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Darum gibt eine Homöopathin freiwillig ihre Praxis auf

Natalie Grams war jahrelang überzeugte Homöopathin. Die studierte Medizinerin behandelte auch ihre Patienten mit dieser Methode. Sie recherchierte, um ein Buch über Homöopathie zu schreiben - und kann seitdem nicht mehr an die Wirkung von Globuli glauben. Die Konsequenz: Sie schloss ihre eigene Praxis.

  Natalie Grams führte einst eine Homöopathie-Praxis. Heute ist sie Kritikerin dieser Heilmethode.

Natalie Grams führte einst eine Homöopathie-Praxis. Heute ist sie Kritikerin dieser Heilmethode.

"Ich habe aus heutiger Sicht den Patienten gegenüber ein schlechtes Gewissen, dass ich ihnen Placebos verordnet habe", sagt Dr. Natalie Grams. Die studierte Medizinerin praktizierte jahrelang als Homöopathin, sie war von der Wirksamkeit der Globuli überzeugt.

Vor drei Jahren nahm sie sich deshalb ein Buchprojekt vor, das die Vorzüge der Homöopathie erläutern sollte. Natalie Grams wollte damit Kritikern beweisen, wie gut die alternative Medizin wirkt. Doch ihre Recherchen ergaben: "Es ist nichts drin. Und es ist nicht nur kein Wirkstoff drin, sondern ganz sicher auch keine Energie oder Information. Weil es physikalischen Gesetzen widersprechen würde. Dieser Punkt ist nicht zu widerlegen", so die 37-jährige Heidelbergerin.

Grams hatte den Glauben an die Homöopathie unwiederbringlich verloren. In letzter Konsequenz schloss die Doktorin sogar ihre eigene Praxis. "Ich kann meine Patienten nicht homöopathisch behandeln, wenn ich selbst nicht mehr von der Homöopathie überzeugt bin. Es war aber auch ein Schritt, um deutlich zu machen: Wir können die Homöopathie als Arzneitherapie überhaupt nicht mehr anbieten. Nicht nur ich nicht, sondern kein Homöopath!" Ein Buch schrieb Natalie Grams trotzdem, allerdings ein kritisches.

Im Gegensatz dazu ist Cornelia Bajic, erste Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) von der heilenden Wirkung der Globuli überzeugt: "Ich bin eine Befürworterin der Homöopathie, weil ich an mir selbst und auch als Ärztin gesehen habe, was damit möglich ist. Ich kann mich einfach nicht zufrieden geben damit, zu sagen, das kann nicht sein, also ist es nicht", so die 50-Jährige. Chemische Moleküle ließen sich tatsächlich nicht nachweisen, räumt die Homöopathin ein, "also muss es sich um etwas anderes handeln." Cornelia Bajic glaubt daran, dass in den homöopathischen Mitteln etwas enthalten sein muss, das die Wissenschaft nur einfach noch nicht nachweisen konnte. Nach der Theorie des Homöopathie-Begründers Hahnemann soll bei der Anwendung der unendlich verdünnten Wirkstoffe eine "im inneren Wesen der Arzneien verborgene geistige Kraft " frei werden.

Verdünnungen sollen Wirkung verstärken

Daran glaubt auch Julia Dämgen. Die 42-Jährige ist Personal-Coach, Mutter und Ehefrau – und hat stets eine Notfallapotheke an Globuli bei sich. "Dass eine Energie wirkt, das erlebe ich tagtäglich. Und davon bin ich überzeugt", sagt sie. Beispiele kann sie zu Hauf nennen, bei denen die Homöopathie angeschlagen habe, etwa als ihre Tochter an einem schlimmen Husten erkrankt war und nichts half. Ihr Ehemann und ihre Kinder nehmen die kostengünstige Behandlung jederzeit gerne in Anspruch, auch bei kleineren Wehwehchen.

Rund 60 Prozent der Deutschen haben schon homöopathische Arzneimittel ausprobiert. Die Branche setzt jährlich Millionen um. Viele Menschen haben wie die Dämgens gute Erfahrungen mit homöopathischen Mitteln gesammelt: Ob jahrelange Leiden, die dank Globuli wie weggeblasen sind, oder auch akute Probleme wie Einschlafstörungen oder Schmerzen, die die Potenzen behoben haben sollen.

Doch können die Substanzen wirklich heilen? Die Wirkstoffe in Tropfen oder Globuli (Zuckerkügelchen) werden so stark verdünnt, dass sie praktisch nicht mehr vorhanden sind: D3 bedeutet 1 zu 10³ - also 1 zu 1.000. Das bedeutet ein Tropfen Wirkstofftinktur auf ein Viertel Glas Wasser. D6 bedeutet schon 1 zu 1 Million, also ein Tropfen auf fünf Eimer Wasser, bei D 9 wäre es ein Tropfen auf einen Tanklastwagen. Je höher die Potenz, desto geringer die Konzentration des Wirkstoffs also. In der Homöopathie ist man der Auffassung: Auf rein chemischer Ebene handelt es sich tatsächlich um Verdünnungen, auf homöopathischer Ebene jedoch sind es Potenzierungen, also Wirkverstärkungen der Ausgangsubstanz.

Homöopathie keine Alternative zur Schulmedizin

Dr. Natalie Grams hat in den Jahren 2009 bis 2014 rund 300 Patienten in ihrer Praxis behandelt. Sie glaubt heute, dass die Kügelchen lediglich einen Placebo-Effekt haben, der sich auch bei ihren Patienten geäußert habe. Sie will sich nun wieder der Schulmedizin widmen und ihre Facharztausbildung abschließen. "Solange man sich in diesem System Homöopathie befindet, zweifelt man nicht. Ein bisschen nach dem Motto 'Erspar mir Fakten, ich habe schon meine Meinung über die Homöopathie.' Über diesen Punkt muss man hinwegkommen, um diese eigentlich total banalen und auch total nachvollziehbaren Kritik-Punkte an sich heranzulassen und sie zu verstehen." 

Die Kritik von Homöopathiegegnern richtet sich vor allem gegen die Suggestion, es bestünde bei der so genannten "Alternativmedizin" tatsächlich eine Alternative zur Schulmedizin. Das Eintreten einer Besserung kann mitunter lange dauern, räumt selbst Cornelia Bajic ein: "Man trifft nicht immer sofort das allerbeste Mittel", so die Verbandsvorsitzende. Es komme vor, dass verschiedene Homöopathen unterschiedliche Mittel verordneten. In diesen Fällen dürften die Patienten lediglich keine Linderung ihres Leidens erfahren. Allerdings: Wer bei schweren Infektionskrankheiten auf die Homöopathie setze, so viele Kritiker, könne das womöglich mit seinem Leben bezahlen.

Kommentare (156)

  • Antonia
    Antonia
    Die grundsätzliche Placebowirkung eines jeden Medikamentes, und eben auch solcher unwirksamen wie Globuli, sollte nicht unterschätzt werden – inzwischen gibt es Studien, die je nach Erwartug des Probanden unterschiedliche Placeboeffekte und sogar Placebo-Nebenwirkungen nachweisen können. Statt unsinnige „Forschung“ zu betreiben, „was“ da wohl bei den Kügelchen wirke, wäre es doch wesentlich spannender zu erforschen, wie der Mensch es schafft, Placebo-Wirkungen zu generieren. – Wie der Mensch es hinbekommt, sich mit Hilfe eines Anstoßes von „nichts“ selbst zu heilen, DAS ist doch das eigentlich faszinierende: Biopsychologie, aber nicht nebulöse „Energien“...
    Eine Bemerkung zu Hunden, Katzen und anderen Tieren, die so gerne als „Beweis“ der Wirksamkeit von Globuli angeführt werden: Jedes Haustier spürt die Emotionen seines menschlichen Gefährten. Jeder, der schon mal nervös oder ängstlich mit seinem Haustier unterwegs war, weiß, wie schnell sich solche Gefühle auf das Haustier übertragen – mit den Erwartungen hinsichtlich Globuli wird es wohl genauso sein. Jedenfalls weiß ICH genau, warum Globuli bei meiner Katze NICHT wirken, die sogenannte „Schul“medizin hingegen schon.
  • DrHumbug
    DrHumbug
    Alle Homöopathie-Fans sollten neben dem Placebo-Effekt auch mal Begriffe wie z.B. Rosenthal-Effekt, Hawthorne-Effekt, und andere Beurteilungsfehler googlen.
  • Uli
    Uli
    Danke Herr Heydrich, schön beschrieben.....
  • Jojo2015
    Jojo2015
    Ich bin mit der Homöopathie aufgewachsen. Ich bin so gut bie krank gewesen.
    Meine drei Monate alte Tochter hatte was mit dem Bauchnabel. Habe meine Hebamme gefragt, sie antwortete, dasich es mit Homöophatie versuchen sollte. Es hat mit der Homöopathie sofort funktioniert. Am nächsten Tag war es weg. Ich bin davon überzeugt. Meine Mutter ist auch seit über 20 Jahre davon überzeugt.
  • Ocin
    Ocin
    Homöopathie hat einen reinen Placeboeffekt. Und an alle " mein Hund hat aber..." googelt doch mal "Placeboeffekt bei Tieren "!

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