnissen entspricht." Im Gegenzug warf Yeneroglu den deutschen Medien allerdings vor, für den Streit zwischen der Türkei und Deutschland mitverantwortlich zu sein, "weil sie die Situation in der Türkei falsch darstellen." Anders als oft geschrieben, "gibt es einen Meinungspluralismus in der Türkei. Davon kann sich jeder, der in die Türkei kommt, persönlich überzeugen", so Yeneroglu.
Genau das sah Alexander Graf Lambsdorff, der das gemeinsame Durchgreifen der EU fordert, ganz anders. Europa solle der Türkei gemeinsam signalisieren: Ihr seid hier als Gäste herzlich willkommen, aber nicht als Wahlkämpfer." Auch genau weil es in der Türkei keine pluralistische Medienlandschaft mehr gebe. "Meinungsfreiheit lebt vom Wettbewerb der Meinungen. Und wenn der Wettbewerb nicht da ist, müssen wir sagen, dass hier keine Veranstaltungen stattfinden sollen, bei denen es keinen Widerstand gibt."


Kommentare (5)

  • stern TV-Redaktion
    stern TV-Redaktion
    Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, wir danken für Ihre Meinungen und Anregungen. Für heute Abend werden die Kommentare nun geschlossen. Sie können uns aber gerne weiter eine E-Mail schreiben an info@sterntv.de oder auf unserer Facebook-Seite weiter diskutieren.
  • Edgar Bernd
    Edgar Bernd
    Wir sind keine Nazis!!!
    Wir sind verletzt und beleidigt.
    Solange Erdogan die Macht in der Türkei hat, werden wir niemals mehr Urlaub in der Türkei machen. Es sollten Alle lieber zuhause bleiben.
    Es waren wunderschöne Urlaube in der Türkei. Sehr liebe und freundliche Menschen
    Einen türkischen XXXX werden wir nicht unterstützen.
  • Stern-A
    Stern-A
    Wenn ich mich bei meiner weitläufigen Verwandtschaft selbst einlade, weil ich einige von ihnen auf meine Seite im häuslichen Familienzwist ziehen möchte, diese Leute dann aber auf Teufel komm raus beleidige und beschimpfe, wie kann ich dann von ihnen erwarten, dass sie mich freundlich empfangen, bewirten, meine sichere Reise garantieren und für meinen gesamten Aufenthalt und meinen Schutz die Kosten tragen? Diese türkische Familienministerin - wo sie doch nun schon einmal da war - hätte man gleich in "Sicherheitsgewahrsam" nehmen sollen, und der Türkei zum Austausch gegen Deniz Yücel anbieten sollen ....
  • Susanna
    Susanna
    Es entsteht manchmal der Eindruck, dass hier lebende Erdogan-Anhänger nicht wirklich wissen, was sie tun.
    Vor allem aber, was sie den Menschen, die in der Türkei leben, mit ihrer Entscheidung antun.
    Zuviel Macht war noch nie gut. Kennen eigentlich die Meisten den Menschen Erdogan und seine Vergangenheit?
  • nordlicht
    nordlicht
    Bezüglich der Wahlveranstaltungen der AKP ist deren Zulassung,nach meinem Verständnis, keine politische Entscheidung!

    Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
    Art 5

    (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern...
    (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.


    Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
    Art 8

    (1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.
    (2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

    Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
    Art 18

    Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, insbesondere die Pressefreiheit (Artikel 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Artikel 5 Abs. 3), die Versammlungsfreiheit (Artikel 8), die Vereinigungsfreiheit (Artikel 9), ... oder das Asylrecht (Artikel 16a) zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Die Verwirkung und ihr Ausmaß werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.


    Art. 21

    (1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben.

    (2) Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfassungswidrig. Über die Frage der Verfassungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfassungsgericht.


    Das Bundesverfassungsgericht muß entscheiden!

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