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So leicht werden Frauen Opfer von K.o.-Tropfen

Ein stern TV-Test zeigt, wie leicht Frauen Opfer von K.o.-Tropfen werden können, weil Täter sie ihnen ins Getränk mischen. Genau das ist Anna E. passiert. Jetzt warnt die junge Frau vor den Folgen.

stern TV hat den Test gemacht: Wer greift ein, wenn offensichtlich K.o.-Tropfen im Spiel sind?

stern TV hat den Test gemacht: Wer greift ein, wenn offensichtlich K.o.-Tropfen im Spiel sind?

Was für Anna E. als harmloser Diskotheken-Besuch begann, endete für sie in einem Albtraum. An einem Abend vor sieben Jahren wollte die damals 23-Jährige eigentlich nur mit ein paar Freundinnen ein wenig feiern. Doch dann erfuhr sie ein Blackout. "Meine Erinnerungen reißen ab, als ich einen jungen Mann kennengelernt habe. Der hatte mich zuvor angesprochen", erzählt Anna E. Laut Zeugenaussagen habe Anna mit dem Fremden gescherzt und getrunken. Dabei muss der junge Mann ihr ein Getränk mit K.o.-Tropfen geben haben. Ihre Erinnerung hatte erst am nächsten Morgen wieder eingesetzt: "Als ich wach wurde hatte ich Schmerzen im Intimbereich. Ich habe geblutet und hatte Schürfwunden zwischen den Beinen", so die junge Frau. "Ich dachte: Oh mein Gott, was ist mit mir geschehen? Es war wie eine Panikattacke. Und dann bin ich wie in Trance ins Krankenhaus gefahren."

Im Krankenhaus drängte sich nach einer Untersuchung aufgrund der Verletzungen und eindeutiger DNA-Spuren der Verdacht auf, dass Anna E. vergewaltigt wurde. Die Spurensicherung der Polizei ermittelte kurze Zeit später den Tatort hinter der Diskothek. Dort fiel der Täter über die wehrlose junge Frau her. Allerdings wird wohl ungeklärt bleiben, was genau in diesen Momenten passierte: Wie in den meisten Fällen von K.o.-Tropfen, kann sich Anna E. an nichts erinnern. Fest steht nur: Sie war schon nicht mehr bei Sinnen, als sie von dem jungen Mann aus der Diskothek geführt wurde. Das bestätigten Augenzeugen – und selbst die Türsteher ließen sie gehen. "Ich hätte mir einfach gewünscht, dass Leute eingegriffen hätten, als ich aus der Disko gewankt bin, um das zu verhindern, um mir zu helfen."

Keine Hilfe für orientierungslose Diskobesucher

Ist es wirklich so einfach, Frauen unbemerkt K.o.-Tropfen in ein Getränk zu geben? Und wer hilft, wenn eine orientierungslose Frau zum Diskoausgang gezerrt wird? stern TV hat den Test gemacht. Drehort war eine Diskothek in Potsdam. Im ersten Szenario wird eine junge Frau von einem Mann angemacht, die Frau hat jedoch kein Interesse an einem Flirt – das registrieren auch die anderen Gäste, da sie den Mann unmissverständlich und lautstark abweist. Als der junge Mann ihr ganz offensichtlich etwas ins Glas träufelt, will hinterher niemand etwas bemerkt haben. Auch nicht, als er die offensichtlich orientierungslose Frau in Richtung Ausgang schleppt. Manche Gäste schauen zwar hinterher, es greift jedoch niemand ein oder fragt die Frau, ob sie Hilfe braucht.

Täter nur selten zu überführen

Wie in diesem gestellten oder in Anna E.s Fall kann das schlimme Folgen für die Betroffenen haben: Misshandlungen, Vergewaltigungen - auch Männer wurden schon Opfer von Überfällen, in denen K.o.-Tropfen eine Rolle gespielt haben sollen. Mediziner Binschek-Domaß erklärt: "Nach 10 bis 20 Minuten kommt es zu Übelkeit, die Person hat wackelige Knie, Gleichgewichtsstörungen, Schwindel. Das Ganze setzt relativ schlagartig und damit auch sehr überraschend für die Person ein. Und dann kann es innerhalb weniger Minuten zum völligen Bewusstseinsverlust kommen."

Mit jeder Partynacht in Deutschland gibt es vermeintlich neue Opfer. Den Tätern hingegen ist der Einsatz eines solchen Betäubungsmittels meist schwer nachzuweisen – so auch in Annas Fall. Erst nach Monaten gelang es der Polizei, den mutmaßlichen Täter ausfindig zu machen. Die Juristin Heidi Saarmann vertritt Anna E. und andere junge Frauen, die Opfer von K.o.-Tropfen wurden. Sie weiß, dass es nur selten gelingt, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen: "Die Beweisführung ist bei K.o.-Tropfen deshalb so schwierig, weil sie im Körper sehr schnell abgebaut werden. Wenn die Frauen aufwachen, ist es eigentlich schon zu spät", so Saarmann. Und selbst wenn bewiesen werden könne, dass K.o.-Tropfen im Spiel waren, müsse man beweisen können, wer sie verabreicht hat. "Und als drittes, wenn jemand sexuelle Handlungen an dem Opfer vorgenommen hat, muss man auch noch bewiesen, dass die Person wusste, dass sie es mit einer handlungsunfähigen Person zu tun hat."

Auch in Anna E.s Fall ist das nicht gelungen. Der Tatverdächtige gab bei der polizeilichen Vernehmung zwar zu, mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, behauptet aber gleichzeitig, das sei einvernehmlich geschehen. Ein Schock für das Opfer, dessen Zukunftspläne durch die Vergewaltigung zunichte gemacht wurden. Sie wollte Medizin studieren und Ärztin werden. Doch Anna E. leidet unter Angstattacken, hat Alpträume, sie glaubt immer wieder, die Kontrolle zu verlieren. Die inzwischen 30-Jährige ist bis heute in therapeutischer Behandlung.

Schutz bieten nur Aufmerksamkeit und Verantwortung untereinander

Viele Frauen sind sich der Gefahr jedoch kaum bewusst, wenn Sie unterwegs sind, sagt auch Heidi Saarmann: "Man kann Frauen gar nicht oft genug warnen vor K.o.-Tropfen-Attacken. Es sind nämlich nicht immer nur die anderen, denen so etwas passiert. Jeder sollte das Bewusstsein haben: Es kann wirklich jeder Frau passieren. In jeder Situation." Und das belegte auch der zweite Teil des stern TV-Experiments: Ein vermeintlicher Täter träufelt Frauen in der Diskothek K.o.-Tropfen ins Glas – in diesem Fall natürlich nur Wassertropfen. Ob an der Theke, auf der Tanzfläche, selbst eine Frau mit dem Glas in der Hand bemerkt nichts, als sie abgelenkt wird. Innerhalb von anderthalb Stunden gelingt es uns, acht Frauen "K.o.-Tropfen" in ihr Getränk zu spritzen und keine von ihnen bemerkt etwas. Als sie konfrontiert werden, sagt eine junge Frau: "Ich hab's überhaupt nicht gemerkt. Wahrscheinlich ist man zu sehr mit sich selbst beschäftigt in dem Moment, hält sein Glas einfach irgendwie und denkt sich: Das macht keiner." Sie tun es aber, die K.o.-Tropfen-Täter. Anna E. ist eines ihrer Opfer. Und sie leidet seit sieben Jahren unter den Folgen.

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