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Warum die Video-Fahndung ein unterschätztes Mittel ist

Ein Mann tritt eine fremde Frau einfach die Treppe hinunter - und kann flüchten. Vom Täter und seinen Begleitern fehlte der Polizei jede Spur. Erst Wochen nach der Tat veröffentlichte die Polizei nun das Überwachungsvideo zur Öffentlichkeitsfahndung. Opfervertreter kritisieren diese sich wiederholenden Verzögerungen. 


Das Überwachungsvideo, das diese Tat in einem U-Bahnhof in Berlin Neukölln zeigt, schockiert: Ein Mann, der einer fremden Frau auf der Treppe ganz unvermittelt in den Rücken tritt, so dass sie die steilen Stufen hinab stürzt. Brutal - und lebensgefährlich. Als sei nichts gewesen, gehen er und seine Begleiter einfach weiter. Die 26-jährige Frau bleibt verletzt liegen. Der Täter zieht sogar noch genüsslich an seiner Zigarette und verschwindet. 

Die Attacke geschah bereits am 27. Oktober, doch erst Wochen später veröffentlichte die Polizei nach erfolglosen Ermittlungen das Überwachungsvideo – in der Hoffnung, dass Augenzeugen die Täter noch identifizieren können und sich melden. Für viele ist das völlig unverständlich: Warum wartet man so lange mit einer Öffentlichkeitsfahndung? Dass es teilweise Wochen oder gar Monate dauert, bis belastendes Videomaterial an die Presse gegeben wird, habe laut Berliner Genrealstaatsanwaltschaft diverse Gründe, etwa um die Opfer zu schützen. "Es geht um Persönlichkeitsrechte – gerade der Opfer. Stellen sie sich vor: Wenn Sie als Opfer und die Tat abgebildet werden, und das läuft sofort von morgens bis abends im Fernsehen und im Internet hoch und runter. Das ist ein schwerer Eingriff", so Martin Steltner, Pressesprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin.

"Eine öffentliche Fahndung muss so schnell wie möglich raus"

Vaja Marcone kann die Argumentation mit dem Datenschutz nicht nachvollziehen: Sie verlor ihren Sohn bei einer vergleichbaren Gewaltattacke im September 2011. Damals waren Schläger in einem Berliner U-Bahnhof auf Guiseppe losgegangen – und hetzten ihn in den Tod. Täter, wie jetzt der sogenannte U-Bahn-Treter, müssten so schnell wie möglich ermittelt werden – egal wie – sagt Vaja Marcone: "Die Tat an sich war brutal, hinterhältig und gefährlich. Und das gilt es zu verurteilen. Aus diesem Grund muss sofort eine öffentliche Fahndung raus. Vor allem wenn ich sehe, dass es eine Tätergruppe war, die sich dann auch noch aus dem Staub machen konnte." Der Tod ihres Sohnes liegt fünf Jahre zurück. Auch damals entstand ein Überwachungsvideo, das zeigt, wie Guiseppe von zwei Tätern bedroht wurde. Als der 23-Jahrige versuchte zu fliehen, wurde er draußen von einem Auto erfasst. Guiseppe starb noch am Unfallort.

"Täter würden sich eher selbst stellen"

stern TV hatte die Vaja Marcone damals über Monate begleiten dürfen, auch beim Gerichtsprozess: Die Anklage gegen die Angreifer Guiseppes lautete damals: schwere Körperverletzung mit Todesfolge. Letzten Endes bekamen sie Bewährungsstrafen, der Haupttäter zwei Jahre, sein Komplize nur vier Monate, da sich beide unmittelbar nach der Tat der Polizei gestellt hatten. Sie wussten wohl, dass sie auf einem Überwachungsvideo zu identifizieren sein würden, meint Vaja Marcone: "Denen war schnell klar, dass ein Video existiert. Und scheinbar hat die Familie dann vernünftig reagiert und sie dazu gezwungen, sich zu stellen. Das würde sicher auch passieren, wenn bekannt ist, dass diese Videos generell sehr schnell an die Öffentlichkeit kommen."

Eine Fahndung mittels Überwachungsvideos ist in Deutschland ein sensibles Thema, da laut Strafgesetzbuch dafür mehrere Voraussetzungen erfüllt sein müssen, bevor die Polizei Bild-Material an die Presse weitergeben darf:

1. Ein Richter muss dies anordnen.  

2. Es muss eine Straftat von sogenannter erheblicher Bedeutung vorliegen, wie beispielsweise Mord. Ein Taschendiebstahl wäre nicht ausreichend.

3. Die Polizei muss alle sonstigen ermittlungstechnischen Optionen, zum Beispiel die Zeugenbefragung, ausgeschöpft haben.

Martin Steltner sagt, er könne verstehen, dass sich in diesem Fall die Frage stellte, warum die  Öffentlichkeitsfahndung nicht ein  paar Tage früher hätte stattfinden können. "Aber es gibt nun mal die rechtlichen Regularien, an die wir uns zu halten haben. Und die sehen vor, dass erst andere Ermittlungsmaßnahmen ausgeschöpft werden müssen. Wenn man das nicht für richtig hält, muss man das Gesetz ändern!"
Fest steht inzwischen: Die Veröffentlichung dieses Videos war erfolgreich. Bereits am Montag, also vier Tage danach, konnte die Polizei einen der Mitläufer festnehmen und verhören. Inzwischen sind alle vier identifiziert. Heute kam dann die Meldung: Auch die Identität des Haupttäters steht fest. Er soll sich angeblich nach Bulgarien abgesetzt haben.

"Wir müssen mehr an die Opfer denken"

Live im Gespräch mit Steffen Hallaschka kritisierte auch der Chef der Polizeigewerkschaft NRW die bürokratischen Hürden, bevor eine Öffentlichkeitsfahndung möglich ist: "Wir würden uns wünschen, wir könnten früher an die Öffentlichkeit gehen", so Erich Rettinghaus bei stern TV. "Wenn wir gutes Bildmaterial haben, muss das zeitnah raus." Doch die Ermittler seien rein formaljuristisch daran gebunden, erst alle anderen Mittel auszuschöpfen. Der Polizei sei jedoch sehr daran gelegen, dass die Voraussetzungen für eine Öffentlichkeitsfahndung vereinfacht werden. "Die Anordnungskompetenz muss nicht zwingend bei einem Richter liegen", sagte Rettinghaus. "Das sollte seitens der Regierung überarbeitet werden." Natürlich müsse man bei einer öffentlichen Fahndung immer auch die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten berücksichtigen. Aber: "Wir müssen mal wieder mehr an die Opfer denken", so der Polizeigewerkschafter. "Die Täterrechte hängen sehr hoch in unserem Land." 

Kommentare (18)

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    Stern-Moderation

    Sollte das Gesetz geändert werden, damit die Polizei in mehr Fällen und früher Überwachungsmaterial zur Öffentlichkeitsfahndung rausgeben kann?

  • stern TV-Redaktion
    stern TV-Redaktion
    Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, wir bedanken uns für die Diskussion und Ihre Meinungen. Die Kommentare werden für heute nun geschlossen. Sie können aber weiterhin eine E-Mail schreiben an info@sterntv.de oder auf unserer Facebook-Seite weiterdiskutieren. Allen erstmal eine gute Nacht! Ihr stern TV-Team
  • derWolff
    derWolff
    hat aber nix damit zu tun, dass es offensichtlich Ausländern sind, oder ?
  • Nobby_62
    Nobby_62
    @NAFRAJU: Stimmt, das wissen wir nicht, was vorher passiert ist.... tut aber auch nix zur Sache. Selbst wenn die Frau Ihn körperlich angegriffen hätte, ist, für mich, das was ich da sehe "RACHE" !!! und auch das ist hier nicht rechtens !!!

    Ich bin der Auffassung, das die Menschenrechte und das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit geltend.
    Es kann nicht sein, kenne ich aus eigener Erfahrung, das verbale Angriffe und Beleidigungen in so einem brutalen Vorgehen ausartet.

    Wer schützt die Bürger in der Zeit, in der der/die Täter ungeschoren andere, weitere Menschen verletzen oder gar TÖTEN... ????
  • Nafraju
    Nafraju
    NICHT so !!! - Nicht einseitig sondern vielseitig Sehen !!! Und zwar so:
    Ohne das Video hier in Abrede zu stellen - Videos können, selbst wenn sie nicht manipuliert oder gefaked sind, IMMER nur den Blickwinkel der Kamera erfassen - zB nicht was vorher geschehen ist (zB könnte die Frau den Täter vorher verbal beleidigt haben !!! (Ich gehe nicht davon aus - ABER WISSEN ist nicht vorhanden)
    Deswegen gilt die Unschuldsvermutung in DE !!!

    Jedoch ist eine Personensuche (auch öffentlich per Medien)
    HEUTE schon IMMER möglich (vermisste/gesuchte Person) - zB als Zeuge suchbar ....
    Da ist dann der "Täter" mit einem Einzelbild aus dem Video (Bildausschnitt nur der Täter) findbar !!!

    Direkte öffentliche Täterfahndung ist wider der Unschuldsvermutung und würde mutmaßlich zu mehr Selbstjustiz in DE führen.

    Facettenreichere TV Themen Darstellungen wünsche ich mir !

    Viele Grüße


  • Nafraju
    Nafraju
    NACHTRAG zu meinem Kommentar:

    Die im Video gezeigte Tat ist definitiv abartig !!!

    Doch die Beurteilung steht letztendlich nur dem Gericht zu !
    Und Polizei UND Bürger haben NUR die PFLICHT:
    Beweise, Zeugenaussagen und mögliche Täter dem Gericht zu zuführen !!!
    Vor Gericht im Strafprozess IST jeder zu hören (Grundrecht !!!)

    Wenn aber der Gerichtssaal nur mit Gerichtspersonal und Angeklagten befüllt / leer ist,
    wie soll das Gericht überhaupt das RICHTIGE Bild der Tat erhalten
    - Wie schwer die Schuld der Tat war ? -
    Wenn das Gericht prinzipiell von der Unschuld aus geht, kommen es dann einleuchtenderweise zu Niedrigen Strafen !?!!

    Mehr Bürger Präsenz im Gerichtssaal - mit Anträgen dort auch was (aus) zu sagen, ... bessere Justiz 😉

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