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Was bringt die doppelte Staatsbürgerschaft für Deutschtürken?

Der aktuelle Streit mit der Türkei hat auch die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft in Deutschland neu entfacht: Sollten Deutschtürken sich künftig doch für einen Pass entscheiden müssen? Das Für und Wider diskutierte stern TV live am Mittwochabend.

Derya Sahin aus Krefeld besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft, sagt aber klar: "Ich bin Deutsche." Ihrer Meinung nach sollte man sich für ein Land entscheiden.

Derya Sahin aus Krefeld besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft, sagt aber klar: "Ich bin Deutsche." Ihrer Meinung nach sollte man sich für ein Land entscheiden.

Wie wichtig ist die Loyalität zu einem Land? Und wie sehr beeinflusst der Doppelpass die Integration? Laut der letzten großen Zensus-Erfassung haben 530.000 Deutschtürken hierzulande die doppelte Staatsbürgerschaft. Die Meinungen dazu gehen auseinander, wie sich in den Reaktionen zahlreicher Zuschauer zeigte. stern TV hat mit Menschen gesprochen, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema gemacht haben. "Ich bin dafür, dass man sich für ein Land entscheiden sollte“, sagt etwa die Studentin Derya Sahin. "Es ist einfacher für uns alle, wenn sich die Türken mit doppelter Staatsbürgerschaft für ein Land entscheiden könnten. Dann kann auch eine erfolgreiche Integration stattfinden."

Dass sie selbst neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, erfuhr die Studentin von ihren Eltern erst vor zwei Jahren. Die 28-Jährige könnte ihren alten türkischen Ausweis aus Kindertagen jederzeit wieder einsetzen – etwa bei der Abstimmung über die türkische Verfassungsänderung am 16- April. Für Derya zähle aber eigentlich nur ein Ausweis, sagt sie: "Meine türkische Staatsbürgerschaft würde ich am liebsten abgeben, weil ich mich diesem Land nicht zugehörig fühle. Ich identifiziere mich überhaupt nicht mit so einem Dokument ." Hier geboren und aufgewachsen, fühle sie sich mit Deutschland verbunden. Sie könne nicht verstehen, wie andere Doppelstaatler die Türkei im Herzen, aber den deutschen Pass im Portemonnaie tragen könnten.

Bei Erdogan Aktürk ist das so. Der 44-Jährige hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Er hat in Deutschland Abitur gemacht und Architektur studiert. Als seine Frau vor zwanzig Jahren erkrankte, beschloss er Taxi zu fahren, um für die Familie da sein zu können.  Als Taxifahrer habe er über die Jahre die Breite der Gesellschaft kennengelernt, sagt er. Dabei sei ihm immer dasselbe passiert, Tag für Tag: "Du kannst hier Abitur machen, super Deutsch sprechen, ein guter Nachbar und Vater sein, du kannst hier arbeiten, einen deutschen Pass haben – aber in den Augen der Leute bist du Türke." Auch das sei ein Grund, warum er sich nach wie vor eher der Türkei zugehörig fühle. Erdogan Aktürk sagt: "Ich weiß mittlerweile, dass der deutsche Ausweis für mich nur ein bürokratischer Ausweis ist, ich identifiziere mich nicht damit."

"Die Türkei ist meine erste Heimat und Deutschland meine zweite"

Die Brüder Ömer und Osman Uslu sind Deutschtürken in der dritten Generation. Der 22-jährige Ömer hat sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, sein jüngerer Bruder hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Für beide spielt das Heimatland ihrer Eltern nur eine untergeordnete Rolle. "Ich bin deutscher Staatsbürger, ich habe hier mein Geschäft", sagt Ömer, der inzwischen selbständiger Unternehmer ist. "Mich interessiert die Politik in Deutschland und die Probleme hier – und nicht was in der Türkei ist, ein Land, das 3.000 Kilometer weit weg ist. das ist nicht unser Ding." Die Elterngeneration jedoch sieht das häufig anders: Sie haben noch mehr Bezüge zur Türkei, haben dort vielfach noch Verwandtschaft, für deren Interessen sie einstehen wollen.

Als Rabiya Sezgin vor 20 Jahren in Deutschland geboren wurde, erhielt sie von ihren türkischen Eltern die türkische Staatsbürgerschaft. Mit 17 Jahren beantragte sie die deutsche, um bessere Chancen bei der Hochschulbewerbung zu haben. Und Obwohl sie sich hier wohlfühlt, schlägt ihr Herz doch für die Türkei. Sie fühle sich eher türkisch, so die Studentin: "Die Türkei ist meine erste Heimat und Deutschland ist meine zweite Heimat ." Inzwischen hätte Rabiya Sezgin gerne ihren türkischen Pass zurück – in Form der doppelten Staatsbürgerschaft, die sie befürwortete: "Ich finde die doppelte Staatsbürgerschaft eine sehr gute Sache, weil wir zwar hier leben, aber als Türken unser Heimatland die Türkei ist."

Mehrheit der Türkischstämmigen ist für den Doppelpass

In unserer stern TV-Umfrage haben über 100 Menschen ihre Meinung zu dieser Frage abgegeben: Sollten hier lebende Menschen mit türkischen Wurzeln grundsätzlich die Möglichkeit der doppelten Staatsangehörigkeit haben? Von den türkischstämmigen Befragten lehnten 27 Prozent den Doppelpass ab, unter den Deutschen sagten 77 Prozent "Nein" zur doppelten Staatsbürgerschaft.

Auch die CDU-Politikerin Birgül Akpinar spricht sich trotz ihrer eigenen türkischen Wurzeln gegen den Doppelpass aus. Und sie geht noch weiter, denn: Damit sei eine Loyalität zu Deutschland nicht garantiert, so die 39-Jährige. Live bei stern TV diskutierte Steffen Hallaschka mit Birgül Akpinar und dem AKP-Politiker Ozan Ceyhun unter anderem über das Für und Wider der doppelten Staatsbürgerschaft. Hat sich das Konzept wirklich nicht bewährt? Und trägt das Verhalten der türkischen Regierung vielleicht sogar zur Entfremdung der Deutschtürken und Deutschen bei? "Jeder soll die Entscheidung selbst treffen", sagte Ozan Ceyhun im Gespräch mit Steffen Hallaschka.  Man solle nicht vorschnell verurteilen, sondern es sei immer die persönliche Geschichte zu berücksichtigen, so Ceyhun, der selbst die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft besitzt. Der AKP-Politiker, der die türkische Regierung berät, hat sich dafür erneut um die türkische Staatsbürgerschaft bemüht, nachdem er als hier lebender Deutschtürke und Familienvater die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen und seinen türkischen Pass abgegeben hatte. "Man braucht hier nicht künstliche Probleme und Debatten schaffen", sagte Ceyhun.

"Es soll etwas Besonderes bleiben, dass man in diesem Land eingebürgert wird"

Doch viele Menschen erleben es als Spagat, sich beiden Ländern loyal und verbunden zu fühlen, meint auch Birgül Akpinar. Sie halte es für wichtig, sich für das Land zu entscheiden, zu dessen Grundgesetz man sich loyal fühle. "Ich habe mich nicht nur bewusst deswegen für die alleinige deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, sondern auch, weil ich nicht an die Rechtsstaatlichkeit der Türkei glaube. Und heute erst recht nicht", sagte die CDU-Politikerin. Ein Pass werde nicht darüber entscheiden, ob man sich integriert hat oder nicht. Deshalb soll die Entscheidung am Ende eines Integrationsprozesses stehen. "Ich würde das Einbürgerungsverfahren in Deutschland sogar verschärfen. Es soll etwas Besonderes bleiben, dass man in diesem Land eingebürgert wird", so Akpinar. Man müsse dafür kämpfen und beweisen, dass man diesen Pass wirklich haben möchte. Die Doppelstaatsbürgerschaft werde in ihren Augen von der Türkei und den Migrantenverbänden in Deutschland angefeuert, so dass die Menschen mit türkischen Wurzeln hier gar nicht dazu kämen, sachlich darüber nachzudenken.

Wie ist Ihre eigene Meinung in dieser Frage? Hier können Sie an der stern TV-Umfrage zum Thema weiter teilnehmen.